FAHRLÄSSIG FEIERN

Ich habe noch nie etwas gefeiert. Genauer: Ich habe den Ausdruck „Ich feiere xy“ noch nie verwendet, außer es ging um meinen Geburtstag oder sowas. Seit Mitte 2013, einer Angabe, die ich soeben eigenhändig erfunden habe, wird er zudem verwendet im Sinne von „etwas enthusiastisch gutheißen“, was ja auch ein wenig unsexy klingt. Um mal was zu wagen, feiere ich hiermit fahrlässig den Film „Axolotl Overkill“. Fahrlässig ist das insofern, als ich den Film gar nicht gesehen habe und auch den Roman nicht kenne. Fahrlässigkeit hat aber eigentlich immer meinen Respekt, sogar Verursacher fahrlässiger Unfälle, die haben nämlich in der Regel einfach sehr viel Pech gehabt.

Diese hier ist aber harmlos und hat immerhin ein Gespräch der tollen Bianca Hauda mit der Hauptdarstellerin auf ihrer Seite, ich glaube, sie heißt Jasna Fritzi Bauer. Mein Schreibprogramm erklärt soeben beide Vornamen letzterer Dame (wie auch den Nachnamen der ersteren) für nichtexistent, was ich gut verstehe, aber gleichfalls wild in Kauf nehme. Mein Feiergrund ist bis auf Weiteres, dass diese Schauspielerin in dem Interview vorige Woche mehrere schöne Dinge gesagt hat. Erstens dass sie ihre eigenen Hörbücher nicht leiden kann, wenn sie später mal reinhört: „Furchtbar! Wer kauft so was?“ Freundlich musste diese sympathische Frau sich zureden lassen, sich in diesem Moment nicht für sämtliche künftigen Hörbuchaufträge unmöglich zu machen. Der zweite Satz bezog sich auf ihre halb-chilenische Herkunft und lautete: „In Chile würde ich mich gerne mal bei irgendwelchen Verwandten einzecken und denen auf den Sack gehen.“ Fand ich relativ lustig. Eigene Hörbücher habe ich zwar erst wenige und chilenische Verwandtschaft sogar nahezu überhaupt keine, aber eine Gemeinsamkeit immerhin haben Frau Bauer und ich, falls sie denn so heißt und ich das richtig verstanden habe: Auch sie hat den Roman bisher irgendwie noch nicht gelesen.

Gehen muss es in Buch wie Film ja ungefähr ums Heranwachsen, ums Nicht-Heranwachsen und um eine egomane Umgebung einer egomanen Heranwachsenden. Themen, die mich interessieren. Wissen tu ich vom Roman sonst nur, dass es zur Zeit seines Hypes eine Lesung daraus hier am Theater gab, die in meiner Erinnerung Coolness und Verruchtheit atmete. Weniger cool war eine Debatte damals, in der ein mir ansonsten unbekannter Blogger sich kurzzeitig über Interesse freuen konnte, weil ihm Plagiatsvorwürfe gegen die Autorin geglückt waren. Bin mir bewusst, dass dieser Satz komplett tendenziös ist, aber wenn schon fahrlässig, dann richtig. Ich bin ein Freund davon, in Internetzeiten das Verständnis von Eigentum zu modifizieren. Mit schiefen Klau-Kategorien, als wären Worte Autos oder Äpfel, war schon rund um Guttenberg zuviel Detektivisches zu hören.

Für das Urheberrechtsding nun die Verfilmung zu feiern, wäre freilich selbst mir zu schräg, daher beschränke ich mich darauf, sie DAFÜR nur gutzuheißen, vorsorglich aber nicht enthusiasisch. Wortrecht statt Filmtipp, fröhliche Willkür: Wollen ja nicht übertreiben.

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Schlaue Gespräche (mit Schluss zum Selberbasteln)

A: Wollten Sie auch zu Doktor Broselmann?
B: In der Tat, doch er scheint nicht da zu sein. Die Praxistür ist zu.
A: Haben wir etwa Mittwoch? Mittwochs haben Ärzte doch Urlaub.
B: Ich bitte Sie.
A: Verzeihung, vielleicht waren es auch Friseure.
B: Ein weit verbreiteter Irrtum. Keineswegs haben Ärzte mittwochs Urlaub, Friseure ebenso wenig. Neuere Studien haben gezeigt, dass umgekehrt zum Beispiel Müllmänner nicht nur einmal die Woche arbeiten, obwohl dies dem Bürger vorgegaukelt wird. Bei mir etwa kommen sie dienstags. Und gaukeln.
A: Ach, Studien! Die sind doch gekauft, sagen Sie mal.
B: Aha. Postfaktisch also.
A: Doktor Broselmann ist jedenfalls tatsächlich nicht da.
B: Der einfache Zeitgenosse sperrt sich den Erkenntnissen der Wissenschaft.
A: Und wissen Sie was? Ich gönne ihm seinen Urlaub!
B: Jetzt werden Sie mal nicht frech.
A: Vielleicht haben sie das auch zusammengelegt mit den Ruhetagen.
B: Nun gut. Ich will es Ihnen begreiflich machen. Kennen Sie die Boole’schen Operatoren?
A: Doktor Broselmann operiert ja gar nicht. Er ist doch kein Chirurg.
B: Alternativ geht auch Murphy’s Law, das Freud’sche Paradoxon oder die Heinemann’sche Unschärferelation.
A: Die feinen Herren.
B: Das können Sie alles ganz leicht selbst anwenden, um einmal an Ihren beschränkten Horizont zu appellieren: Was wäre denn, wenn Ärzte und Friseure am selben Tag zu hätten?
A: Alles zu!
B: Unsinn. Kein Arzt könnte jemals zum Friseur.
A: Ich behaupte, Doktor Broselmann könnte Langhaar sehr gut tragen.
B: Dies glaubt der Laie. Vielleicht haben Sie aber schon von den strengen Hygienemaßregeln für Mediziner gehört. Bereits in der Ausbildung muss jeder Arztanwärter ein hochkompliziertes Gesundheitszeugnis erwerben, und die Aufgaben zur Haarhygiene sind besonders schwer. Allein das Kapitel „Shampoos im Lichte des Volumens“ bringt neunzehn Punkte. Selbst Sie erahnen vielleicht, wie fatal es ist für junge Ärzte, hier nicht bestens präpariert zu sein.
A: Langsam staune ich aber doch über Ihr umfassendes Wissen.
B: Dankesehr. Das wollte ich hören.
A: Andererseits wäre es doch schlau, wenn eine Arztpraxis auf hätte, wenn alle anderen schließen. An dem Tag wäre da Hochbetrieb, das kann ich Ihnen aber sagen.
B: Antizyklisch, wie wir Lateiner sagen.
A: Und umgekehrt. So statt „Was Friseure können, können nur Friseure“ könnte der dann sagen: „Mittwochs schließen können auch Friseure.“ Oder: „Der Friseur Ihres Vertrauens: So zu wie ein Arzt.“
B: Dies klingt aber nach Medikamentenmissbrauch. Immer mehr Ärzte greifen selbst ins Schränkchen. Abschreckend und somit ganz untauglich aus Sicht des Marketingexperten. Ein Zugeständnis an Ihre Bemühungen: Ein derartiges Vorgehen könnte durchaus neue Kundenschichten erschließen.
A: Die Ärzte, denen Langhaar steht? Für die wären geschlossene Friseurläden ja DER Hotspot.
B: Nicht nur. Sie sollten wissen: Das Konzept des Pop-up-Stores generiert Kundschaft durch zeitliche Verknappung. Die Arztpraxis könnte umgekehrt jede Woche in der Lokalpresse inserieren und einen anderen Ruhetag ausrufen.
A: So „Jetzt aber schnell! Nur diese Woche montags geschlossen.“
B: Ich sehe, Sie verstehen. An diesem einen Montag kämen dann aus der ganzen Stadt die Angstpatienten.
A: Weil die ja froh sind, wenn zu ist.
B: Lassen Sie uns dies morgen Doktor Broselmann vorschlagen. Fachwissen trifft bauernschlau, wie wir Lateiner sagen. Immer mehr Ärzte [hier irgendeine schlaue Phrase über heutige Ärzte einfügen, etwa „werden gebraucht in ländlichen Gebieten“, „öffnen sich der Alternativmedizin“, „sind übermüdet durch Bereitschaftsdienst“, „kriegen den Hals nicht voll“, „verschreiben Generika“, „züchten Geranien“, „haben einen Hund“ etc.].
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Blubberpink und Peitsche. Ängstliche Entdeckung eines Ballettstudios

Ich fall nicht rein auf Rosa. Die Jubiläumsfeier der Tanzschule erreicht man per Wendeltreppe ins Hochfoyer, es strahlt nicht nur pink ausgeleuchtet, auch der Sekt ist schweinchenfarben. „Alle meinen, Tanzen ist so einfach“, behauptet die Tanzmeisterin, um zu erklären, warum sie sich samt Elevinnen vorm Tanz heute mit einem Schuhritual zum Ernst mahnt. Alle meinen das? Ich nicht, nie, Schweinchen hin oder her.
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„Studio B“ kommt keineswegs nur zum Feiern ins Remscheider Stadttheater, vielmehr zeigt es hier jährlich ein abendfüllendes Tanzstück – daher sein besonderes Verhältnis zum Haus, das Michèle Bialon heute mit Rührung betont. Aber nicht nur das: auch meines zum Studio. Die Lokalzeitung hatte mich 2015 zum Jahresstück geschickt, und bis dahin war ich unbedarft. Doch lahme Indifferenz beim Ballett? Undenkbar. Klar war das schnell beim Termin, und zwar aus zwei Gründen. „Schreiben Sie mal was Schönes!“, gab mir die Kassendame zur Karte freundlich mit auf den Weg, und außer zu grübeln, ob ich denn sonst also nicht schön schreibe, sah ich mich nett instruiert: Heute ist wichtig. Der Hinweis war gut, heut seh ich’s genauso.
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Spätestens so vorbereitet meldete sich dann der zweite Grund, mein ältester, vor Ballett gehörigen Respekt zu haben. Der betraf streng genommen zwar Eiskunstlauf, aber für Männer ist das dasselbe und jedenfalls gefühlte Basis für meine Ballett-Phobie: die YES-Reklame.
Vor circa dreißig Jahren warb ein Fernsehspot mit einer Eislaufszene für die Törtchen, eine in meiner Erinnerung ebenso eisige Lehrerin taute für drei Sekunden auf, um ihrer zuvor übers Eis gescheuchten Schülerin so ein Cremequader zu kredenzen. Herzig. Was nur umso hartnäckiger mein Bild vom Eislauf, also Ballett zementierte: Ausnahmen bestätigen die Regel, die Regel ist eiskalt. Tanz bleibt Drill, da helfen keine Torten. Und selbstverständlich: auch kein Rosa.
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Mein Bericht wurde euphorisch.
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Freilich: Es war dann doch echte Bewunderung, nicht nur das Zittern vor der Zuchtmeisterin, denn Frau Bialon ist eigentlich ganz nett. Gelegenheit zur diesbezüglichen Selbstkorrektur gab’s bei der Aufführung im Folgejahr, die zwar von der Lokalzeitung leider nicht begleitet wurde, von mir aber schon, und zwar in Form meines Aufnahmegeräts: Kaum bei Facebook erfahren, dass man den Einbau einer Erzählerstimme erwog und dafür solch einen Apparat gebrauchen konnte, hatte ich meinen angeboten, schon um meinem klammheimlichen Drang zur Bühne Genüge zu tun – wenigstens via Gerät. Die Übergabe in einem Café wurde gar nicht klammheimlich, sondern sehr angenehm, und die Meisterin verzichtete nicht nur auf eine Strafrunde übers Eis, sondern spendierte mir ganz im Gegenteil Kaffee und Croissant. dass, apropos, ihr Nachname keineswegs französisch ist, sondern polnisch, war einer der inhaltlichen Erträge des Treffs, ein anderer war, nun endgültig sicher zu sein: „Studio B“ ist eine Künstlertruppe, und die kann Remscheid gut gebrauchen.
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Als Freund des Konzepts Stadttheater hatte ich zu dem gewiss hübschen Haus in der Alleestraße immer ein eher geschäftliches, sprich kühles Verhältnis. Das Teo-Otto-Theater ist ein reines Gastspielhaus, jede Veranstaltung wird extern eingekauft, es gibt weder Ensemble noch sonst irgendeinen Bezug zur Stadt. Stört keinen, weil halt Gutes eingekauft wird, hat mich in einem Schreiben an meine Redaktion aber immerhin schon zur frechen Klärung veranlasst: „Das Otto-Theater ist gut, aber eigentlich kein Theater.“ Verbunden mit der Bitte, dies harsche Verdikt nicht dem Kulturdezernenten zu verraten, der in Personalunion Chef des freilich nicht existenten Theaters ist, mich eh auf dem Kieker hat, aber ja auch nicht enttäuscht werden soll. Selbst bin ich Freund des Westdeutschen Tourneetheaters in de Bismarckstraße, das winzig sein mag, aber doch ausgestattet mit eigenem Ensemble, künstlerischem Profil sowie Verwurzelung und also ein Theater ist.
Kein Bezug des TOT zur Stadt also… außer „Studio B“.
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Beim Plaudern mit Mme Bialon wurde auch immer klarer und machte mir die Truppe vollends wertvoll: Der Anspruch ist, Kunst zu machen. Kann durchaus heißen, nicht alles mitzuspielen, was vielen Standard scheint für Tanzschulen. Ändert übrigens alles nichts an meinem Fremdeln mit dem Tanz und allem drumherum, und die Meisterin selbst scheint gar nicht abgeneigt, das strenge Image zu zementieren: Kaum lösbare Aufgaben stelle sie ihren Schülern, sagt Michèle Bialon. Und auch beim Jubi-Vortanz gibt’s keinen Hehl aus dem Anspruch, und wahrscheinlich wissen nur die Schüler, wie viel Pose darin steckt und wie viel bare Münze: „Das gibt morgen im Unterricht aber eine Kritik!“, sagt sie mitten im Rosa, ins Rosa, trotz Rosa, und beim persönlichen Lob für jede Auftretende zur Feier des Tages lautet zu einer der Kommentar: „Sie ist enorm perfektionistisch. Weiß gar nicht, woher sie das hat.“ Ironisch? Selbstironisch? Oder doch eher wieder nur die drei Sekunden Torten-Toleranz? Muss ich gar nicht wissen eigentlich.
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P.S. Und dass Ballett nicht einfach ist, sondern Präzision in locker, streng in charmant, Eleganz im Pulk – alles Widersprüche in sich eigentlich: Auch das hätte beim Vortanzen erkannt, wer’s je bezweifelt hätte. Auf die Vorgabe, pro Tänzerin mit einer Improvisation den Raum zu queren, ersann jede spontan eine kleine Bewegungssequenz, und eine schnappte sich fürs Tänzeln eins der Sektgläser – Prickel-Pink als Requisite. Natürlich verlangt also Tanz nicht nur Fitness und Technik, sondern auch Multitasking und Selbstkontrolle. Der Verfasser war ja schon mit Gratulieren, sprich Austausch von Rosablubber und Geschenk ohne Meisterinbeschlabbern hoffnungslos überfordert.
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Spezialbrille, rosa (für Feiertage)

(Nachtrag November, „literarisch“.)

Soeben aufgefallen: Schloss Benrath habe ich dieses Jahr zu Pfingsten und dann wieder am dritten Oktober besucht. Hochfest und Einheitsfeier schienen wohl vertretbare Anlässe, um mal ganz fahrlässig spätbarocker Lebensart zu frönen. Und heut ist zwar kein Festtag, aber immerhin Herbst, also Gelegenheit, meinen besonders edlen Pullover spazierenzuführen. Vergessen, ja gleichgültig heute die feudale Unart Barons von XY, sich einst auf Kosten seines Volks mit einer Prunkwelt auszustatten. Auch Freunde von Mittelaltermärkten möchte man sonst ja gerne fragen, ob vormoderne Zustände für unsere liberalen Ideale wirklich so knorke gewesen wären, abgesehen von Liveschmied und Seyd-gegrüsset-Folklore.

Aber heut hab ich Urlaub. Ganz ähnlich gehe ich nach dem Treffen im nett-linken Freundeskreis mit Vorliebe komplett unverantwortlich noch zu „Burger King“ und lasse mir dort ökologische Ignoranz so gerne schmecken wie in Benrath die historische.

Nun macht es einem Benrath allerdings auch leicht, es als Ausnahme wahrzunehmen und freundlich zu beschmunzeln. Der ganze Stadtteil zehrt so sehr von der ikonischen Präsenz des Schlosses, dass nicht nur die Weihnachtsmarkthäuschen gerade seinen rosa Anstrich übernehmen. Das „Schlosshotel“ darf auch ein völlig schmuckloser Zweckbau sein, freilich frontal gen Schloss gerichtet. Und auch geheiratet wird gern vorm Spätbarock, an Pfingsten schien es auch mal ein arabisches Paar, denn als Fotomotiv verbindet Rosa Kulturen. Kann man schon mal machen, so am Feiertag.

 

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Kulturkritik? Kalauerkasse!

Friedemann Weise mit Soloprogramm – „Clownfisch“ in Utopiastadt

Friedemann Weise, bekannt durch Fotowitze im Internet, kam mit seinem Buch und Programm „Die Welt aus der Sicht aus schräg hinten“ in den Mirker Bahnhof. Gut Rock‘n‘roller nicht zu freundlich – und zum Glück nicht zu schlau.

„Langsam merken die ersten: Das wird nicht besser.“ Friedemann Weise macht sich ein diebisches Vergnügen daraus, Erwartungen zu enttäuschen. So auch im „Clownfisch“ im Mirker Bahnhof, wo das Publikum bei seinem Programm „Die Welt aus der Sicht von schräg hinten“ nicht immer so mitging, wie der Meister wollte. Angeblich. Zum Poltern gibt es aber immer Gründe.

Friedemann Weise ist Spaß- und Liedermacher, er ist aber auch ein kleiner Internet-Star, und seine Liveauftritte bringen auch auf die Bühne, wofür er online bekannt wurde: Spiele mit Sein und Schein wie der Fotowitz mit „Big Brother“ Obama, der per Neu-Montage einem Kind verrät: „Das ist nicht dein Vater.“ Sätze wie „Wenn man immer weiter geht, kommt man irgendwann wieder zum Ausgangspunkt! … Wenn man sitzen bleibt, ist man schon da.“ Blödsinn? Ja, aber höherer, loben kultivierte Geister und stellen schon große Vergleiche an.

Und dann das, hier in der Kneipe der Utopiastadt: Ein Schnösel zwischen rockig und abgerockt, der Zuschauer als „die Penner hier vorne“ beschimpft und ihnen Litaneien schlechter Witze zumutet. „Ich kann alles tragen. Bin daher guter Möbelpacker.“ „Wer bulimisch ist und lispelt, hat eine doppelte Ess-Störung.“ Und Praxisschilder von Therapeuten fotografiert hat, die Angst, Schroff und Schelte heißen. Als würde Stuckrad-Barre von der Lippe lesen. Kulturkritik? Kalauerkasse!

Weil er es kann. Kollegenbash geht gar nicht, erklärt der Mann gut rock-rebellisch, nachdem Nuhr und Hirschhausen soeben als narzisstische Gockel abgetan sind. Auch spontan poltern ist eine Gabe, wie beim Blick aufs Utopia-Interieur – beim Thema Vorlesen:  „Später werden aus Büchern Theken gebaut. Das ist auch nicht schön.“  Lieder verraten Schalk wie Sprachwitz beim etwas anderen Ich packe meine Koffer: „Ich nehme mit: Skischuh‘ als Erinnerungen /  An fest gefror‘ne Kinderzungen.“ Plus „alles aus Strophe eins“.

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Passt doch, irgendwie doch noch: Hinten geht’s schräg nach links oben

Und dann werfen die Kurz-Scherze gerade in ihrer Masse ja doch ein Licht auf News und Facts in Onlinezeiten: Clever präsentiert, lässt sich heute vieles verkaufen und zum Liken animieren. Vielleicht gerade bei Leuten, die zu schlau sein wollen; und dazu mag passen, dass Weises Lieblingsfeinde heute (bedauernswert übrigens) angebliche Hipster im Saal sind „mit eurem Matetee“, Leute also, denen man nachsagt, besonders cool den Durchblick zu haben.

So oder so – Wahrheiten zu montieren mit Aussagen, die nicht erfunden sind, aber ungenau, im wirren Wechsel mit purem Blödsinn: Das gab es heute gerade mit Wuppertal-„Fakten“ sehr schön zu erleben. Tuffi, irgendwie: „Die Schwebebahn wurde ursprünglich von vier Elefanten gezogen, gelockt mit Bananen und Gulaschsuppe.“ Wussten Sie schon? „Wuppertal hat das größte zusammenhängende Gebiet der Welt.“ Ah ja, wovon denn? Egal, steht so ähnlich auf Wikipedia.

Das könnte man alles Zeitkommentar nennen. Wäre bloß viel zu langweilig.

Tour: http://friedemannweise.de/termine/

Buch: Friedemann Weise: Die Welt aus der Sicht von schräg hinten, Ullstein Taschenbuch, 192 Seiten.

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Abstand und Anstand: My topics of the year

2016 wieder nicht gemacht: Ein bei Rot gehendes Kind anschnauzen: „Sie schlechtes Vorbild! Vielleicht bin ich ja einfach groß für mein Alter.“

Geschmackssache, diesen Scherz als Einleitung zu nehmen für ein Thema, das mich im vergangenen Jahr verstärkt umgetrieben hat: Abgrenzen. Sehr gut geht das natürlich mit Aufregern wie „was mit Kindern“, bei denen man sich ja mit wenigen Schritten zur Unzeit (Ampel) bequem ins gesellschaftliche Abseits befördern kann. Sozialer und auch ungleich relevanter kommt das Abgrenzen ins Spiel, wenn es um Massenbewegungen geht, speziell derzeit die gegen Flüchtlinge: Hiesige gegen Fremde. Leute, die behaupten, das Volk zu sein, demzufolge „Volk“ als recht bedrohliches Gebilde erscheinen lassen und damit eigentlich gerade herausfordern, auf Distanz zu gehen. Mein Interesse ist da nicht, ob auch ich mich dann nicht vielleicht von Flüchtlingen abgrenzen sollte. Brisant scheint nicht nur mir die Rolle von Politik und Medien und die Frage, wie viel Nähe zu Massenbewegungen für sie richtig ist. Nicht nur Richtung Pegida sehe ich bei mir da auch Dissens.

Mein eigenes Tun als freier Journalist mag da als Background nur bedingt taugen, denn ich schreibe hauptsächlich über Kulturthemen im weiteren Sinne, soft issues so gesehen, auch wenn politische Berührungspunkte natürlich dazu gehören, gerade dieser Tage. Sich Unabhängigkeit zu bewahren scheint mir auch hier jedenfalls nicht nur wünschenswert, sondern geradezu zentral für die Rolle der Medien; und schon gemessen an meinen Facebookposts dazu muss dieser Aspekt mich im vergangenen Jahr ziemlich beschäftigt haben. Einer sei hier auszugsweise zitiert:

Kulturell Aktive sollten Begleitung durch die Presse nicht als Qualitätsprüfung verstehen. Ich arbeite nicht bei „Stiftung Warentest“, und das ist auch sehr gut so! … Dazu gehört, nicht auf der Seite der Macher zu stehen, sondern sich zwischenzuschalten als möglichst autonomer Beobachter. Was aber auch heißt, dass ich ungern einfach pflichtschuldig irgendeinen „Service“ für die breite Leserschaft biete. Dafür habe ich nicht nur zu viel Respekt vor der Kunst, dafür bin ich auch selbst zu eitel.

Durchaus nicht ausgemacht übrigens, als Medienvertreter das Selbstbild „Dienstleister“ mit dem Leser als „Kunden“ von sich zu weisen. Wenigstens in der Kunst scheint es mir aber geboten. Ein Beispiel dafür war vergangenes Jahr eine Theaterinszenierung von Thomas Manns „Buddenbrooks“, die erkennbar auch auf den Schaueffekt der Spielstätte setzte: das sonst verschlossene Refugium einer wohlhabenden Barmer Händlergesellschaft. Luxus zieht – das mag nicht Kalkül des Regisseurs gewesen sein, eines Überzeugungstäters im guten Sinn; das der Geschäftsführung war es bestimmt, und ja auch mit Recht. Als Rezensent schien da mein Job wie Privileg, zum Geschäftskalkül so viel Distanz zu halten wie zur Bürgerneugier. Vorab beschied ich knapp, es bleibe abzuwarten, wieweit die Intentionen der gastgebenden Gesellschaft sich deckten mit denen der Künstler: Mann-gemäß, doch unmuseal mochten diese sich gerade für den Verfall mancher Räume interessieren, das nicht so Vorzeigbare also. (Nicht nur) meine Besprechung maß die Premiere dann auch daran, ob sie mehr war als Sightseeing. Weltfremd? Vielleicht. Geboten? Ich glaube schon.

(Einwurf: Unmögliche Orte kann man sich privat auch schon mal leisten. Unmöglich ist cool und macht autark – wenn denn die Skepsis bleibt: https://artikuliert.wordpress.com/2017/02/03/spezialbrille-rosa-fuer-feiertage/)

Wobei zur Arbeit der Medien selbstverständlich Respekt gehört. Beim Jahrestreffen eines bergischen Schützenverbands war das Schmunzeln fairerweise für später aufzusparen, wenn man Gesprächspartner und Festhalle verlassen hatte. Nicht viel anders freilich, als wäre man zu Gast bei einer anatolischen Volkstanzgruppe, die auch in puncto traditionelles Weltbild so weit nicht entfernt sein mag von den gut bürgerlichen Knallchargen. Dasselbe in jägergrün. Ja, für Distanz, ja Kühle zu manch Heimischem, Sorgen wie Vorlieben, müssen „die Medien“ zur Zeit Schläge einstecken.

Wie gesagt: Auch hier erlaube ich mir Distanz, nicht nur nach rechts. Eines der spannendsten  Projekte war für mich sicher meine Teilnahme an einer Schreibaktion zu Migration, bei der Zugewanderte ihre Geschichte erzählten und von Texterfahrenen zu Porträts formen ließen. In meinem Fall war das ein Flüchtling aus Damaskus, aber auch eine keineswegs geflohene Designerin mit kongolesischen Wurzeln oder eine für ein IT-Unternehmen tätige gebürtige Weißrussin (Artikel hier), die ihre Heimat nach dem Studium verließ, weil zu beengend und illiberal. Auszug:

„Der Hintergrund hilft Olga oft, den Blick zu wechseln. „Europäische Werte“ sind ja ein oft gehörtes Schlagwort, aber wohl auch durch diese Außensicht „ad hoc“ hat sie keine Schwierigkeiten, es zu konkretisieren: „Individuelle Freiheit“, das sei zentral für Europa, trotz aller aktuellen Gefährdungen. Als Beispiel verweist sie auf das Thema Homosexualität und die repressive Haltung Russlands dazu im Vergleich – und der russische Einfluss sei in Weißrussland weiter stark, wenn auch Lukaschenka sich neuerdings in Distanz versuche. Den Begriff „Liberalität“ für den europäischen Geist lässt sie zwar gelten, aber nicht ohne Zweifel am Kapitalismus US-amerikanischer Prägung, den das Wort für sie mit transportiert.

Wach und differenziert wirkt dieser Wechsel-Blick – übrigens auch auf Deutschland, von dem Olga heute verschiedene Regionen kennt: Wuppertal wie auch das Ruhrgebiet sind ihr angenehm, zum Süddeutschen zieht es sie weniger. Und die Hauptstadt? Ihr Urteil dazu mag überraschen, viele Osteuropäer teilen es, sagt sie und meint es gar nicht sehr begeistert: „Berlin ist für viele ziemlich osteuropäisch.“

Passt schon wieder – für den Perspektivenwechsel wird das generell auch nicht ungünstig sein mit dem Abstand.

Wo ich mir trotz alldem unkorrekte Distanz erlaube, das ist mein Lieblingsthema Denkmuster. Die massive Front von Links-Liberal gegen Pegida und Co erfordert nun einmal ein recht routiniertes Abstempeln: Nimmt mit der Zuwanderung auch die Sorge zu, wird die halt als extrem umdefiniert – Problem vom Tisch? Mich selbst interessiert übrigens Nationalidentität nicht, und wenn, dann kaum die deutsche. Aber wer bin ich, sind wir Gutlinken denn, diese Indifferenz zum Maßstab zu erklären? Abgrenzen mag als pädagogische Strategie sogar legitim sein, aber wenn sie dann als „Redeverbot“ erscheint und so die Aversionen noch verschärft, wirkt sie nicht nur anmaßend, sondern kontraproduktiv.

Postfaktisch ist ein beliebtes Wort in diesem Zusammenhang, aber es ist auch Unwort des Jahres und für mich daher Anlass eines hoffentlich wieder etwas heiteren Textes (derzeit noch under construction). Weniger als Faktentreue scheint mir gegen den Ansturm von rechts etwas anderes geboten: Anstand. Als zivilisierter Mensch hat man sich einfach am Riemen zu reißen, wenn Fremdes befremdet. Aber nicht weil irgendwelche Fakten gegen dieses Gefühl sprächen (wir sind halt nicht nur Ratio). Sondern weil sich Feindseligkeit ganz schlicht, ganz bürgerlich und nicht so anders als Über-Rot-Gehen, einfach nicht gehört.

 

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Post? Faktisch? Briefträgerdenke.

Der Wal ist kein Fisch, und Holland heißt nicht Niederlande. Na, spannend, diese Tatsachen? Für Wale und Niederländer bestimmt. Je nun, ich bin kein Faktenfan, und das ist auch gut so.

Alle Welt sieht „postfaktisch“ als Vorwurf und findet es anstößig, nicht pur nach Ratio zu ticken. Nicht nur dass so von der Kunst der Welt nicht viel übrig bliebe: Auch beim Schreiben, privat wie knallhart journalistisch, sind doch Fakten nicht viel mehr als nötiges Gerüst, Gerippe fast, die ihr Fleisch von ganz woanders kriegen. Sachverhalt. Wer ist man denn. Rehe sind übrigens keine Hirschkinder, sondern Meeressäuger und sprechen kein Holländisch, weil das wär nicht schlau genug. F*** it, pardon.

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(Mehr, seriöser: https://artikuliert.wordpress.com/2014/08/04/wir-geschichtenerzahler/)

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