Daumen hoch für planlos: Mein Rückblick 2017

Krasse Planung. Am Bahnhof kurz nach Weihnachten gezielt die Abfahrtszeit checken, erknobeln, dass es für einen Kaffee reicht, und diesen nach Kauf erst leeren, um dann am Ticketautomat die Hand frei zu haben: Für mich das reine Konzept. Wie planlos man ist, zeigt sich deutlich im Umgang mit anderen, und das kann peinlich sein, aber kokett gewendet auch Spaß machen: ‚Ich habe die Mitnahme eines Regenschirms vorsätzlich in ein kausales Verhältnis zum Wetterbericht gesetzt, statt diese Radiorubrik wie jedermann nur als retardierendes Moment zwischen Nachrichten und Musikprogramm abzuwarten!‘ Mit Ahnungslosigkeit irritieren kann sehr schön sein.

Keinen Plan haben: Das soll mein loses Motto über 2017 sein, und immerhin für diesen Text passt es dann ja gar nicht, denn Motto ist Plan, zumindest Rahmen; aber füllen lässt ein Rahmen sich doch so spontan bis sprunghaft, wie man lustig ist.

Bild könnte enthalten: im Freien

Plan gilt als Maß aller Dinge, planlos als unprofessionell und Nichtprofi als peinlich. Ich breche hiermit eine Lanze für den Berliner Flughafen,  bei dem die Empörung sich ja längst verselbständigt hat zum wohligen Spott über Dilettantismus. Profi geht mir auf die Nerven.

Sprung also zum Thema Profidenke, das mich schon lange umtreibt. Darunter: „Journalistisch schreiben“, ein weites Feld. Doch gleich wie weit: Gerne erlaube ich mir und mute anderen zu, mich nicht ständig zu fragen: Stehe ich auf dem J-Boden, auf einem anderen oder wo sonst? Nicht erst seit ich bei Joseph Roth (Weihnachtsgeschenk) derzeit Bedenkenswertes zu literarischem Journalismus lese. Im November habe ich eine Journalismuskonferenz besucht und mich dort für die Rolle der Presse gegenüber Lesern wie auch Akteuren interessiert, zufällig nur Tage darauf gab ein Künstlerkreis lokalen Zeitungsleuten ziemlich selbstbewusst zu verstehen, wo deren Rolle im Kulturleben sei.  Hier kurz dies: Termine wie diese sind wichtig zur Standortbestimmung der Presse – egal wie sehr ich mich selbst zu dieser zähle. Medienskepsis ist ja ein Komplex, der dieses Jahr sehr überindividuell wirksam war: Das Kreisen um die AfD schien die Bundestagswahl zu bestimmen, das Kreuzchen bei dieser Partei Zeichen gegen unser System und die Medien als angeblichen Teil davon. Womit denn ein politisches Topthema 2017 hiermit auch schon untergebracht wäre.

Auch nicht ganz planvoll:

Ende Exkurs.

Obwohl, Stopp noch: Unseriös ist natürlich auch, Filmbesprechungen zu schreiben über Filme, die man gar nicht gesehen hat, wie diese: https://artikuliert.wordpress.com/2017/07/03/fahrlaessig-feiern-ich-habe-noch-nie-etwas-gefeiert-genauer-ich-habe-den-ausdruck-ich-feiere-xy-noch-nie-verwendet-ausser-es-ging-um-meinen-geburtstag-oder-sowas-seit-mitte-201/

Jetzt aber Fortsetzung „J-Label und andere„: Beim erwähnten Künstlertreff war ich froh, als Kulturinteressierter eingeladen zu sein, nicht nur als „irgendwer mit Medien“. Dem vorausgegangen war eine Begebenheit früh im Jahr, als ich für die Zeitung eine Vernissage besuchte: Eine Frau sprach mich nett an, ich sei ja sicher auch Künstler, und ich musste zerknirscht gestehen: Eigentlich nur Presse. (Natürlich anders formuliert, man weiß sich ja zu benehmen; vor allem wenn plötzlich der Zeitungschef hinter mir gestanden hätte, den ich bis heute nicht kenne und vielleicht auch nicht kennen muss.) Aus der Liste der Kulturnetzwerk-Kandidaten hatte ich mich damit aber nicht katapultiert – das zeigte sich später zu meiner Freude und Genugtuung. Denn es stimmt ganz allgemein: Unter meinen „Kulturterminen“ sind nichtdienstliche mir vielfach die liebsten. Außerplanmäßig.

Beispiel Anfang des Jahres: Eine mir bekannte Regisseurin traf ich zum Essen und schaute mir danach endlich ihre aktuelle Inszenierung an, aus Privatinteresse. Geschrieben, da kann ich wohl nicht aus meiner Haut, habe ich trotzdem etwas dazu: Notizen, assoziativ, planlos. Aber: oder auch: Daher: Sie schien sich verstanden zu fühlen und schrieb zurück: „Ich habe mich so sehr über deine Bemerkungen gefreut!!“ Solche Reaktionen hört man nicht so häufig als Journalist, während er Journalist sein will. (Genau dann würde es übrigens tatsächlich nicht passen.)

Ein anderer Theaterbesuch nach Gutdünken war das Bochumer „Theatertexte NL“, zu dem ich nachher Eindrücke im Blog eines Freundes loswurde und dort programmatisch schrieb:

„… So ein Wochenende mit Gesprächen und szenischen Lesungen ist schon etwas „special interest“ und schmeichelt ein bisschen dem Aficionado im Besucher. … Nach Ende eines Stücks gemeinsam zum Talk ins Tanas zu gehen und dann wieder zurück, ist so ein schönes Element, das solch ein Format vom normalen Theaterbesuch unterscheidet.“

Und dann zum Auftritt: „…Nicht komplett, nicht so perfekt – das mögen heute Eigenschaften sein, die auch sonst beim Theater manch gute Anregung geben könnten.“

http://fischpott.com/theatertexte-nl/

Fall drei dann gänzlich ungeplant, zumindest von meiner Seite: In einer schummrigen Kultkneipe lasen zwei Schauspielerinnen Texte, und ich haute was ins Facebook.

… Obszön: sehr. Derb: null.
Die wollen nur spielen! Das ist so ein schöner Eindruck, der sich von Theaterleuten bei solch engen Off-Auftritten vielleicht am besten einstellt, spätestens wenn plötzlich auch noch der Intendant sich vom Nebentisch einschaltet und laut von seinen Frauengeschichten erzählt.

https://www.facebook.com/martin.hagemeyer/posts/1457254557717313?pnref=story

Hauzeit halb drei nachts, und Österreichs Rechtsruck kam auch noch zu seinem Recht, weil zum Rechner die Zwei-Uhr-Nachrichten liefen. Und weil halt Ösi-Schummertexte. Dienstlich: null. Schön: sehr.

Um dann auch zu schließen mit Kulturzeug: Ist denn Offenheit für Unerwartetes aka Planlos nicht eine ganz wesentliche künstlerische Grundhaltung?

An der linken Seitenwand hängen Darstellungen von Planeten, und ihr Material ist interessant: Die Künstlerin besitzt eine Sammlung aus Hunderten Fotos und wählte daraus einige, die durch kreisrundes Ausschneiden nun Neptun oder Uranus ähneln. Was heute als farbige Struktur eines Planeten erscheint, war demnach ursprünglich die Aufnahme von etwas sehr Irdischem – etwa einem Wasserschaden in ihrem Atelier. Wenn man so will: Ein ästhetisch günstiger Zufall.

http://www.wz.de/lokales/wuppertal/kultur/kuenstlerin-heike-pallanca-macht-die-galaxie-anschaulich-1.2431822

(Ein Beitrag von mir, der dieses Jahr jedenfalls gelobt wurde.)

Stichwort NL, leider: Mein Beitrag zu „Theatertexte NL“ ist in meinen inneren Annalen auch verknüpft mit einem Fail Of Fails Of The Year. Angefügt hatte ich ihn meiner Bewerbung für eine Mitarbeit in der Dramaturgie an Olaf Kröcks Schauspielhaus Bochum. Kurz gesagt: Das Lesen seiner Mails wegen möglicher Einladungen zum Vorstellungsgespräch sollte man manchmal nicht auf nächste Woche verschieben, weil die dann überholt sein könnten. War dann auch so. Planlos bringt’s nicht immer. Lektion gelernt …

Zu viel Plan macht aber auch suspekt, da bleibe ich stur:

Zur Bundestagswahl begann die lokale SPD sehr früh, sehr massiv und sehr überlegt, ihren neuen Kandidaten aufzubauen. In mehreren Schritten, mit einheitlichen Plakaten, Ansprache… Corporate Design, nichts weniger. Für mich zu viel: Mehr weil der Overkill  mich nervte als aus politischen Gründen, habe ich Helge Lindh nicht gewählt. Und das mag als Wahlmotiv seinerseits natürlich unreif sein – aber, Vorschlag zur Güte: Wenn gute Parteien im Internet blöde Slogans posten und nach Klicks gieren, kriegen sie vielleicht TROTZDEM meine Stimme. Aber nicht mein Like.

Kein automatischer Alternativtext verfügbar.

Fast hätte ich alter Sturkopf mich dann vom überraschend zielstrebigen Auftritt abhalten lassen, ein tolles soziales Projekt gut zu finden – ließ mich zum Jahresende aber dann doch noch überzeugen: https://www.engels-kultur.de/cookin-hope-swane-cafe-wuppertal „Robuste Anweisungen“, „Rezept“,“recht routiniert“: „Das wird es brauchen.“ Das war durchaus reserviert gemeint, doch es geht ja um was.

BREAK! CUT! THEMENWECHSEL! Lieblingssatz, meiner, einer:

Zootiere sperren Menschen ein, im Bild dazu wird ein lethargischer Riese von einem Mini-Tuffi getriezt. Kurz: Die Welt ist voller Kämpfe, Krämpfe und Genitalien. Schön ist das nur manchmal.

Da dieser Rückblick keineswegs nur privat sein soll, muss wieder Politik her, und Grund gab es ja genug. Medienskepsis ist ja ein Komplex, der dieses Jahr sehr überindividuell wirksam war: Das Kreisen um die AfD schien die Bundestagswahl zu bestimmen, das Kreuzchen bei dieser Partei Zeichen gegen unser System und die Medien als angeblicher Teil davon. Womit denn ein politisches Topthema 2017 hiermit auch schon untergebracht wäre.

Wer den vorigen Abschnitt schon kennt, braucht nicht Guttenplag zu alarmieren – ich weiß einfach noch nicht, wo er am besten passt. Beispiel für Plan oder für Planlosigkeit? Entscheidet sich vielleicht daran, ob am Ende der Text gut ist?

Privat gab es dieses Jahr mindestens einen ziemlich eindeutig planvollen Annäherungsversuch von weiblicher und übrigens toller und schmeichelhafter Seite. Aber ich glaube, ich suche einfach nicht.

Wieder Politik: Zum Umgang mit AfD und Migrationsskeptikern passt das Plan-Thema gut. Denn es gibt einerseits Ansätze, dem Erstarken der Rechten mit Konzept zu begegnen, und darunter den der Stigmatisierung. Rechts darf nicht normal werden und daher auch kein Teil des Diskurses, so ungefähr lautet das Rezept, und mir liegt fern, es abzulehnen. Reserviert bin ich aber aus zwei Gründen: Einem persönlichen rund um eine Antifa-Aktion in Wuppertal. Und einer Beobachtung – der nämlich, dass die Front sich Feinde macht. Für die es dann erst sexy wird, durch AfD-Wahl den Rebellen kontra Front zu mimen. Und soweit ein Konzept aus lauter Plan sein eigenes Angriffsziel stärkt, ist es schräg, eigentlich ein Bärendienst. [Antifa-Beitrag bis PRIMA KLIMA. Dann evtl wieder springen zu NL, Fail, engels … dann evtl zu Textgebastel] In einem mir lieben Elberfelder Café sprengten Antifa-Aktive eine Diskussionsrunde, weil auch Vertreter der AfD geladen waren. Ich kommentierte zwar maßvoll, dennoch entsetzt, und Anstoß nahm ich ein wenig am Plan, am disziplinierten Wenn-Dann-Denken.

Auszug: Finden kann man so vieles, auch falsch finden darf jeder diesen Ansatz oder jenen, soviel er mag. Strategen freilich können nichts bloß finden, denn sie sind Kriegsherren. Oft mit komplett vernünftigen Zielen.

https://www.facebook.com/martin.hagemeyer/posts/1168968886545883

Freilich bin ich auch einfach Freund des Ladens und überdies harmoniebedürftig. Gegen Jahresende dann schrieb ich den Aufmacher zu einem ganz anderen Thema, dem Klimaschutz zum Anlass Weltklimakonferenz. Ein Bogen vielleicht oder eine Selbstkorrektur – denn vor Plan zieht er den Hut. Vielleicht, vielleicht ist es ja wirklich so, liebe Antifa: Engagement braucht Einseitigkeit; Aktion ist gar nicht möglich, ohne anmaßend zu sein.

Auszug: Moralisieren als menschliche Grundkonstante – diese Analyse der Alarmisten macht Spaß und ist verführerisch.

Das sind alles schöne Überlegungen. Tückisch wird das Psychologisieren allerdings, wenn es den praktischen Blick überlagert. In Bonn demonstrierten auch Vertreter der Mapuche, indigener Volksgruppen, die ihr Land, ihren Lebensraum ganz unpsychologisch wegbröckeln sehen. Die Wochenzeitung „der Freitag“ regte an, FDP-Chef Lindner möge diesen Menschen doch einmal ins Gesicht sagen, „dass der Tagebau nicht geschlossen werden kann, weil die Strompreise steigen würden.“ Und so bleibt denn guter Wille, vor allem aktives Handeln unverzichtbar, selbst wo es nach Spaßbremse riecht. Solange Menschen aus Gedankenlosigkeit die Umwelt zerstören, braucht es Plan dagegen, von Bürgern wie Politik, Sharern wie Konferenzlern.

https://www.engels-kultur.de/das-klima-zwischen-wille-und-bloedheit

 

Völlig ohne Zusammenhang ein Lieblingstext dieses Jahr: „Facebook ist Blödsinn„, auf Facebook veröffentlicht. Soziale Medien als Ort, ich möchte sagen HORT, von planlos. Ach ja: Auch Blogs wie dieser. Businesspeople, Finger weg!

Smiley.


PS Dieser Text enthält eine fahrlässig nicht getilgte interne Klammernotiz.

Advertisements

Über martinhagemeyer

"artikuliert": Ideen, geäußert und / oder zu Artikeln gemacht. Das habe ich jedenfalls vor.
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s