Wir Geschichtenerzähler

Eine Einsicht sollte man aus dem aktuellen SPIEGEL-Missgriff gegen Putin ebenso ziehen wie aus den Affären um Wulff oder den ADAC: Journalisten machen aus Tagesgeschehen ihr eigenes Ding – und das heißt: marktgängige Produkte. Ein Plädoyer für gelassene Medienskepsis.

 

Ich schreibe für Zeitungen. Als freier Mitarbeiter von zwei, drei Lokalblättern. Eigentlich schreibe ich aber alles Mögliche: Zeitweise Anzeigen in einer Werbeagentur, Projektporträts für eine Stadtteilbroschüre, außerdem auch Kolumnen und Kurzgeschichten, die ich bei Slams und Lesungen vortrage. Diesen textlichen Gemischtwarenladen könnte man als Grund vermuten, warum ich journalistische Texte für ziemlich willkürliche Gebilde halte, die ungeeignet sind für blindes Vertrauen. Weil es bei derlei Allzweckschreibern bestimmt schnell drunter und drüber ginge mit Fakten und Fiktion.

Tatsächlich erklärt dieser Mix meinen Eindruck aber nicht. Denn auch unter Vollzeit- und Vollblutjournalisten völlig üblich für das, was sie tagtäglich verfertigen und gern als nur der Wahrheit verpflichteten Dienst an der Allgemeinheit sehen, ist das Wort „Geschichte“. „Machen Sie die Geschichte zu den Missständen im Krankenhaus?“ „War von dir damals nicht die Geschichte über die Krise bei Firma xy?“ Solche Sätze kennen auch forsche Investigativreporter, die sich die Bezeichnung „Geschichtenerzähler“ mit Unverständnis verbitten würden.

Fabulierfreude und kreative Anordnung

Ein beliebter Vorwurf von Politikern, wenn belegte Zitate aus ihrem Mund sie medial in ein ungünstiges Licht stellen, lautet, diese seien „aus dem Zusammenhang gerissen“. Zum Vorwurf taugt für Journalisten der selektive Umgang mit Äußerungen eigentlich aber gar nicht, ist es doch ihr täglich Brot, nach Gutdünken neue Zusammenhänge aus Einzelfakten zu basteln – Geschichten eben.

Menschen schätzen es allerdings nicht, wenn ihre Erlebnisse zum freien Stoff für fabulierfreudige Autoren werden. Ich selbst habe kürzlich kritische Internetkommentare für einen Lokalkultur-Artikel geerntet, in dem ich einen Poetry Slam als Anlass nutzte, dieses Live-Literatur-Format grundsätzlich mit Sport zu vergleichen. Vielleicht vermissten die Kollegen hier die Abgrenzung zwischen Presse und Poesie.
Besonders weh tut mediale Eigenmächtigkeit bei so peripheren Themen zwar keinem – bei größeren Dimensionen wird sie aber schnell als Anmaßung und Schlimmeres empfunden: Was anders als (zugegeben geschmackloses) Uminterpretieren haben denn die Regenbogenblätter im Fall Michael Schumacher sich zuschulden kommen lassen, als sie die spärlichen Verlautbarungen zum Gesundheitszustand des verunglückten Rennfahrers zu vielkritisierten Aufmachern mit Pseudo-Neuigkeiten auswalzten („Aufgewacht!“)? Den Unterschied gegenüber harmloser Alltagspresse ergeben die Dimension und die sensible Thematik – nicht die Methode.

Eher zum Schmunzeln sind da die Versuche von „Frau im Spiegel“ und Co., die Sehnsucht ihrer Leserschaft nach royalem Nachwuchs durch kreative Anordnung irrelevanter Einzelmeldungen zu befriedigen: „Ein Baby! Diese Nachricht verzaubert alle“ war neulich über dfas Fürstentum Monaco mit seiner hier so zögerlichen Charlene zu lesen, gefolgt von ganz wunderbaren Phantastereien über glücklich ob der frohen Botschaft lächelnde Fischer im Hafen von Monte Carlo. Die Fakten waren: Eine Verwandte Charlenes hatte ein Baby bekommen, und irgendwo anders hatte Charlene bekannt gegeben, sie vertraue für sich auf „die Hand Gottes“. Alles wahr, alle froh.

Konkurrierende Anbieter, die ihren Markt beliefern

Eigenmächtiges Gebaren hat auch Christian Wulff deutschen Medien vorgehalten, die zu seinem Sturz als Bundespräsident beigetragen hatten. In seinem ersten großen Interview nach seinem Rücktritt brachte er jüngst gegenüber dem SPIEGEL veränderte Regularien des Presserats ins Gespräch, damit mediale ‚Auswüchse‘ strenger geahndet werden könnten. Ob es nun nach seinem fatalen Einflussversuch über die Mailbox des „Bild“-Chefs eine weitere Ungeschicklichkeit Wulffs war, sich erneut den Anschein eines Zensurfreundes zu geben, oder nur konsequent: Auch aus der Außensicht erscheint die Presse-Lawine, die erstmals ein deutsches Staatsoberhaupt zu Fall brachte, als Lehrbeispiel dafür, wie mediale Prozesse funktionieren: Ein Thema wird entdeckt und für relevant befunden – und damit ist ein Spiel eröffnet, das eine Eigendynamik entwickelt.

Hier mag indes weniger die Suche nach einer guten Geschichte den Antrieb gegeben haben – dafür ein anderer, nicht minder folgenschwerer Grund für journalistische Selbstherrlichkeit. Es ist dies die Tatsache, dass die Presse Teil des freien Marktes ist.
– Dass Unabhängigkeit von staatlichem Einfluss neue Abhängigkeiten schafft, gilt für alle Branchen, ist aber für die der Medien mit ihrer Rolle als „Instanz“ besonders schwerwiegend. Keine Zeitung, kein Sender kann es sich leisten, am Publikumsgeschmack vorbeizuberichten. Ein Dilemma, vor dem also nicht nur etwa die „freie“ Kultur steht wie die Stadttheater, sondern mehr noch für „freie“ Medien, die von Subventionen aus gutem Grund ja sogar ausgenommen sein sollen.

Der Polit-Blogger Stefan Niggemeier seziert jetzt die Reaktion des SPIEGEL auf die Proteste, die sein Cover „Stoppt Putin jetzt“ hervorgerufen hatte. Er kommentiert: „Ah, das Cover, in dem der ‚Spiegel‘ in lautesten Tönen danach ruft, Putin jetzt zu stoppen, illustriert also nur die Haltung der Bundesregierung. Der ‚Spiegel‘ hat die Haltung der Bundesregierung und einer angeblichen knappen Mehrheit der Bevölkerung einfach mal in ein Cover gegossen. Es ist kein schriller Appell, wie man als unbefangener Leser denken könnte, sondern die Titelbildwerdung der Position der Bundesregierung, die die Position des ‚Spiegels‘ ist.“ Niggemeiers Urteil zu dieser Orientierung am Mainstream: „Es ist ein völliger argumentativer Bankrott.

Das beweist sein löbliches journalistisches Ethos, erstaunt aber doch: Nicht erst seit diesem Fehlgriff des Nachrichtenmagazins beliefert die Presse, ob Boulevard oder seriös, gewohnheitsmäßig ihre Nutzer mit dem, was sie wollen.

Wie seltsame Blüten die Hörigkeit gegenüber dem Appetit der zahlenden Leser treiben kann, war schön beim Skandal um den ADAC mit seinen getürkten Autotests zu beobachten. Hatte das Volk einmal Blut geleckt, so ganz offensichtlich das Kalkül vieler Medienschaffender, würde es sich auch dankbar auf „bad news“ gleich welcher Art über den Club stürzen, nachdem dessen Saubermann-Image einmal dahin war. Plötzlich machten Meldungen die Runde, ADAC-Granden hätten Rettungshubschrauber privat genutzt – was ja interessant sein mag, bloß mit dem eigentlichen Thema „Käuflichkeit von Qualitätsurteilen“ exakt so viel zu tun hatte: null.
Warum auch – Fakt war es ja.

Wahr ist, was man draus macht

Und damit sind wir bei demselben Punkt wie schon bei der Fabulierlust des verkappten Literaten im Journalisten. Einem Knackpunkt: Nicht etwa weil die Presse „lügen“ würde, sollte wohldosierte Skepsis ihr gegenüber schleunigst Kardinaltugend aller Mediennutzer werden. Sondern weil auch unbestrittene Tatsachen höchst tendenziös präsentiert werden können. Und das werden sie dann, wenn diese Tendenz Applaus beim Kunden verspricht.
In aufgeklärt modernen Köpfen bedeutet „faktisch“ alles, das Label „Erwiesenheit“ den Ritterschlag für jede Information. Nicht nur gegenüber Medien ist das fahrlässig: Der bedenkenlosen Zahlengläubigkeit ist es ziemlich egal, ob eine Werbung lockt mit dem Versprechen „83 Prozent aller Flecken entfernt unser Waschmittel!“ oder aber mit einem genauso „erwiesenen“ „83 Prozent aller Kunden glauben, dass unser Waschmittel Flecken entfernt!
Und darin eben ähnelt die Presse wie manches andere heute der Reklame: Selbst mit komplett erwiesenen Tatsachen kann man – ob belletristisch begründet oder ökonomisch – ganz schöne Geschichten machen. Schön soweit. Geschichte zu machen aber, als Jäger und Richter zugleich ins Weltgeschehen einzugreifen: Auf dieser Basis kommt solch eine Rolle den Medien nicht zu.

Fazit: Da Zensur trotz alledem keine Option ist, bleibt der Leser gefordert, die Presse endlich als das zu sehen (und entsprechend distanziert zu nutzen), was sie ist: ein eigennütziger, also ganz normaler Marktakteur.

 

(Auch zum Hören: https://www.youtube.com/watch?v=qK1LehMvc58)

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Über martinhagemeyer

"artikuliert": Ideen, geäußert und / oder zu Artikeln gemacht. Das habe ich jedenfalls vor.
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