Abstand und Anstand: My topics of the year

2016 wieder nicht gemacht: Ein bei Rot gehendes Kind anschnauzen: „Sie schlechtes Vorbild! Vielleicht bin ich ja einfach groß für mein Alter.“

Geschmackssache, diesen Scherz als Einleitung zu nehmen für ein Thema, das mich im vergangenen Jahr verstärkt umgetrieben hat: Abgrenzen. Sehr gut geht das natürlich mit Aufregern wie „was mit Kindern“, bei denen man sich ja mit wenigen Schritten zur Unzeit (Ampel) bequem ins gesellschaftliche Abseits befördern kann. Sozialer und auch ungleich relevanter kommt das Abgrenzen ins Spiel, wenn es um Massenbewegungen geht, speziell derzeit die gegen Flüchtlinge: Hiesige gegen Fremde. Leute, die behaupten, das Volk zu sein, demzufolge „Volk“ als recht bedrohliches Gebilde erscheinen lassen und damit eigentlich gerade herausfordern, auf Distanz zu gehen. Mein Interesse ist da nicht, ob auch ich mich dann nicht vielleicht von Flüchtlingen abgrenzen sollte. Brisant scheint nicht nur mir die Rolle von Politik und Medien und die Frage, wie viel Nähe zu Massenbewegungen für sie richtig ist. Nicht nur Richtung Pegida sehe ich bei mir da auch Dissens.

Mein eigenes Tun als freier Journalist mag da als Background nur bedingt taugen, denn ich schreibe hauptsächlich über Kulturthemen im weiteren Sinne, soft issues so gesehen, auch wenn politische Berührungspunkte natürlich dazu gehören, gerade dieser Tage. Sich Unabhängigkeit zu bewahren scheint mir auch hier jedenfalls nicht nur wünschenswert, sondern geradezu zentral für die Rolle der Medien; und schon gemessen an meinen Facebookposts dazu muss dieser Aspekt mich im vergangenen Jahr ziemlich beschäftigt haben. Einer sei hier auszugsweise zitiert:

Kulturell Aktive sollten Begleitung durch die Presse nicht als Qualitätsprüfung verstehen. Ich arbeite nicht bei „Stiftung Warentest“, und das ist auch sehr gut so! … Dazu gehört, nicht auf der Seite der Macher zu stehen, sondern sich zwischenzuschalten als möglichst autonomer Beobachter. Was aber auch heißt, dass ich ungern einfach pflichtschuldig irgendeinen „Service“ für die breite Leserschaft biete. Dafür habe ich nicht nur zu viel Respekt vor der Kunst, dafür bin ich auch selbst zu eitel.

Durchaus nicht ausgemacht übrigens, als Medienvertreter das Selbstbild „Dienstleister“ mit dem Leser als „Kunden“ von sich zu weisen. Wenigstens in der Kunst scheint es mir aber geboten. Ein Beispiel dafür war vergangenes Jahr eine Theaterinszenierung von Thomas Manns „Buddenbrooks“, die erkennbar auch auf den Schaueffekt der Spielstätte setzte: das sonst verschlossene Refugium einer wohlhabenden Barmer Händlergesellschaft. Luxus zieht – das mag nicht Kalkül des Regisseurs gewesen sein, eines Überzeugungstäters im guten Sinn; das der Geschäftsführung war es bestimmt, und ja auch mit Recht. Als Rezensent schien da mein Job wie Privileg, zum Geschäftskalkül so viel Distanz zu halten wie zur Bürgerneugier. Vorab beschied ich knapp, es bleibe abzuwarten, wieweit die Intentionen der gastgebenden Gesellschaft sich deckten mit denen der Künstler: Mann-gemäß, doch unmuseal mochten diese sich gerade für den Verfall mancher Räume interessieren, das nicht so Vorzeigbare also. (Nicht nur) meine Besprechung maß die Premiere dann auch daran, ob sie mehr war als Sightseeing. Weltfremd? Vielleicht. Geboten? Ich glaube schon.

(Einwurf: Unmögliche Orte kann man sich privat auch schon mal leisten. Unmöglich ist cool und macht autark – wenn denn die Skepsis bleibt: https://artikuliert.wordpress.com/2017/02/03/spezialbrille-rosa-fuer-feiertage/)

Wobei zur Arbeit der Medien selbstverständlich Respekt gehört. Beim Jahrestreffen eines bergischen Schützenverbands war das Schmunzeln fairerweise für später aufzusparen, wenn man Gesprächspartner und Festhalle verlassen hatte. Nicht viel anders freilich, als wäre man zu Gast bei einer anatolischen Volkstanzgruppe, die auch in puncto traditionelles Weltbild so weit nicht entfernt sein mag von den gut bürgerlichen Knallchargen. Dasselbe in jägergrün. Ja, für Distanz, ja Kühle zu manch Heimischem, Sorgen wie Vorlieben, müssen „die Medien“ zur Zeit Schläge einstecken.

Wie gesagt: Auch hier erlaube ich mir Distanz, nicht nur nach rechts. Eines der spannendsten  Projekte war für mich sicher meine Teilnahme an einer Schreibaktion zu Migration, bei der Zugewanderte ihre Geschichte erzählten und von Texterfahrenen zu Porträts formen ließen. In meinem Fall war das ein Flüchtling aus Damaskus, aber auch eine keineswegs geflohene Designerin mit kongolesischen Wurzeln oder eine für ein IT-Unternehmen tätige gebürtige Weißrussin (Artikel hier), die ihre Heimat nach dem Studium verließ, weil zu beengend und illiberal. Auszug:

„Der Hintergrund hilft Olga oft, den Blick zu wechseln. „Europäische Werte“ sind ja ein oft gehörtes Schlagwort, aber wohl auch durch diese Außensicht „ad hoc“ hat sie keine Schwierigkeiten, es zu konkretisieren: „Individuelle Freiheit“, das sei zentral für Europa, trotz aller aktuellen Gefährdungen. Als Beispiel verweist sie auf das Thema Homosexualität und die repressive Haltung Russlands dazu im Vergleich – und der russische Einfluss sei in Weißrussland weiter stark, wenn auch Lukaschenka sich neuerdings in Distanz versuche. Den Begriff „Liberalität“ für den europäischen Geist lässt sie zwar gelten, aber nicht ohne Zweifel am Kapitalismus US-amerikanischer Prägung, den das Wort für sie mit transportiert.

Wach und differenziert wirkt dieser Wechsel-Blick – übrigens auch auf Deutschland, von dem Olga heute verschiedene Regionen kennt: Wuppertal wie auch das Ruhrgebiet sind ihr angenehm, zum Süddeutschen zieht es sie weniger. Und die Hauptstadt? Ihr Urteil dazu mag überraschen, viele Osteuropäer teilen es, sagt sie und meint es gar nicht sehr begeistert: „Berlin ist für viele ziemlich osteuropäisch.“

Passt schon wieder – für den Perspektivenwechsel wird das generell auch nicht ungünstig sein mit dem Abstand.

Wo ich mir trotz alldem unkorrekte Distanz erlaube, das ist mein Lieblingsthema Denkmuster. Die massive Front von Links-Liberal gegen Pegida und Co erfordert nun einmal ein recht routiniertes Abstempeln: Nimmt mit der Zuwanderung auch die Sorge zu, wird die halt als extrem umdefiniert – Problem vom Tisch? Mich selbst interessiert übrigens Nationalidentität nicht, und wenn, dann kaum die deutsche. Aber wer bin ich, sind wir Gutlinken denn, diese Indifferenz zum Maßstab zu erklären? Abgrenzen mag als pädagogische Strategie sogar legitim sein, aber wenn sie dann als „Redeverbot“ erscheint und so die Aversionen noch verschärft, wirkt sie nicht nur anmaßend, sondern kontraproduktiv.

Postfaktisch ist ein beliebtes Wort in diesem Zusammenhang, aber es ist auch Unwort des Jahres und für mich daher Anlass eines hoffentlich wieder etwas heiteren Textes (derzeit noch under construction). Weniger als Faktentreue scheint mir gegen den Ansturm von rechts etwas anderes geboten: Anstand. Als zivilisierter Mensch hat man sich einfach am Riemen zu reißen, wenn Fremdes befremdet. Aber nicht weil irgendwelche Fakten gegen dieses Gefühl sprächen (wir sind halt nicht nur Ratio). Sondern weil sich Feindseligkeit ganz schlicht, ganz bürgerlich und nicht so anders als Über-Rot-Gehen, einfach nicht gehört.

 

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Über martinhagemeyer

"artikuliert": Ideen, geäußert und / oder zu Artikeln gemacht. Das habe ich jedenfalls vor.
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