Antizylisch im Anmalgeschäft

(Eine Kolumne oder so.)

 

Der neue Döppersberg müsste ein weiterer Schritt sein in ein Zeitalter der Fitness und Vitalität, denn vor kurzem eröffnete hier die obligatorische Bahnhofsdrogerie. Dass es in der Tat um Gesundheit geht in dieser Art Läden, klärte neulich mein Kreuzworträtsel, wo zu DROGERIE, waagerecht, acht Buchstaben, die schöne Umschreibung „Gesundheitsmarkt“ hieß. Wenngleich diskutabel: Modernes Wissen lauert überall, man muss es nur suchen.

Jeder Bahnhof von Ehre hat bekanntlich so einen Markt, vielleicht außer Vohwinkel. Ein schöner Fall von „Gesetz obwohl irrational“, von „normativ trotz Quatsch“, denn erklärt sich plötzliches Hygienebedürfnis logisch damit, dass man sich einem Bahnhof nähert? Auch mein Rätselheft hilft nicht aus der Aporie, denn die Märkte bieten ja keineswegs nur Mittel gegen Reiseübelkeit. Rational wäre eine Ansiedlung von Drogerien am Bahnhof, wäre sie so biologisch begründet wie die von Pflanzen. Die übrigens der drogenfreie Vohwinkler Bahnhof dafür bei der Kulturtrasse zum Thema gemacht hat, als Künstler in der „Kunststation“ sich solcher Flora und Fauna widmeten, die sich typischerweise in Bahnhofsnähe findet. Drospas waren nach meiner Erinnerung keine darunter, doch der beste Nährboden ist halt Gewohnheit: Die Dinger kommen hin, wo man sie sucht. Für Duschgel zum Zug geht man ja nicht, weil es logisch sein müsste, sondern weil man duschen will.

Dass jedenfalls Drogerien so fruchtbar aus dem Boden sprießen, stört manchen, und das ist auch zu verstehen. Mein Verhältnis zu Drogerien ist aber entspannt, und das liegt an nicht weniger als meiner Sympathie fürs Ausscheren. Nicht über Gebühr sexistisch scheint mir die Annahme, dass dort die Kundschaft überwiegend weiblich ist. Prompt in Konflikt mit meinem Rätselheft gerät indes die These, dass es dort weniger um Gesundheit geht als um Kosmetik – und schon wird ausgeschert. Denn außer Kategorien wie „Herkunft“ oder „Lieblingsverein“ erlaube ich mir gern den Luxus, auch „Geschlecht“ generell für eine recht lahme Schublade zu halten. Als Mythos, den wahrscheinlich einzigen mit quasi ewiger Bestandsgarantie, denn zum Fortgang der Menschheit scheint er konstitutiv. M/F in die Mottenkiste? Unsexy. Fortpflanzungsuntauglich. Das aber gebietet Lob für solche Frauen, die Schönheit nicht als Lebensziel sehen und mehrstöckige Anmalgeschäfte daher als maßvoll albernes Phänomen.

Eine tolle Bekannte war einst zu einem illustren Termin geladen, vor dem die Teilnehmerinnen zur Übernachtung gemeinsam untergebracht waren. Am Morgen Tumult, zwei Stunden vor Antritt. „Hab ja noch eineinhalb Stunden“, meinte sie und drehte sich nochmal rum, Käppi über der Schnute – doch weit gefehlt: Längst war offenbar Zeit für die anderen Damen, zu meutern, manükieren und mit Tiegeln zu klappern. [„M/F kann eine Bürde sein“, hätte Joy Fleming da singen können. Bin grad noch in Grand-Prix-Laune. Die Bekannte mag aber keinen Grand Prix. Diese Klammerbem evtl noch weg]

Selbst mag ich aber Drogerien, und zwar genau genommen aus demselben Grund wie ich Frauen mit drogistischer Indifferenz feiere. So unweiblich es nämlich in lahmen Köpfen ist, Drogerien doof zu finden, so unmännlich ist es dort, sie zu mögen. Mein Ding also. Ganz gerne ziehe ich durch die Gänge, erwerbe auch ein paar Erfrischungstücher oder Probiergrößen von irgendwas, sowie zuletzt ein Innenetui für Handtaschen. Es soll das bekannt lästige UMPACKEN ersparen, und das Problem kennen ja meine Taschen und Rucksäcke auch, auch wenn ich zugegeben nicht alle Frauen-Basics brauche. Doch auch jenseits schnöder Not schnuppere ich gern den Duft von Drogerien, wohl nicht gesund, doch aromatisch. Sowie ganz allgemein in einen Kosmos hinein, der natürlich künstlich ist, doch bunt und sinnlich und stets getrimmt auf angenehm.

(Sehr legaler Disclaimer: Dieser Artikel enthält eine übersehene Klammernotiz und wurde gesponsort von Rossmann, dm, Fuchs, drospa und Müller-Elberfeld, letzteres allerdings nur vom Erdgeschoss, da oben nur Spielzeug.)

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Über martinhagemeyer

"artikuliert": Ideen, geäußert und / oder zu Artikeln gemacht. Das habe ich jedenfalls vor.
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