Blubberpink und Peitsche. Ängstliche Entdeckung eines Ballettstudios

Ich fall nicht rein auf Rosa. Die Jubiläumsfeier der Tanzschule erreicht man per Wendeltreppe ins Hochfoyer, es strahlt nicht nur pink ausgeleuchtet, auch der Sekt ist schweinchenfarben. „Alle meinen, Tanzen ist so einfach“, behauptet die Tanzmeisterin, um zu erklären, warum sie sich samt Elevinnen vorm Tanz heute mit einem Schuhritual zum Ernst mahnt. Alle meinen das? Ich nicht, nie, Schweinchen hin oder her.
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„Studio B“ kommt keineswegs nur zum Feiern ins Remscheider Stadttheater, vielmehr zeigt es hier jährlich ein abendfüllendes Tanzstück – daher sein besonderes Verhältnis zum Haus, das Michèle Bialon heute mit Rührung betont. Aber nicht nur das: auch meines zum Studio. Die Lokalzeitung hatte mich 2015 zum Jahresstück geschickt, und bis dahin war ich unbedarft. Doch lahme Indifferenz beim Ballett? Undenkbar. Klar war das schnell beim Termin, und zwar aus zwei Gründen. „Schreiben Sie mal was Schönes!“, gab mir die Kassendame zur Karte freundlich mit auf den Weg, und außer zu grübeln, ob ich denn sonst also nicht schön schreibe, sah ich mich nett instruiert: Heute ist wichtig. Der Hinweis war gut, heut seh ich’s genauso.
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Spätestens so vorbereitet meldete sich dann der zweite Grund, mein ältester, vor Ballett gehörigen Respekt zu haben. Der betraf streng genommen zwar Eiskunstlauf, aber für Männer ist das dasselbe und jedenfalls gefühlte Basis für meine Ballett-Phobie: die YES-Reklame.
Vor circa dreißig Jahren warb ein Fernsehspot mit einer Eislaufszene für die Törtchen, eine in meiner Erinnerung ebenso eisige Lehrerin taute für drei Sekunden auf, um ihrer zuvor übers Eis gescheuchten Schülerin so ein Cremequader zu kredenzen. Herzig. Was nur umso hartnäckiger mein Bild vom Eislauf, also Ballett zementierte: Ausnahmen bestätigen die Regel, die Regel ist eiskalt. Tanz bleibt Drill, da helfen keine Torten. Und selbstverständlich: auch kein Rosa.
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Mein Bericht wurde euphorisch.
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Freilich: Es war dann doch echte Bewunderung, nicht nur das Zittern vor der Zuchtmeisterin, denn Frau Bialon ist eigentlich ganz nett. Gelegenheit zur diesbezüglichen Selbstkorrektur gab’s bei der Aufführung im Folgejahr, die zwar von der Lokalzeitung leider nicht begleitet wurde, von mir aber schon, und zwar in Form meines Aufnahmegeräts: Kaum bei Facebook erfahren, dass man den Einbau einer Erzählerstimme erwog und dafür solch einen Apparat gebrauchen konnte, hatte ich meinen angeboten, schon um meinem klammheimlichen Drang zur Bühne Genüge zu tun – wenigstens via Gerät. Die Übergabe in einem Café wurde gar nicht klammheimlich, sondern sehr angenehm, und die Meisterin verzichtete nicht nur auf eine Strafrunde übers Eis, sondern spendierte mir ganz im Gegenteil Kaffee und Croissant. dass, apropos, ihr Nachname keineswegs französisch ist, sondern polnisch, war einer der inhaltlichen Erträge des Treffs, ein anderer war, nun endgültig sicher zu sein: „Studio B“ ist eine Künstlertruppe, und die kann Remscheid gut gebrauchen.
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Als Freund des Konzepts Stadttheater hatte ich zu dem gewiss hübschen Haus in der Alleestraße immer ein eher geschäftliches, sprich kühles Verhältnis. Das Teo-Otto-Theater ist ein reines Gastspielhaus, jede Veranstaltung wird extern eingekauft, es gibt weder Ensemble noch sonst irgendeinen Bezug zur Stadt. Stört keinen, weil halt Gutes eingekauft wird, hat mich in einem Schreiben an meine Redaktion aber immerhin schon zur frechen Klärung veranlasst: „Das Otto-Theater ist gut, aber eigentlich kein Theater.“ Verbunden mit der Bitte, dies harsche Verdikt nicht dem Kulturdezernenten zu verraten, der in Personalunion Chef des freilich nicht existenten Theaters ist, mich eh auf dem Kieker hat, aber ja auch nicht enttäuscht werden soll. Selbst bin ich Freund des Westdeutschen Tourneetheaters in de Bismarckstraße, das winzig sein mag, aber doch ausgestattet mit eigenem Ensemble, künstlerischem Profil sowie Verwurzelung und also ein Theater ist.
Kein Bezug des TOT zur Stadt also… außer „Studio B“.
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Beim Plaudern mit Mme Bialon wurde auch immer klarer und machte mir die Truppe vollends wertvoll: Der Anspruch ist, Kunst zu machen. Kann durchaus heißen, nicht alles mitzuspielen, was vielen Standard scheint für Tanzschulen. Ändert übrigens alles nichts an meinem Fremdeln mit dem Tanz und allem drumherum, und die Meisterin selbst scheint gar nicht abgeneigt, das strenge Image zu zementieren: Kaum lösbare Aufgaben stelle sie ihren Schülern, sagt Michèle Bialon. Und auch beim Jubi-Vortanz gibt’s keinen Hehl aus dem Anspruch, und wahrscheinlich wissen nur die Schüler, wie viel Pose darin steckt und wie viel bare Münze: „Das gibt morgen im Unterricht aber eine Kritik!“, sagt sie mitten im Rosa, ins Rosa, trotz Rosa, und beim persönlichen Lob für jede Auftretende zur Feier des Tages lautet zu einer der Kommentar: „Sie ist enorm perfektionistisch. Weiß gar nicht, woher sie das hat.“ Ironisch? Selbstironisch? Oder doch eher wieder nur die drei Sekunden Torten-Toleranz? Muss ich gar nicht wissen eigentlich.
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P.S. Und dass Ballett nicht einfach ist, sondern Präzision in locker, streng in charmant, Eleganz im Pulk – alles Widersprüche in sich eigentlich: Auch das hätte beim Vortanzen erkannt, wer’s je bezweifelt hätte. Auf die Vorgabe, pro Tänzerin mit einer Improvisation den Raum zu queren, ersann jede spontan eine kleine Bewegungssequenz, und eine schnappte sich fürs Tänzeln eins der Sektgläser – Prickel-Pink als Requisite. Natürlich verlangt also Tanz nicht nur Fitness und Technik, sondern auch Multitasking und Selbstkontrolle. Der Verfasser war ja schon mit Gratulieren, sprich Austausch von Rosablubber und Geschenk ohne Meisterinbeschlabbern hoffnungslos überfordert.
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Über martinhagemeyer

"artikuliert": Ideen, geäußert und / oder zu Artikeln gemacht. Das habe ich jedenfalls vor.
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