Kulturkritik? Kalauerkasse!

Friedemann Weise mit Soloprogramm – „Clownfisch“ in Utopiastadt

Friedemann Weise, bekannt durch Fotowitze im Internet, kam mit seinem Buch und Programm „Die Welt aus der Sicht aus schräg hinten“ in den Mirker Bahnhof. Gut Rock‘n‘roller nicht zu freundlich – und zum Glück nicht zu schlau.

„Langsam merken die ersten: Das wird nicht besser.“ Friedemann Weise macht sich ein diebisches Vergnügen daraus, Erwartungen zu enttäuschen. So auch im „Clownfisch“ im Mirker Bahnhof, wo das Publikum bei seinem Programm „Die Welt aus der Sicht von schräg hinten“ nicht immer so mitging, wie der Meister wollte. Angeblich. Zum Poltern gibt es aber immer Gründe.

Friedemann Weise ist Spaß- und Liedermacher, er ist aber auch ein kleiner Internet-Star, und seine Liveauftritte bringen auch auf die Bühne, wofür er online bekannt wurde: Spiele mit Sein und Schein wie der Fotowitz mit „Big Brother“ Obama, der per Neu-Montage einem Kind verrät: „Das ist nicht dein Vater.“ Sätze wie „Wenn man immer weiter geht, kommt man irgendwann wieder zum Ausgangspunkt! … Wenn man sitzen bleibt, ist man schon da.“ Blödsinn? Ja, aber höherer, loben kultivierte Geister und stellen schon große Vergleiche an.

Und dann das, hier in der Kneipe der Utopiastadt: Ein Schnösel zwischen rockig und abgerockt, der Zuschauer als „die Penner hier vorne“ beschimpft und ihnen Litaneien schlechter Witze zumutet. „Ich kann alles tragen. Bin daher guter Möbelpacker.“ „Wer bulimisch ist und lispelt, hat eine doppelte Ess-Störung.“ Und Praxisschilder von Therapeuten fotografiert hat, die Angst, Schroff und Schelte heißen. Als würde Stuckrad-Barre von der Lippe lesen. Kulturkritik? Kalauerkasse!

Weil er es kann. Kollegenbash geht gar nicht, erklärt der Mann gut rock-rebellisch, nachdem Nuhr und Hirschhausen soeben als narzisstische Gockel abgetan sind. Auch spontan poltern ist eine Gabe, wie beim Blick aufs Utopia-Interieur – beim Thema Vorlesen:  „Später werden aus Büchern Theken gebaut. Das ist auch nicht schön.“  Lieder verraten Schalk wie Sprachwitz beim etwas anderen Ich packe meine Koffer: „Ich nehme mit: Skischuh‘ als Erinnerungen /  An fest gefror‘ne Kinderzungen.“ Plus „alles aus Strophe eins“.

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Passt doch, irgendwie doch noch: Hinten geht’s schräg nach links oben

Und dann werfen die Kurz-Scherze gerade in ihrer Masse ja doch ein Licht auf News und Facts in Onlinezeiten: Clever präsentiert, lässt sich heute vieles verkaufen und zum Liken animieren. Vielleicht gerade bei Leuten, die zu schlau sein wollen; und dazu mag passen, dass Weises Lieblingsfeinde heute (bedauernswert übrigens) angebliche Hipster im Saal sind „mit eurem Matetee“, Leute also, denen man nachsagt, besonders cool den Durchblick zu haben.

So oder so – Wahrheiten zu montieren mit Aussagen, die nicht erfunden sind, aber ungenau, im wirren Wechsel mit purem Blödsinn: Das gab es heute gerade mit Wuppertal-„Fakten“ sehr schön zu erleben. Tuffi, irgendwie: „Die Schwebebahn wurde ursprünglich von vier Elefanten gezogen, gelockt mit Bananen und Gulaschsuppe.“ Wussten Sie schon? „Wuppertal hat das größte zusammenhängende Gebiet der Welt.“ Ah ja, wovon denn? Egal, steht so ähnlich auf Wikipedia.

Das könnte man alles Zeitkommentar nennen. Wäre bloß viel zu langweilig.

Tour: http://friedemannweise.de/termine/

Buch: Friedemann Weise: Die Welt aus der Sicht von schräg hinten, Ullstein Taschenbuch, 192 Seiten.

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Über martinhagemeyer

"artikuliert": Ideen, geäußert und / oder zu Artikeln gemacht. Das habe ich jedenfalls vor.
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