Hier muss noch ein Titel hin :-)

Zum Kinofilm „Paula“, dessen Vorpremiere ich in Essen besucht habe, gibt’s im Folgenden 1. kaum Beschreibung, 2. viel Abstraktion, dafür 3. punktuell Unsinn. Eingeprägt hat sich mir anderes, was vermutlich mehr an mir liegt. Vom Film selbst blieb mir hauptsächlich die Optik in Erinnerung, die sehr malerisch war, aber das taugt bei Malerfilmen wahrscheinlich kaum zur interessanten Auskunft.

 

Meine Verbindung zur Malerin Paula Modersohn-Becker war ein Roman, „Die Sonne! Früchte. Ein Tod“ von Michael Zeller. Sie ist dort Nachbarin des fiktiven Ich-Erzählers in Paris, wohin sie von der Worpsweder Künstlerkolonie aus zum Malen aufgebrochen war. So erscheint sie im subjektiven Blick dieses Anderland, eines Schriftstellers, der an einem historischen Roman arbeitet. Gelesen habe ich Paula dort im Grunde als Folie, deren Figur zur Charakterisierung dieses reichlich weltfremden Poeten dient. Interessant fand ich an dem Roman überhaupt die, wie mir schien, anspruchsvolle Erzählsituation: Ein Protagonist, zumal in Ich-Perspektive, der nicht etwa Sympathieträger ist (wünscht man sich das als Leser heimlich nicht eigentlich immer?). Sondern über dessen offenkundiges Problem mit verdrängter Sinnlichkeit man recht heftig schmunzelt oder auch die Stirn runzelt. Mehr Gegenbild letztlich war für mich Paula also im Roman – freilich eine, vor der sein Protagonist alt aussah.

Anders nun im Film: „Paula“ zeichnet natürlich ein Bild seiner Titelfigur. Wobei der lebensfrohe Wesenszug auch hier auftaucht, vielmehr sogar zum bestimmenden Teil ihrer Darstellung wird. Beim Bühnengespräch nach Filmschluss kam vom gefeierten Filmteam zwar zu Recht das Lob, Albrecht Abraham Schuch lasse seiner Figur, ihrem Mann Otto Modersohn, Gerechtigkeit widerfahren. Dennoch bleibt wahr, dass der Film sich ganz um sie zentriert und daher alles, auch Otto, in seinem Verhältnis zu ihr zeigt. Der jungen Frau, die schwer um Anerkennung kämpfen muss, aber sich doch souverän auch über alles lustig macht. Darin ähnelt der filmische Zugang dem literarischen dann doch wieder – freilich um so die weibliche Hauptfigur strahlen zu lassen. Ob im künstlerischen Dogmatismus der Malerpioniere, dem Machismo trotz vorgeblicher Modernität oder in der gruselig-genialischen Selbstinszenierung eines Rilke: Eigentlich immer umgibt den Worpsweder Männerklub in Paulas Blick, wach wie ungnädig, ein sanftes Aroma des Lächerlichen.

(Exkurs: Ich hatte beim Schauen ständig die Aussteiger der 68er-Kommunen im Sinn und hätte mir unter den malenden Rauschebärten, missionarisch verrannt, auch zum Beispiel Rainer Langhans eigentlich sehr gut vorstellen können. Männliches Guru-Gehabe hier wie da. Motto der Künstlerkolonie, sagt man: ‚Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment.‘ Motto der Kommunistenkommune, hört man: ‚Frauen sind unfähig, schöpferisch etwas hervorzubringen. Außer Kindern.‘ Eventuell war es umgekehrt, aber das ändert eigentlich wenig. Ich bin postfaktisch, und das ist auch gut so. Keine Ironie, aber anderes Thema. Exkurs Ende.)

 

Für mich eine neue neue Erfahrung war auch das Phänomen Film-Erstaufführung. Nicht erst als nach dem Film die Crew die Bühne bestieg, sondern schon vorab im Foyer herrschte ganz premierenmäßig feierliche Aufgekratztheit, wie ich sie sonst vom Theater kenne und mag. Zeigt dort das Giggeln zuschauender Schauspielkollegen hörbar die besondere Zugehörigkeit, so kommt beim Film ja noch hinzu, dass die Akteure selbst sich neu anschauen – vielleicht erstmals überhaupt, zumindest erstmals öffentlich und auf großer Leinwand.

Eher neu mochte dem cineastischen Zaungast auch sein, wie selbstverständlich die Art der Vorbereitung der Schauspieler zur Annäherung an ihre Figur auch beim Film offenbar ist: Nein, selbst gemalt habe sie nie, hatte „Paula“ Carla Juri im Flyer gesagt, und nun erzählte sie dennoch von im Vorfeld genommenen Malstunden. Ziel des Einswerdens? Zumindest ohne Zweifel: des Nicht-Nur-Tuns-als-ob.

Angenommen zwischen Kennern zu sitzen und Grundlegendes nicht zu wissen, bereitet mir eigentlich immer ein heimliches Vergnügen. (Schon wieder unsachliche Klammer: Die Vorstellung vielleicht, beim Klassikkonzert mit freundlicher Blödheit zu schocken, so was wie: ‚Ich bin hier für die Zeitung und weiß immerhin: Der Herr van Beethoven war ein prima Musikant aus Bonn. Obwohl, vom Namen denkt man ja Holland.‘ Klammer Ende.) Einschließlich einer beim Film vermutlich unnötigen Skepsis gegenüber Illustration und Opulenz: Bei einer Theaterinszenierung hätte man das erkennbare Bemühen um pittoreske Historisierung beargwöhnen mögen. Warum dieses Kostüm-Schaulaufen, hätte der Rezensent da vielleicht geätzt, wie in Opulenzschinken von „Ben Hur“ bis „Wanderhure“? (Schon wieder unsachlich, entschuldigt hoffentlich durch die  Zaungast-Sicht. Aus-Illustrieren ist ja doch Standard beim Film, wohl ein guter sogar; das sollte man sicher wissen. Korrigiere also: „Kracher“, nicht „Schinken“. Man hört, der alte „Ben Hur“ ist ein guter Film.)

 

Und wo es jetzt doch so subjektiv bis unseriös geworden ist, einschließlich frisch gestandener Unerfahrenheit – dann kann es ja heraus: Ich fürchte, mein Problem mit „Paula“ war noch grundsätzlicher. Ist das wirklich so eine tolle Idee mit den Paarbeziehungen? Ich finde ja Paula so cool in ihrem Beharren auf Autonomie; aber dass sie als Partnerin nicht gerade ein einfaches Vergnügen gewesen mag, war doch dem Otto ebenso nachzuempfinden. Und keiner wird ja behaupten, dass derlei fiktiv sei oder bloß Einzelfall: Auf der Zugfahrt nach Essen trug ein junges Paar seine Beziehungsprobleme aus – maßvoll übrigens, aber hörbar -, und auch hier schienen mir beide so plausibel: Sie leicht stressig, aber bemüht um Entspannung; er verständlich genervt und so nicht eben hilfreich. Sie hielt ihm vor, in Situation xy habe er neulich eine andere Frau angesehen, eine Minute habe das gedauert; er verteidigte sich, keineswegs, es seien nur vierzig Sekunden gewesen.

Manchmal denk ich wirklich, das bringt es nicht.

 

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Über martinhagemeyer

"artikuliert": Ideen, geäußert und / oder zu Artikeln gemacht. Das habe ich jedenfalls vor.
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