Warum Frauen ihre Schuhe nicht einparken können

… muss ich jedenfalls überhaupt nicht wissen. Mal ein paar Worte zu Sex und sowas.

Die Frau in mir“ heißt ein neues Buch von Christian Seidel, der darin von seinem Selbstversuch erzählt, in die Rolle einer Frau zu schlüpfen. Es beginnt mit dem anscheinend enormen Wagnis, sich als Mann Nylonstrümpfe anzuziehen, und zwar weil er an den Beinen fror. Viel weiter habe ich bisher nicht gelesen, und wahrscheinlich bleibt es auch dabei.

Vielleicht ist es paradox, dass gerade dieser zugegeben ungewöhnliche Bericht mir vor Augen geführt hat, wie selbstverständlich der Mensch von heute, und darunter eben auch Christian Seidel, ganz offensichtlich in den Kategorien Männlich vs. Weiblich denkt. Paradox deshalb, weil der sich explizit beklagt über diese Schubladen: Sehr verwundert bis gekränkt zeigt sich der Autor, als seine Vorstöße auf Unverständnis stoßen. In der Eingangsszene beichtet er seiner Partnerin die Nylons – die richtige Gelegenheit dafür fand er ein Dinner im Restaurant, bei dem er dann zum Candlelight unvermittelt das Hosenbein hob. Mir schien das alles schief.

Denn gleichzeitig ließ der Autor ja gar keinen Zweifel daran, dass die M/F-Denke bis dahin auch für ihn sehr wohl unbezweifelter, mehr: grundlegender Teil des Lebens gewesen war. „Es sind doch nur Strümpfe!“ … derlei Treuherzigkeit wirkt nicht gerade realistisch, vielleicht auch nicht besonders aufrichtig, wenn man das Modell „Geschlecht als Prinzip“ nicht nur kennt, sondern immer aktiv mitgetragen und bestätigt hat. Mehr als ich jedenfalls allemal – dazu später mehr.

Dass die Welt weiter so tickt allerdings: Auch mich erstaunt es ja, aber aus anderen Gründen – und vielleicht ertappe ich mich da bei einem Denkfehler. Mich hat der Feminismus immer interessiert, jedenfalls in der Variante, die ich mit Alice Schwarzer verbinde. (Funfact: Ihre Mutter war Mieterin meiner Eltern.) Außer ihrem Klassiker „Der kleine Unterschied“ hat sie auch ein Buch geschrieben mit dem Titel „Der große Unterschied“ und als Untertitel gewählt: „Gegen die Spaltung von Menschen in Männer und Frauen.“ Mir scheint das eine fast gegensätzliche Tendenz zu vielem, was heutzutage zwar unter dem Label „Feminismus“ kursiert, die M/F-Denke aber nie ankratzen würde. Sondern sich vielmehr als Lobby für ein Geschlecht (das weibliche) versteht und so gesehen komplett affirmativ ist. Klar ist mir allerdings, dass in einer männerzentrierten Welt solch eine einseitige Interessenvertretung nur plausibel und folgerichtig ist – recht ähnlich wie im Kapitalismus eine einseitige Vertretung der Lohnabhängigen als Gegengewicht notwendig und folgerichtig sein mag.

Damit hängt mein enormes Missverständnis zusammen – nämlich dieses: Zu glauben, die Emanzipation und ihre Erfolge (nein, ich mag überhaupt nicht, wenn Frauen sich mit der Aussage anpreisen, sie seien „ganz bestimmt keine Emanze“) habe das M/F-Interesse auch nur im mindesten gemindert. Und wahrscheinlich ist das sogar gut so, nur natürlich jedenfalls . Hosen tragen kann frau heute genauso geschlechtsbewusst wie früher Röcke. Sollen sie, klar, ist ja auch prima und praktisch für alle Seiten. Bloß ernüchternd für Grünschnäbel wie mich, die ernsthaft gehofft hatten, als Orientierungsgröße würde Geschlecht in unserer Zeit allmählich mal ähnlich sekundär wie Herkunft oder Hautfarbe. Doch, liebe Rassismusexperten, auch in Pegida-Zeiten: Dass sich in diesen Bereichen sehr viel getan hat in puncto Relativierung, gibt es für mich überhaupt keinen Zweifel.

Wie kann man nur so naiv sein? Das hat natürlich viel damit zu tun, dass ich Ewig-Single bin und derzeit auch nicht plane das zu ändern. M oder F als wesentlichen Teil seiner Identität hochzuhalten und zu pflegen: So ganz dringlich ist das doch wohl hauptsächlich dann, wenn man Partner hat oder sucht. Und damit rechnen muss, dass der oder die Beziehungskandidatin da ein unzweideutiges Bekenntnis erwartet. Abseits des Amourösen ist es einfach nicht so lebensnotwendig, sich übers Geschlecht zu definieren.

Daneben muss ich allerdings feststellen, dass ich beim Thema Geschlechterrollen auch im Freundeskreis etwas auf einer Insel der Seligen lebe. Nicht nur weil dort einige doch irgendwie künstlerisch unterwegs sind und meine altmodische Hoffnung bestätigen, dass Künstler gern schon mal etwas anders ticken. Auch sonst fänden meine weiblichen Bekannten eine Vorstellung wie die, sich von ihrem Partner teure Mädchengeschenke machen zu lassen, wohl albern und gestrig. Und den männlichen sind Männerdomänen wie Stadion oder Actionkino fast noch fremder als mir. Aber derlei Luxus vernebelt dann offenbar den Blick für den Rest der Welt: Der Mainstream, selbst wenn er inzwischen „Sexistisch!“ als Vorwurf ins Repertoire aufgenommen hat, liest eben doch sein „Warum Männer nicht zuhören können und Frauen ihre Schuhe nicht einparken“ oder so und nickt eifrig dazu. Wenn er sich nicht mal ganz, ganz ausnahmsweise an tolldreisten Grenzerfahrungen versucht.

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Über martinhagemeyer

"artikuliert": Ideen, geäußert und / oder zu Artikeln gemacht. Das habe ich jedenfalls vor.
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