„Sommer“loch in Kinderbib: So friert man mit Kultur

Manchmal liest man etwas unheimliche Meldungen von Löchern, die sich unversehens im Asphalt auftun. Keineswegs unheimlich, aber ebenfalls bemerkenswert ist zuweilen der Einfallsreichtum künstlerisch aktiver Menschen. Beispiel für beides: das „Sommerloch“ für Wuppertals freie Szene, das sich jetzt überraschend im alten „Bücherschiff“ aufgetan hat – unter bewährtem Namen und unbeirrt von Kleinigkeiten wie der Jahreszeit.

Aufgetan haben den Ort besagte Aktive: Das Team um Maik Ollhoff hat schon in den letzten Jahren viel (Sub)kultur an Kurzzeit-Spielstätten versammelt – da noch an Arrenberger Adressen und zu tatsächlich sommerlicher Stunde. Nun also ein neuer Treffpunkt an dem Ort, den ältere Wuppertaler noch vom „Theater an der Bergstraße“ kennen, das die Stadt hier bis 1966 betrieb. Bis vor wenigen Jahren tummelten sich dann in Hausnummer 50 eher die Jüngsten, bis das Leihsortiment für Kinder und Jugendliche in die nahe Zentralbibliothek umzog. Erfahren mit kreativer Umnutzung, haben die „Sommerloch“- Macher diesmal tabula rasa gemacht und die Räume runderneuert. Anders als noch 2014 die alten Elba-Hallen mit ihrer Industrie-Vergangenheit wirkt diese Lokalität nun kaum noch improvisiert. Doch keine Sorge: Gefüllt wird das Loch wie immer mit Schrägem und Experimentellem.

Da kann es passieren, dass der Besucher des Abendkonzerts vorab etwas ratlos in der vor Stunden eröffneten Ausstellung steht, die sich im wilden Mix zumindest dann nicht recht erschließt, wenn man die Einführung verpasst hat. Kunststudierende aus Bremen und Wuppertal stellen unter dem Namen „Rahmensoße“ gemeinsam aus, und nun hängen da plakativ scheinende Umweltappelle neben puristischen Textilarbeiten und manchem mehr. Etwa kommentierende Titel sucht man vergebens, und wo es sie gibt, heißen sie meist „Ohne Titel“.

Das musikalische Programm dann ist zwar ebenfalls gemischt, spricht aber ganz gut für sich: Als Jazzsängerin längst überregional bekannt, kommt anna.luca heute zur „analogen Technosession“ mit den Künstlern Vincent Stange und Phelios sowie Maik Ollhoff selbst zusammen – in dieser Kombination eine Premiere. Lässt elektronische Musik sich sonst ja mit einigem Recht artifiziell nennen, so wird der Spieß hier quasi umgedreht: Was nach programmierten Loops klingt, produziert und perpetuiert heute in Wahrheit jeder selbst und mit eigener Hand oder Stimme – an Mikro, Plattenteller und sogar Flügel.

Einige Akteure im „Sommerloch“ kennt der Interessierte – nicht nur von dieser Reihe. Heute Abend gilt das etwa für den zuvor aufgetretenen Elektro-Akrobaten Koljeticut, der sich schon voriges Jahr im Kulturort „FUX“ am Westfalenweg spannend auf musikalische Begegnungen eingelassen hatte; und auch anna.luca sowie Ollhoff waren dort bereits zu erleben – damals unabhängig voneinander.

Treue Akteure in neuem Mix also, plus Vielfalt von innovativ bis Sammelsurium: Bleibt alles anders, könnte man sagen vom neuen alten Sommerloch. Eigentlich wäre es schade, wenn die findige Szene wie geplant schon früh im neuen Jahr die frisch erschlossene Bergstraße wieder verlassen müsste … bei aller Sympathie für den Charme des Temporären.

 

P.S. Ach ja: Frieren muss hier auch dieser Tage selbstverständlich keiner.

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Über martinhagemeyer

"artikuliert": Ideen, geäußert und / oder zu Artikeln gemacht. Das habe ich jedenfalls vor.
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