Wahr heißt nicht wahllos

Jahresthema Pressemacht: Nach einem missglückten Kinobesuch merke ich, dass mir pädagogische Medien lieber sind als populistische.

Beim Duschen war es wohl, dass mir vor Tagen ein kleines Erlebnis einfiel, das mir in meiner persönlichen (eh verspäteten) Jahresbilanz fast untergegangen wäre. Aber eigentlich praktisch ist für einen größeren Zusammenhang, den ich dort eh abfrühstücken wollte: Ein Filmemacher, der auf der Berlinale vertreten war, zeigte vergangenen Herbst seinen Beitrag in Wuppertal. Ich sah mir die Aufführung nicht dienstlich an, sondern in Begleitung einer Bekannten, die das Programmkino für die Kooperation hatte gewinnen können – und ihn zur Anreise (sie kennt zufällig seine Familie).

Dieser Hintergrund hat seinen Anteil daran, dass der Abend eher unerquicklich wurde. Und heute glaube ich: Hier zeigt sich schön, wie ich die Rolle der Medien sehe. Nicht nur was meine Person betrifft, sondern auch zum Komplex „Meinungsmacht“ und „Lügenpresse“ – und damit letztlich verknüpft mit Pegida und dem großen Jahresthema Flüchtlinge.

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Vermitteln braucht Augenhöhe

Auch wenn ich mir den Film also privat anschaute, war meine Haltung unwillkürlich die des Kritikers; schon als die Bekannte uns einander bekannt machte. Als der junge Regisseur nachher die wenigen Besucher für Feedback ins Foyer bat, gab ich eine kurze Einschätzung zum gerade Gesehenen. Er erwiderte freundlich, ja, in der Tat gebe es verschiedene Reaktionen. Per aufgestellter Kamera nahm er alles auf – selbstverständlich ungefragt. Für mich hatte die Situation etwas von einer Audienz, und ich merke: Aus der Position des Journalisten jedenfalls beabsichtige ich nicht, die Selbstdarstellung eines Akteurs mit ein bisschen putzigem O-Ton anzureichern.

Heute denke ich, neben der Tatsache, dass ich natürlich einfach eitel bin: Das scheint mir vielsagend dafür, wie ich und, wie ich glaube, die Medien selbst sich einordnen. Als kritischer, ja skeptischer Beobachter – und dabei auf Augenhöhe. Das hat Folgen: nicht nur für ihr Verhältnis zu Kulturtreibenden oder Politikern, sondern auch zur Leserschaft. Weil sie zwischen beiden stehen, und das heißt auch auf Distanz zum Mainstream. Anders als vor allem der Boulevard es zumindest vorgibt und als es auch Zeitungsnamen wie „Volksstimme“ zur Richtschnur erklären. Wenn ich mit einem Akteur mit dem Anspruch spreche, zu Kritik an ihm in der Lage zu sein, dann sehe ich mich grundsätzlich bei ihm. Genauer: nicht auf seiner Seite, aber auf seiner Ebene.

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 „4. Macht“ heißt Verantwortung, Verantwortung heißt Ordnen

Klar: es geht mir jetzt um „Lügenpresse“, um den Vorwurf, die Presse als „vierte Macht im Staat“ lenke die Stimmung und stütze das System, statt das Volk in dessen Sinne zu informieren. Denn wie ich dieses Jahr immer stärker erkannte: Ich gehöre nicht zu denen, die diese Rolle bestreiten würden. Nein, eine ordnende Tätigkeit der Medien scheint mir sogar notwendig. Wenn Funk und Presse nun einmal Einfluss haben in einer Gesellschaft wie unserer, gebietet es geradezu die Verantwortung, zu ordnen: Fakten einzuordnen, Eindrücke womöglich umzuordnen, wenn sie zuvor zu entgleisen drohten. Das darf nicht zum Lügen führen, aber zum Füttern erst recht nicht – zum blinden Füttern der Leser nämlich mit gerade Gewünschtem und womöglich Fatalem.

Im guten Fall sitzen in den Redaktionen ja Fachleute und sonstige kluge Menschen, denen man komplexe Bewertungen (zwar nicht gedankenlos) zutrauen und abverlangen darf. Medien mit eigenem Kopf sind mir auch lieber als solche, die als Maßstab das Bauchgefühl der Bürger sehen. Das sage ich übrigens natürlich selbst als Bürger und auch als Leser – „Journalist“ ist eine Rolle, die ich für mich nur begrenzt beanspruche, gemessen an Erfahrung wie auch Identifikation.

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Wahr heißt nicht wahllos

Freilich: Im Kleinen haben auch mir sich solche Fragen praktisch schon gestellt. Bei einem lokalen Kulturtermin gab es zuletzt eine Situation, die peinlich hätte werden können: Ein auswärtiger Gastregisseur sprach bei einer Pressekonferenz über die neue Spielstätte des städtischen Schauspiels. Dieses, ein Zweckbau im Hinterhof, hat hart zu kämpfen in der Gunst der Kulturfreunde, nachdem das traditionsreiche Schauspielhaus dem Sparplan zum Opfer fiel; Linie der neuen Intendanz ist einleuchtenderweise, wo immer möglich gut Wetter fürs neue Haus zu machen. Den Regisseur schien das nicht zu jucken, denn er formulierte: „Ein sehr unpoetischer Ort, hier, dieses sogenannte Theater.“ Ich entschied mich dagegen, dieses unfreundliche Verdikt aus der halb internen Runde zu kolportieren und so womöglich Öl ins Feuer der gekränkten Schauspielfans zu gießen – obwohl ich mich selbst zu diesen zähle.

Gut wutbürgerlich beurteilt, wäre eine solche Haltung wohl nichts anderes als Kungelei. Auch, nein: umso mehr dort, wo es um sehr viel relevantere Kontexte geht als diesen. Etwa eben in der Frage, ob der Zustrom von Flüchtlingen eher in seinem bedrohlichen Aspekt dargestellt werden sollte, oder ob er als Tatsache anerkannt und konstruktiv begleitet werden sollte.

Auf Facebook kursierte vor Kurzem der Appell eines Journalisten, der von seiner Zunft statt von ihm wahrgenommener Selbstgefälligkeit „Demut“ forderte und mahnte: „Die Medien sind keine moralische Instanz“. Mit Demut im Pressewesen kann ich nichts anfangen. Nicht gegenüber Machern wie dem Regisseur, und mindestens ebenso wenig gegenüber den Menschen, die subjektiver betroffen sind von den Problemen der Zeit, tiefer befangen in Sachzwängen als ich und wir es sollten.

 

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Über martinhagemeyer

"artikuliert": Ideen, geäußert und / oder zu Artikeln gemacht. Das habe ich jedenfalls vor.
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