Vorsatz erfüllt: Jahr normal beginnen

Ich bin ein großer Fan der Tatsache, dass ich nix kenne. Trotzdem ist es schön, wenn ab und zu etwas zufällig so läuft, wie es anscheinend üblich ist. An Neujahr mit Kopfschmerzen aufzuwachen und zum Frühstück um zwei Uhr etwas Saures zu essen, um danach für dringend notwendige Besorgungen nur zur Tankstelle zu können: All das ist mir als beliebte Neujahrstätigkeiten aus Funk und Fernsehen natürlich wohlbekannt, mit denen der Mann und die Frau von Welt durch schlecht gespieltes Neujahrsklagen zeigen können, dass sie wissen, was sich gehört. Nun war die dringend notwendige Besorgung allerdings hitzebeständige Margarine, und die Notwendigkeit ergab sich daraus, dass laut Anleitung meiner Brotbackmaschine „der Teig in den Hohlraum eindringen“ und dort „festbacken“ konnte, falls nicht zuvor „das Loch“ des „Kneters“ damit „dick eingestrichen“ wurde. (Beschwerden bitte an die Firma Unold.) Keine lustige Suffgeschichte und doch wieder nicht die klassische Neujahrsnotwendigkeit.

Das Saure waren Kapern, die ich einfach deshalb aß, weil ich Kapern mag, denn für einen auch nur annähernden Kater, wie er heute ja guter Standard wäre, reichen ein paar Schluck Sekt und ein Radler nicht aus. Ernstzunehmend getrunken habe ich überhaupt noch nie in meinem Leben, und ein Aspirin zu verzehren, würde ich allenfalls aus Lokalpatriotismus einmal erwägen, da Bayer ein Wuppertaler Konzern ist. Vielleicht schmeckt das ja. Tanke und sauer klingt aber doch hinreichend normal, und Kopfschmerzen immerhin hatte ich wirklich. Fast authentisch.

Das Radio verlautbarte am gefühlten Vormittag darüber hinaus, für den Neujahrstag sei es wohl typisch, sich Fernsehserien anzuschauen, und zwar nicht etwa eine Folge, sondern alle im Paket. Weiß denn Rundfunkdame Schürheck nicht, dass heut die Läden zu sind?? Wie durch ein Wunder hatte ich allerdings zu Weihnachten nicht nur eine Brotbackmaschine erhalten, sondern auch die dritte Staffel der US-Produktion „Big Bang Theory“. Ein verlockender Plan für einen Jahresbeginn voller Premieren: Das erste Brot plus das erste Mal, dass das Wort „Staffel“ für mich Bedeutung bekam. Mehrere Folgen derselben Serie hintereinander anzuschauen, hatte mir eigentlich nie eingeleuchtet, solange ich nicht viel mehr Serien kannte als „Derrick“ und „Der Alte“, und tagsüber fernsehen ist meiner Meinung nach ohnehin pervers. Aber warum nicht das Jahr pervers beginnen, dachte ich mir und startete parallel meine Früherfahrung mit den Funktionen „Aufgehen des Teigs“ und „Abspielen der DVD“. Letzteres war knifflig.

Fazit des Ersttesters: Back- und Bangprogramm ergänzen sich prima. Während Sheldon versuchte, Leonard zu überreden, ihn statt Penny mit nach Genf zu nehmen, was ich toll fand, aber schon kannte, meldete ein Piepton, dass nun Früchte oder Nüsse hinzugegeben werden konnten. Wohingegen während „14: Fast wie Einstein“ die plötzliche Stille in der Küche fast schon verdächtig klang, sich mit einem Blick ins Handbuch aber erklärte als „2. Aufgehen: Heizung An/Aus“, was den Teig immerhin 29 Minuten lang erhitzt. Bzw. erhitzen würde, wenn welcher drin gewesen wäre – denn zur Einweihung lief das Ding selbstverständlich leer. Aber die Programme kenn ich jetzt. Brenzligen Geruch selber machen kann ich nun auch, fast wie gestern Mann und Frau von Welt beim Knallen, was mir natürlich viel zu gefährlich war. Noch nicht sicher bin ich allerdings, wozu man sich ein und dieselbe Serienfolge mehrfach anschaut, bestätige aber den Reiz der Wiedererkennung durch den beruhigenden Nachweis, dass also das Gedächtnis schon mal intakt ist.

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Über martinhagemeyer

"artikuliert": Ideen, geäußert und / oder zu Artikeln gemacht. Das habe ich jedenfalls vor.
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