Lyrische Wünsche, prosaische Denke

Liebe Lyrikfreunde, sei es weil ihr sowas lest, kennt oder auch selbst schreibt: Ich hätte gern Tipps für einen Gedichtband als Weihnachtsgeschenk, und zwar für mich selbst. Komfortabel natürlich, weniger auf der Suche nach Geschenken zu sein als nach Wünschen – aber auch nicht ganz einfach.

 

Ich mag Gedichte, die eine
– Stimmung haben, bin aber kritisch: Rilke ist mir mittlerweile etwas zu affig, zumindest in meiner Vorstellung als Person. Georg Trakl zieht schön hinein in seine Herbstlaune, aber das scheint mir in der Masse schon wieder weniger melancholisch als deprimierend. Eher wer, der so dichtet wie Adele singt: Mich jedenfalls zieht deren immer von allen „abgrundtief traurig“ genannter Gesang null runter.
– Lakonie ist eine tolle Tönung, die ich allerdings nicht näher beschreiben kann. Gern mit kleinen Trips ins Surreale. Dichten wie Quint Buchholz malt?
– Gedanken dürfen Gedichte mir auch gern transportieren, daher kommt mir Schiller gern ins Haus, aber den hab ich schon.
– Sprachspiele machen Spaß.
– Last und keinesfalls least: Ich schätze Dichten mit dem alten Anspruch des Verdichtens. Was via Knappheit auch Verrätselung bedeuten kann, vernebelten Sinn, der sich mit mehrfachem Lesen aber klärt. Der Nebel, der Sinn. Rätselfan bin ich eh. Und Kürze ist ja auch ökonomisch sinnvoll: Viel Gehalt bei wenig Platz. Das ist besonders praktisch bei meinem letzten Kriterium für Gedichtbände:
– In die Jacke passen.

Außerdem noch willkürlich einige weitere Favoriten: Günter Eich hat mir mal gefallen und auch ein Jungspund namens Nico Bleutge – aber fragt mich nicht nach Gründen. Und Kerstin Hensel (s.u.), ein Zufallsfund, zu dem ich jetzt doch noch wieder ins Grundsätzliche aushole.

(Ach ja, was mir auch noch gefällt: Texte, die an Zufallsfunden ins Grundsätzliche ausholen.)

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hensel

PUR? BILLIG? SCHWEINE!

Ein Wort zu äußerer Opulenz von Büchern: Ich bin sehr stolz auf meinen Hensel-Gedichtband von Woolworth. Die Ramsch-Etiketten bleiben natürlich dran. Was wäre ein besseres Bekenntnis zum inneren Gehalt von Literatur, als die billige Hülle sorglos in Kauf zu nehmen? Wenn Lyrik im Discounter wie Perlen vor die Säue ist, dann schmälert das die Perle nicht. Und das nicht nur weil Schweine nette Tiere sind. Wahre Perlen stört kein Mist – sie funkeln da erst recht.

Nun kam ich allerdings ins Grübeln, als dieser Tage vom scheidenden Chef des Deutschen Taschenbuch Verlags zu lesen war, der sich neben günstigen Klassikern zunehmend auch im Premium-Segment umtut – zum Ärger der Hardcover-Verleger, die das als Wildern in ihrem Terrain sehen. Ob nicht Kleinpreis-Verlage in der Tat daran verdienen, was man bei jeder anderen Ware Dumping oder wenigstens Discount nennen würde? Durchzuckt hatte diese Ahnung mich vor Kurzem beim Schmökern in einer Ibsen-Biografie: 1878 war Reclams Universal-Bibliothek gegründet worden, 1879 baute sie erste Erfolge aus, indem der Verlag Hendrik Ibsens Stück „Nora“ in deutscher Übersetzung auf den Markt warf. In billiger Ausgabe, natürlich – für die der Dichter kein Honorar bekam. In Worten: IBSEN. KEIN. HONORAR.
Muss also die Verlagsgeschichte umgeschrieben werden: Yuppie-Start-Up stößt sich gesund auf Autorenkosten? Ist Reclam Ramsch?
Der Gedanke war irritierend.

Letztlich obsiegt für mich aber der Perlen-Gedanke. Selbst wenn Taschen- und sonstige Günstigausgaben für Schriftsteller ganz ungünstig sein sollten: Aus Lesersicht bestätigt es gerade den Kenner, den Verehrer, wenn der Look ihn nicht juckt. Das ändert sich auch nicht durch so eine seltsame Reaktion wie des von mir geschätzten Max Goldt, der auf einer Lesung einmal eine Besucherin am Signiertisch barsch abkanzelte: Mit Taschenbuchausgaben, lernte ich erstaunt, hat der Fan auf Autogrammsuche demnach Literaten nicht zu behelligen. Ich beschließe dies aber unter Künstlerverschrobenheit zu verbuchen – eine sehr achtenswerte Eigenschaft, welcher sich der Rest der Welt jedoch nicht unterwerfen sollte. Taschenbücher zu kaufen scheint mir die bessere Leserhaltung als Prunklayout zu brauchen. Ich glaube, als Leser weiß man nicht (und muss in Zeiten schlimmerer Gefahren fürs Medium Buch vielleicht sogar nicht wissen), was „Nicht-Taschenbuch“ anderes heißt als: Einband mit mehr Pappe. Hohe Dichte will ich beim Inhalt, nicht beim Papieranteil. Diesen Abschlusssatz fände nun wiederum wahrscheinlich Max Goldt recht affig, aber das kann ich auch nicht ändern.

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Über martinhagemeyer

"artikuliert": Ideen, geäußert und / oder zu Artikeln gemacht. Das habe ich jedenfalls vor.
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