Gutes in Berlin: Nichtcoolsein, Nichtfinden

Paar Tage in Berlin – Wohnquartier diesmal: Neukölln. Der Stadtteil war bei mir inzwischen positiv besetzt, wenngleich im Namen noch der einst üble Ruf mitschwang, der vor Jahren von Missständen an der hier ansässigen Rütlischule ausgegangen war. Aber mehr als Nachklang denn aktuell. Eine Neu-Berliner Bekannte, die ich jetzt hier traf, erklärte sogar, heute sei Neukölln Trendviertel wie einst Prenzlauer Berg und ihr schon wieder zu cool.

Für die Gegend meiner Unterkunft kann ich das nicht bestätigen. ICH BIN NOCH NICHT COOL, UND DAS IST AUCH GUT SO, könnte die Karl-Marx-Straße Richtung Neuköllner Rathaus sagen, wenn sie mal Regierender Bürgermeister gewesen wäre. Straßenzüge voller Imbisse und Internetcafés dürften im Katechismus der Coolness wohl kaum Anspruch aufs Eingangskapitel erheben. Aber das schützt eben zumindest vorübergehend davor, von nassforschen Yuppies okkupiert zu werden.

Meine alte Rede, am Rande (hier z.B.): Kreative Pioniere mögen die Vorhut der Gentrifizierung sein, aber sie selbst wollen sie nicht – sie geben zur Verdrängung nur den Anlass. Genug dazu an dieser Stelle, denn kreativ war beim besten Willen nichts zwischen Hermannplatz und „Flughafenstraße“ (vielleicht außer diesem Namen, fernab von allem, was nach Airport aussah) – wie gesagt: Gut so.

Foto0408                     Nicht cool, aber heimelig: Innenhof vom „Hotel Erlanger Hof“                                                                                 (und Flugzeuge eher Mangelware)

Positive Assoziation und Grund fürs Einquartieren hier war hingegen ein Kurzausflug von wenigen Stunden hierher im Vorjahr. Den indes hätte ich durchaus gerne wiedergefunden: Vorigen Sommer hatte ich in einem Hotel an der Schönhauser Allee gewohnt und am frühen Abend einmal kurzerhand beschlossen, einen Bus einer Linie zu besteigen, die über die Linden bis Neukölln fährt. (Berlinkundige dürfen hier gern die Buslinie ebenso ergänzen wie die Auskunft, ob man „über die Linden“ oder „über Unter den Linden“ sagt.) Etwas Prachtmeile zu BVG-Tarif plus Transfer in Ex-Rütli-Gegend – so ungefähr.

Deutlich netter als dieser arg pragmatische Plan wars dann aber vor Ort, damals: Beim Schlendern durch die überraschend gar nicht skandalösen Straßen Treppe links runter kleinen Buchladen gesehen und stöbernd gebrauchten Gedichtband entdeckt. (Als später eine Facebookfreundin Berlin-Tipps wollte, ihr übrigens ziemlich exakt diesen gegeben: „Neukölln, Gedichtbuchladen, ne Treppe links runter.“ Exakt at its best.) Und in Kneipe dann auf der dämmrigen Straßenterrasse mit freundlichen Leuten ins Gespräch gekommen, von denen der eine ein paar Minuten von meinem Berliner Hotel wohnte und der andere eine Schwester hatte, die ein paar Minuten von mir in Wuppertal-Elberfeld wohnte. Eine Anekdote und ein Bändchen Gedichte reicher („Ich möchte lieber nicht, sagte Bartleby“ von Dieter E. Zimmer) gings zurück – damals.

Die Versuchung war dann schón da, diesmal die netten Stationen neu anzusteuern. Aber besser, es nicht getan zu haben: Oft ists nur enttäuschend, alte Orte zu suchen und nicht zu finden. Noch blöder: Orte suchen, sie dann zwar korrekt zu erreichen, aber nicht wieder zu erkennen.

Noch- und letztmals: Gut so.

 

 

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Über martinhagemeyer

"artikuliert": Ideen, geäußert und / oder zu Artikeln gemacht. Das habe ich jedenfalls vor.
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