Ceci n’est pas un Ponyfreund

53 Prozent der Deutschen haben wenig Vertrauen in die Medien. Ein Facebook-Freund verbreitete heute den ZEIT-Artikel zu dieem Befund und forderte Konsequenzen von der (mit)schreibenden Zunft. Kurz darauf las ich vom Fauxpas einer TIMES-Redakteurin, den witzigzu finden die Pietät leider verbietet: Das Blatt hatte nach dem Amoklauf in Charleston kurzzeitig eine Behauptung übernommen, der Täter verfasse gerne Blogbeiträge über die Zeichentrickserie „My little Pony“. Gestreut hatte diese Erfindung ein junger Mann, der von einer Journalistenkarriere träumt. Die „Süddeutsche Zeitung“ schloss, zumindest bei der TIMES dürfte das nun schwierig werden.

Das mag stimmen. Weil ja auch der „stern“ wahrscheinlich kaum einen Redakteursposten an Konrad Kujau vergeben hätte, nachdem der ihnen sein gefälschtes Hitler-Tagebuch untergejubelt hatte. Düpiert werden ist halt doof. Bloß: Ein Coup war’s dennoch. Vorzuführen, wie leicht Unsinn ein Weltblatt erreicht, ist so entlarvend für den Journalismus wie für die entsprechenden Branchen ein Enthüllungsreport von Günter Wallraff. (Nur dass der heute nicht mehr Medienkonzerne beobachtet, sondern für einen arbeitet, aber das sehe jeder, wie er mag.)

Und damit verband sich für mich die Pony-Episode mit dem ZEIT-Befund vom miesen Medien-Image. Nicht etwa in puncto schlampige Recherchen – denn es stimmt einfach und wird immer stimmen, dass in jedem Metier Fehler passieren. Punktuell bei so was draufzuhauen wäre da zu billig. – Aber: Medien haben Macht. Und mein Fazit wäre wieder, nicht erstmals an dieser Stelle, ein anderer Appell. Nämlich der an Leser, also uns alle:

Schwarz auf weiß heißt noch nicht Bibel.

Dass Aussagen und Tatsachenbehauptungen gewichtiger wirken, fast schon wahr, sobald sie geschrieben dastehen,war im Grunde immer schon ein schräger Effekt. Aber spätestens heute, da wir täglich in Blogs, Posts und Tweets auf Schrift jeder Qualität treffen, auch jeder fehlenden, und da außerdem Reklame sich immer cleverer mit Presse mixt: Jetzt spätestens ist es Zeit zum Abschied vom Glauben, Schriftlichkeit sei ein Garant für – – überhaupt irgendwas.

Just daher bin ich übrigens Fan der Seite „Postillon“, die täglich Unsinn in News-Look verkündet. Strenge Satiriker klagen zwar zu Recht, dass hier auch viel leerer Klamauk ohne Sinn und Ziel stattfindet. Doch die Fake-Nachrichten führen immer wieder schön vor, dass für Presse-Wirkung ein paar seriöse Gimmicks reichen: ein Tonfall, eine Handvoll echter Fakten – dazu etwas Geschick, diese zu kombinieren und in einen Kontext zu stellen.

Und ob nun gezielt wie „Postillon“ oder verirrt wie „Times“: Falschmeldungen sind eigentlich ein Geschenk und sollten uns die Augen öffnen. Medien machen ihr Geschäft, nicht mehr und nicht weniger, und Geschäft heißt auch Eigensinn. (Was übrigens okay ist; meinen bereits verlinkten Beitrag https://artikuliert.wordpress.com/2014/08/04/wir-geschichtenerzahler/ wiederhole ich hier gerne.) Ist umgekehrt ihr öffentlicher Stellenwert einmal geringer, besteht auch viel weniger Anlass zum lauernden Misstrauen als derzeit laut der Umfrage. Denn solange ein paar Zeilen Weltpolitik machen können, ist es ja eigentlich nur recht und billig, den Machern skeptisch auf die Finger zu schauen.

In der Kunst hat man die eigene Rolle als Welten-Erschaffer längst reflektiert. René Magrittes berühmte Pfeife mit dem Kommentar „Dies ist keine Pfeife“ zeigte und postulierte die kreative Potenz, nein besser: die Willkür im Selbstverständnis moderner Künstler. Medien dagegen geben bis heute nicht so gerne zu , dass auch sie Realitäten konstruieren.

Paradox eigentlich. Dass ein erfundenes Comic-Pony kurzzeitig ins Weltinteresse springt, hat nämlich noch kein Maler hingekriegt.

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Über martinhagemeyer

"artikuliert": Ideen, geäußert und / oder zu Artikeln gemacht. Das habe ich jedenfalls vor.
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