Lahme Verwertungslogik

Ja, liebe Kreativen: Miete zahlen müssen wir alle. Und Geiz auf unsere Kosten ist nicht geil. Aber: Geld bleibt trotzdem blöd.

 

Des Öfteren lese ich neuerdings von Kreativen, die erinnern, dass ihr Tun Bezahlung verdient. Und als Erinnerung kann man das ja nur unterstützen: Allzu bequem gewöhnt der Internet-Verwöhnte sich daran, dass gewünschte Inhalte kostenlos sind (richtiger eigentlich: via bezahlte Werbung kostenlos scheinen). Dass die so etablierte Gratis-Mentalität mindestens gedankenlos ist: Gut, das endlich einmal bewusst zu machen.

Trotzdem: Für mich ist und bleibt es grundsätzlich etwas Gutes, sich nicht alles vergüten zu lassen. Genauer: dass jedenfalls künstlerisch Aktive sich etwas Anderssein bewahren und zum Beispiel das Prinzip „Machen, also Geld kriegen“ daher nicht mitspielen – oder jedenfalls nicht als Automatismus kultivieren. Dafür gibts genug andere.

Ich selbst, sicher nicht wohlhabend, trete bei Lesebühnen auf und schreibe seit Jahren unbezahlt für ein No-budget-Onlinemagazin Kulturrezensionen. (Derlei Späße „ehrenamtlich“ zu preisen, ist mir übrigens zu blöd, weil es ungleich relevantere und insofern ehrwürdige Felder von freiem Engagament gibt, soziale vor allem.) Aufstrebende Bands treten ohne Gage in Kneipen auf und locken damit Gäste dorthin. Der freche Standardsatz „Das ist doch auch Werbung für dich!“ wird jetzt gern gebrandmarkt als Geringschätzung künstlerischer Beiträge. Ein Genre wie der Poetry Slam wiederum scheint immer interessanter auch als Einnahmequelle zu werden; selbst ein erklärter Anti-Slam in Bonn zahlt dem besten Teilnehmer 50 Euro. Und ein Blog, der sich (mit Bedacht) sponsern lässt, rechtfertigt sich derzeit in gekränktem Unterton gegen Vorwürfe, damit gebe er seine Unabhängigkeit auf.

Hier wie da: Wirte sind bequem. Leser sind bequem. Menschen sind bequem. Wecken ist gut. Ja.

Die Blog-Selbstverteidigung operiert mit Kostenkalkulationen und Begriffen wie „Mindestlohn“. Und hier wird es m.E. – – schade. Schade wie in so mancher Debatte unter Freigeistern und ähnlichen Verrückten.

Im Fahrwasser verständlicher Kritik am Für-lau-Trend kommt so mancher auf die Idee, dass es doch eigentlich ganz cool ist, seinen kreativen Hang zu Geld zu machen. Wer ist man denn. Nö, Freunde: Cool ist das nicht. Nötig ist es. Weil – besser: soweit – man es braucht, um seine Miete zu bezahlen. Wer es sich ohne Vergütung nicht leisten kann, idealistische Dinge zu betreiben, der hat mein volles Verständnis, nur könnte er es dann ja genau genommen auch ganz lassen. Wir sind in einem freien Land. Ich bleibe dabei: Gut ist, sich von nassforschen Gratis-Fröschchen nicht ausbeuten zu lassen. Schade ist, als tendenziell Randständiger (und da scheint mir der typische Ort für die Kunst zu sein) in die lahme, allfällige Verwertungslogik zu verfallen.

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Über martinhagemeyer

"artikuliert": Ideen, geäußert und / oder zu Artikeln gemacht. Das habe ich jedenfalls vor.
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