Mit Hannibal Lecter muss keiner über Leber reden

Etwas Quatsch eines Tages zum Thema „Islamismus verstehen“

Heute kraulte ich einen mir unbekannten Mann hinter den Ohren. Wir sollten ja wirklich mehr kommunizieren.
Verstehen wollen kann eine Zumutung sein. Zahllos sind die Beispiele dafür: Im Zug nach Essen redete ein Reisender in Handwerkermontur einen anscheinend leicht verwirrten Mann im Abteil an, der ständig vor sich hinbrabbelte und jede Durchsage „Ausstieg in Fahrtrichtung rechts“ laut mitsprach. Der Mann reagierte nicht erfreut, obwohl der Monteur es zweifellos nur gut meinte. Gut gemeint ist trotzdem nicht das Gegenteil von gut, einem blöden Mode-Spruch zum Trotz, im Gegenteil: Ohne gut gemeint geht gar nichts.

Die neuesten Terroranschläge im Rücken gab das Großaufgebot an grün-weiß Uniformierten vorm Hauptbahnhof zwar verständlichen Anlass, erst einmal Schlimmes zu meinen. Spätestens ein Plausch mit den Damen und Herren hätte indes Klarheit verschafft, dass die Polizei 1. seit Jahren nicht mehr Grün-Weiß trägt und 2. Trommeln wie hier bei Einsätzen wahrscheinlich sogar noch nie getragen hat.
Alternativ genügte auch ein Blick auf den Uniformaufdruck: Tambour-Korps Grün-Weiß Kupferdreh.
Für einen Moment kann die Vorstellung Vergnügen bereiten, dass ein vorsichtiger Terrorist durch ein Pulk amtlich gekleideter Schunkelschwestern die Lage für einen Anschlag spontan für zu brenzlig befindet.
Klarheit hätte es auch schaffen mögen, die kleine Schar demonstrierender Kurden vorm Kaufhof zu fragen, wogegen sie denn demonstrierten; denn die einzigen deútschsprachigen Transparente richteten sich gegen die ISIS ebenso wie gegen die PKK, von denen ích immer nur gehört hatte, dass sie eigentlich einander bekämpften. Wobei mich ehrlich gesagt die Antwort, in der wahrscheinlich viele Jahreszahlen und noch mehr Verschrobenheiten vorgekommen wären, nicht fürchterlich interessiert hätte. Macht auch nichts. Klarheit in diesen Tagen brauchts aber darin, dass es Unsinn ist zu sagen „Kabbeleien unter irgendwelchen Ausländergruppen sollen die unter sich ausmachen“. Mag sein übrigens, den Leutchen genügte es selbst, einánder in ihrer Sprache zu erzählen, was sie als Teilnehmer längst alle wussten und teilten, und sich dabei zu filmen.
Es genügt aber nicht.

Und so fügen sich Momente zur Klärung mancher Grübelei des Tages: Es ist eigentlich ja recht scháde, dass Attentäter wie die von „Charlie Hebdo“ eben keine Monster sind. Sondern wahrscheinlich leider sehr wohl (worst case: plausibel) artikulierbare Beweggründe haben. Mit dem weißen Hai über Blutgenuss zu reden oder mit Hannibal Lecter über Leber ist praktischerweise nicht nötig. (Und damit eine andere Welt, die mit uns nichts zu tun hat.) Vor einiger Zeit sprach ich mit einem Salafisten, der mir erklärte: Gewalt ist dumm, aber kann man verlangen ruhig zu bleiben, wenn der Prophet beleidigt wird? Ich fürchte, wir kommen nicht drum herum, mit solchen stolzen, kulturbewussten Orientalen zu bereden, warum wir finden: Ja, kann man.
Stattdessen … beschloss ich nur, einem Textilshop-Promoter im Bärenkostüm seine riesigen Bärenohren zu kraulen und mit seiner Kollegin zu klären, ob es nicht unheimlich sei, als Frau allein mit einem Bären in der Essener City unterwegs zu sein, was sie verneinte. Möglicherweise steckte übrigens auch eine Frau unterm Kostüm, und einer fremden Frau die Ohren zu kraulen ist vielleicht noch gewagter als einem fremden Mann – andererseits aber auch wieder weniger gewagt als einem echten Bär oder dem Chef von Al Kaida. Vielleicht hätte der Bär ja auch zum Verhältnis zwischen ISIS und PKK Bescheid gewusst? Aber wer hat schon Bärenfutter dabei, oder was die fressen, Honig oder was. Wie anreden. Weiß ja keiner. Lieber nicht. So ist das.

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Über martinhagemeyer

"artikuliert": Ideen, geäußert und / oder zu Artikeln gemacht. Das habe ich jedenfalls vor.
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