Wie ich bei McDonald’s versehentlich das Wesen der Kunst klärte

(Auch zum Hören: https://www.youtube.com/watch?v=mcXhKjpf8tM&feature=youtu.be)

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Leider war das Handy nicht mein Auge. Neulich lief ich durch den Dortmunder Stadtgarten, und urplötzlich stand mitten in der Prärie ein Fahrkartenentwerter. Prärie ist jetzt vielleicht ein wenig übertrieben, weil zehn Meter weiter dann doch der Abgang zur U-Bahn-Station „Stadtgarten“ wartete und die Szene deutlich entmystifizierte. Auch der Blick aufs Handydisplay bestätigte, dass eine Aufnahme hier wenig mehr vermittelt hätte als den Beweis, dass es Fahrkartenentwerter gibt. Bloß mein Auge hatte für einen Moment eine charmante Deplazierung ausgemacht, wie sie kein Surrealist schöner hätte erfinden können.

Spüleohnealles Ceci n’est pas un Fahrkartenentwerter. Aber die kurzzeitig abgestellte Spüle am Rand des Weihnachtsmarkt-Aufbaus ist auch ganz schön.

Wie Schuppen fiel’s da von selbigem, was Thema meines Tages war: Was macht Kunst zur Kunst? Wenigstens nicht vollends abwegig war diese Frage insofern, als ich gerade vom alten Museum am Ostwall kam, wo dieser Tage „Favoriten 2014“ stattfand, das spannende Festival des freien Theaters. Bei einer Gesprächsrunde dort zum Thema „Theater und Hörspiel“ hatte ich kurz erwogen, das „Vollplaybacktheater“ in den Ring zu werfen: jene anarchische Klamauk-Truppe, die aus neu kombinierten Hörspiel-Versatzstücken extrem unterhaltsame Assoziationsspektakel auf die Bühne bringt. Denn manches, was nun unter den Performern des Festivals zur Sprache kam, schien zunächst einmal vergleichbar: Einer bestand darauf, dass sein Projekt nicht etwa auf Intimität basiere wie vielleicht andere Beiträge, sondern gerade auf einer quasi-öffentlichen Basis von Gegenwartswissen aufbaue, das die Zuschauer verbinde – untereinander und auch mit den Akteuren. Zum Vollplaybacktheater wiederum, das ich als Wuppertaler etwas verfolge, hatte ich einmal anscheinend Ähnliches geschrieben: „Es ist gerade das Spielerische, Beziehungsreiche, das den Reiz dieser Show (so muss man es wohl nennen) ausmacht. Und zeigt, dass wir alle per Zuruf auf Dinge, Filme, Personen zurückgreifen können, die längst zum Allgemeingut geworden sind.“ „Ein gerauntes ‚Ich bin dein Vater‘ etwa wird sofort verstanden und eingeordnet wie früher einmal ‚Habe nun, ach, Philosophie‘.“  (http://www.ciao.de/Alles_mit_F__Test_3137561

Gut dass ich’s gelassen habe. Das mit dem Ring und dem Werfen.

Denn was dann so schuppenartig auf besagten Stadtparkrasen rieselte, nein, krachte, das war der Geistesblitz: Surreale Eindrücke mit Handy knipsen ist wie Kunst mit Vollplaybacktheater vergleichen.

Soll heißen: Ergebnisse mögen sich ähneln, täuschend sogar: Das Kollektiv „copy and waste“ widmete sich bei FAV14 zwar nicht dem VPT-Liebling „Drei Fragezeichen“, aber doch immerhin den nicht ganz unverwandten „Fünf Freunden“. Aber auch wenn der VPT-Gründer, den ich einst beim gemeinsamen Theaterspielen kennenlernte, zu meiner Überraschung meinen Artikel kannte und ihn ganz treffend fand (und übrigens auch nichts dagegen hat, wenn man ihn Künstler nennt): Ich behaupte, die Reihenfolge ist umgekehrt. Die einen machen Spaß mit Shows – die daraufhin vielleicht auch einmal gern als Kultur gesehen werden mögen. Andere wollen dagegen eine künstlerische Idee gestalten und finden genau dafür dann Mittel, wie in diesem Fall dieses: zu einer Hörspur ein nicht immer „passendes“ Bühnengeschehen zu montieren. Anders gesagt: Auch gelungene WordPress-Fotos mögen auf den ersten Blick Kunstwerken gleichen. Dass sie es nicht sind, liegt am fehlenden Konzept, Ansatz, Gedanken, den sie gestalten wollen.

spülegespiegeltGilt auch hier, trotz Handyfunktion „Effekte“.  (Interessanterweise heißt das Wort „arty“ im Englischen weniger „künstlerisch“ als „gekünstelt“.)

Nach alldem ließ ich das „U“ mit FAV-Rest links liegen, sprich: verzichtete spontan darauf, der Abend-Vorstellung im „Dortmunder U“ beizuwohnen; eben rechts von diesem Kultur-Leuchtturm am Hauptbahnhof ist ein McDonalds mit dem größten McCafé-Bereich, den ich je gesehen habe, und leider bin ich gern bei McCafé. Dort dann zum Latte plus Cookie diese Ansichtskarte (siehe unten) im Mantel entdeckt, die am Morgen vor Abfahrt die Wuppertaler Buchhandlung Mackensen als Reklame verschenkt hatte: Barcelona. Bisschen viel Phantasialand, oder?, dachte ich beim Anblick der arg organischen Linienführung. Was, letzte Variante zur Frage des Tages, unterscheidet also Vollplayback von Theater, U-Bahn-Fotos von Surrealismus und schnörklige Stararchitekten von schnörkligen Spaßschlössern?

Auf der Rückseite war genug Platz für die selbstredend letztgültige Klärung.

Barcelonavorne Barcelonahinten Das erste „di“ bräuchte einen Betonungsakzent.

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PS Apropos Barcelona. Dass Künstler ein Konzept haben, heißt nicht, dass sie im Leben einen Plan hätten: Vor Kurzem suchte ein Theatermann auf Facebook nach einer Unterkunft in Barcelona, wo er mit Sohn im Schlepptau kaum zwei Wochen drauf zu tun haben würde. Und immerhin in puncto Verpeiltheit nahm ich es wider Willen mühelos auf mit ihm: Ich schrieb hilfsbereit einer Bekannten meiner Schwägerin und fragte, ob sie da nicht einen Wohntipp „en tu ciudad“ (in deiner Stadt) habe, oder vielleicht selbst über „una grande bodega“ im Haus verfüge (einen großen Keller), was ein Witz sein sollte. Inzwischen teilt meine Schwägerin mir mit, zwar sei ihre spanischsprachige Freundin in der Tat viel unterwegs, habe in Buenos Aires schon ebenso gelebt wie in Irland, außerdem einen Italiener kennen gelernt, mit dem sie derzeit in Holland wohne. Ungefähr einen Ort auf der Welt allerdings gebe es, in dem sie entgegen anderslautenden Anfragen noch niemals im Leben gewesen sei; und raten Sie, lieber Leser, welcher Ort mit B das ist? Kleiner Tipp: Es gibt dort recht lustige Architektur.

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Über martinhagemeyer

"artikuliert": Ideen, geäußert und / oder zu Artikeln gemacht. Das habe ich jedenfalls vor.
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