Phänomene in Lebensgefahr

„Für jene Menschen, die dieser Tage unter elenden Bedingungen in Deutschlands Asylunterkünften ausharren, dürfte die Nachricht ein Hoffnungsschimmer sein: Das Auswärtige Amt plant eine grundsätzliche Neuausrichtung der Flüchtlingspolitik. Anstatt Menschen in Not lebensgefährliche Überfahrten auf dem Mittelmeer zuzumuten, fordern Experten legale Wege, um Fachkräfte aus Afrika und dem Nahen Osten zu gewinnen.“ Beim Lesen dieses Artikeleinstiegs in der „Süddeutschen Zeitung“ (15.10.) fällt mir als erstes die wahrscheinliche Reaktion ein: Was heißt „anstatt“? Die verzweifelten Bootsflüchtlinge, wie wir sie aus dem Fernsehen kennen, werden wohl kaum in den Genuss von Lockangeboten für gutgestellte afrikanische Fachleute kommen.
Klonnng! Klischeealarm! Fix klärt der Artikel auf, dass die Bootsflüchtlinge keineswegs zu den Ärmsten der Armen gehören – die könnten sich nämlich die teure Überfahrt gar nicht leisten; vielmehr sind es oft Angehörige der Mittelschicht. Und weiter: „Wirtschaftsmigranten und Flüchtlinge aus Afrika und dem Nahen Osten weisen im Schnitt nämlich eine fast doppelt so hohe Akademikerquote auf wie die einheimische deutsche Bevölkerung.“
Warum macht mich das stutzig? Warum soll es wichtig sein, ob Menschen in Lebensgefahr auch gut ausgebildet sind? Der Grund ist, mal wieder: das Kategoriendenken. In meinem Kopf, und sicherlich nicht nur in meinem, formen Menschen auf halsbrecherischer Flucht in überfüllten Booten sich schnell zu Phänomenen – und zwar solchen, die in die Kategorie „Sozialfall“ gehören. Mit Sozialfällen hat man Mitleid, wenn man gutwillig ist, findet ihr Schicksal vielleicht schrecklich oder auch unmöglich. Aber wenn es um größere Menschenmengen geht, tut manches Hirn etwas Seltsames: Aus Personen macht es Themen („Armut“, „Schlepperkriminalität“), an die Stelle von Individuen treten „humanitäre Erwägungen“. Missstände. Zustände. Kein Zustand. Irgendwie Gedöns.

Nussschalen voller Fachabsolventen und Wissenschaftler? Die vielleicht gar nicht so sehr minderbemittelt oder ausgestoßen sind – vielmehr ambitioniert und selbstbewusst? Dass es diese Vorstellung braucht, um zu erinnern, dass wir Einzelpersonen vor uns haben: Das ist zwar traurig, nein eigentlich ärgerlich. Aber es rückt etwas zurecht. [Formulierung noch ändern?]

Zwei Tage später eine andere Möglichkeit, Massen wieder zu dem zu machen, was sie eigentlich sind, nämlich Menschen. Anderes Thema, aber ich lasse Eindrücke und Zeitungsmeldungen gern zusammenfließen. Die FAZ zeigt neun Personen, unter jeder stehen Name, Alter und der Hinweis: „hat Ebola überlebt.“

[Artikel soll eigentlichj noch weitergehen, aber als Schluss so auch ne Idee?]

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Über martinhagemeyer

"artikuliert": Ideen, geäußert und / oder zu Artikeln gemacht. Das habe ich jedenfalls vor.
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