Wer braucht schon Handlung?

Heute kam die FAZ auf die Idee, den 19.-Jahrhundert-Roman „Der Nachsommer“ von Adalbert Stifter herauszukramen und eben mal zum „schönsten Roman“ der deutschen Literatur zu erklären. Was mich daran mehr interessierte, war das Urteil, gerade der Mangel an Handlung mache diesen 600-Seiter so reizvoll. Diese Erfahrung habe ich anderswo ebenfalls gemacht.
Eines meiner spannendsten Leseerlebnisse der letzten Zeit war „Roman in Fragen“ von Padget Powell, übersetzt von Harry Rowohlt und im Original 2009 erschienen unter dem trickreichen Titel „The Interrogative Mood. A Novel?“. Trickreich natürlich wegen des Fragezeichens, weil damit das Muster schon angedeutet ist, das den gesamten Roman prägt. Ja? …will sagen: Ja, (Komma statt Fragezeichen) – das gesamte Werk enthält wirklich nichts anderes als Fragen.                                                                                  Handlung?
Wissen Sie, dass wir vorigen Mittwoch mit der Einhaltung der Tertiärprotokolle hätten beginnen sollen? Stört es Sie sehr, dass Sie nicht wissen, was sich dahinter verbirgt, dass ihre Nichteinhaltung auf unser Verderben hinausläuft? Wird ein Mensch, der seinen Tod nahen fühlt, sich seiner weltlichen Besitztümer eher entäußern, oder wird er sich an sie klammern? Wird sich eine Frau in dieser Hinsicht anders verhalten als ein Mann oder wird das von einer Frau sogar erwartet? Ist Ihnen eigentlich klar, dass es Eulen gibt, die sich unterirdische Gänge graben? Wären Sie gern Hafenmeister? Welche Geschlechtskrankheiten hatten Sie?“ So geht es in einem fort.

– Eine Frage stellt der Leser selbst: Was soll das? –

Der „Roman in Fragen“ ist nicht lang, er umfasst nur 180 Seiten. Gemessen daran, dass er keinen einzigen Aussagesatz enthält, trotzdem nicht wenig – und erst recht daran, was ihm sonst noch fehlt: Antworten. Als bloßen Katalog von Denkanstößen könnte man ihn sehen und auch mit Gewinn so durchspielen. Bloß die Gattungsbezeichnung „Roman“ wäre dann eine sehr gewagte Behauptung, selbst in der englischen Variante mit pflichtschuldigem Fragezeichen.
Zusammenhang muss also sein. Handlung hingegen nicht. Beim Lesen stellt der Leser sich, sofern er nicht gerade mit Grübeln über der ein oder anderen wirklich verblüffenden Anregung in Frageform beschäftigt ist, immer wieder eine wiederkehrende Frage, die ausnahmsweise nicht im Buch steht: Was soll das? Wenn er die Geduld aufbringt, bei der Stange zu bleiben, sprich der Litanei, der Lawine an Erkundigungen ohne offensichtlichen Sinn: Dann mag er einen Sinn finden oder besser: ihm erlauben, sich herauszukristallisieren.

Ob das die Aussageabsicht von Padget Powell ist, dem in Florida lebenden Autor und Preisträger, der auch bereits für den National Book Award nominiert wurde? Ich jedenfalls fand es höchst spannend, wie der Strom sich ordnete und für mich zumindest einige Themen sich allmählich als besondere Anliegen des Fragers und Ich-„Erzählers“ als freilich immer wieder unterbrochene Linie anzudeuten schienen: Vergänglichkeit war ein Komplex, um den immer wieder einmal eine Frage kreiste – ob es um den Tod und Krankheiten ging, oder ob das „lyrische“ Ich spottete über wohlfeile Belanglosigkeiten der heutigen Konsumwelt – teils unausgesprochen schien hier der Zweifel auf, dass moderne Aufreger eine Chance auf Überzeitlichkeit haben – oder, schlimmer noch: einen Anlass dazu. Und selbst wer mit dem vielleicht fast leitmotivischen Moralisieren von „Roman in Fragen“ Probleme hätte, könnte immer noch an der Spurenjagd, der Richtungssuche seinen Spaß haben.                                                                                                                             Zur Handlung reicht das alles nicht.

Und ein zweites Erlebnis, diesmal cineastisch: Im Wuppertaler Open-Air-Kino „Talflimmern“ habe ich mir dieses Jahr den Film „Exit Marrakech“ angeschaut. Falls vor den Augen gestrenger Kinogourmands das Wort „angeschaut“ durchgeht für einen Besucher, der nur die halbe Story kennt, weil er mittendrin gegangen ist. Gestört hat er übrigens niemanden damit – beim „Talflimmern“ wird bis heute die Filmspule gewechselt. Zumindest behaupten sie das da als Grund für die aufbruchs-freundliche Unterbrechung; vielleicht ist die Zwangs-Pause inzwischen auch einfach liebgewonnenes Retro-Event. (Oder Vintage? anderes Thema.)

Gegangen bin ich nicht etwa aus Protest, auch nicht aus sonstigem Missfallen. Ganz im Gegenteil. Ein intensiv ausgespielter Vater-Sohn-Konflikt in orientalischem Setting: Das sprach mich stark an. Eine Schwarz-Weiß-Zuordnung blieb aus, auch wenn Regisseurin Caroline Link den Zuschauer so zu lenken verstand, dass der Sohn eher als Sympathieträger dastand.

– Um den Film zu mögen, reicht die Hälfte –

Ulrich Tukur als ambitionierter Künstlervater tat mir aber fast Leid, weil er, der klar Progressive und Liberale, gegenüber dem von Samuel Schneider gespielten Jungen plötzlich einen leicht lächerlichen Touch bekam und letztlich eine Rolle einnahm, die seinem eigenen Selbstbild sicher konträr entgegengesetzt war: Für diesen ist der gefeierte Regisseur, den er im fremden und farbenreichen Marokko besucht und der dort im Hotel mit gesichtslosen Assistentinnen herumschäkert, während er mit der Mutter nur noch telefonisch Kontakt pflegt, letztlich ein Spießer. Ein unkonventioneller gewiss, aber allein dass es so etwas gibt: einen unkonventionellen Spießer: Schon diese Erkenntnis macht den Film sehenswert.

Bloß: Um das zu goutieren, dachte ich mir, braucht man nicht bis zum Ende bleiben.

Wird der Vater den Sohn, der zuckerkrank und immer geschwächter auf der Flucht vor ihm und der Suche zu sich durch halb Marokko irrt, wiederfinden? Wird es zum großen Knall kommen? Was eigentlich ist der Hintergrund ihres schwierigen Verhältnisses? Vermutlich ist der Grund für die Trennung der Eltern der Knackpunkt und wurde nach der Pause enthüllt – welche Auflösung habe ich verpasst?

Vielleicht schlage ich Padget Powell vor, diese Fragen in einer Neuauflage seines Romans mit aufzunehmen. Ohne Antwort natürlich.

Story? Och.

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Über martinhagemeyer

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