Reise-Flow um die Ecke wiederfinden

… Das ist kein schöner Titel. Aber die Rubrik „Mehr Log als Artikel“, das soll ja auch heißen: Eigentlich sind Blogs ja Web-Logs, also Tagebücher. In diesem Sinne hier mal weniger „geformt“, kaum drübergesehen – und nur vielleicht auch weniger allgemeinrelevant – ein paar Notizen. Heute zu meiner Berlinreise vorige Woche – und meiner Düsseldorf-Reise heute…

 

Ich habs ja immer gesagt: Wie Urlaub fühlen geht auch ganz in der Nähe. Und nach meinem Kurztrip nach Berlin ging mir auch ein durchaus angenehmer Nebeneffekt von „Im-Urlaub-Sein“ auf: sich fremd fühlen und fühlen „dürfen“! Eine Woche, ach was: fünf Tage nach Rückkehr dann in der Tat berlinmäßiges oder urlaubsmäßiges Erleben von Düsseldorf„-Wehrhahn“ bzw. -„Flingern“ – Namen, die man sonst von der Durchfahrt per S-Bahn kennt. (Dafür hauen mich jetzt die Flingerner (Flinger? Flingerer?); aber die dürfen dafür gern sagen, dass sie Wuppertal-Steinbeck nur von der Durchfahrt kennen.)
– – Beginnen tut das (das Viertel, das Erleben) am Worringer Platz – entdeckt hatte ich den am Donnerstag nach Rückkehr bei einer Verlegenheitsbummelei zwecks Wartezeit-Überbrückung. Etwas abgerissen die Gegend, jedenfalls eine ganz andere Welt als Richtung Kö/Altstadt. Noch im Berlin-Flow bei einem Schnelllokal an der Kreuzung gleich an die coolen Halloumi-Imbisse um die Schönhauser Allee rum gedacht. Heute dann beim Anmarsch die Erwartung etwas zurechtgerückt: Dass es hier deshalb tatsächlich den tollen zyprisch-altägyptischen Grillziegenkäse gibt, ist ja eigentlich einigermaßen unwahrscheinlich. War dann auch nicht.
Berlin-Flow blieb aber. Bzw: fand neue Nahrung. Wobei es ja weniger um die konkrete Hauptstadt geht als um einen Eindruck á la: ein bisschen Subkultur, ein bisschen versteckt, international, jung o.ä. Das jedenfalls gabs heut dann rund um den Worringer Platz en masse zu gewärtigen (um mal nicht „zu finden“ zu sagen – denn hab ichs gesucht?? … hmmm, schwierig. Vielleicht auch doch).

Mehr als einmal zur Kunst-Location umfunktionierte sonst leere Ladenlokale (eine Katrin Roeber, ein Ansgar van Treegt, deren Namen ich mir mittels abstruser Eselsbrücken gemerkt habe, aber das würde zu weit führen). Performance-Zeugs in einem vermutlich ebenfalls früheren Hotel namens „Worringer Hof“. Den suche ich zwar dann in der Tat, finde ihn aber ums Verrecken nicht.
Hinreichend subkulturmäßig jedenfalls erscheinen hier auch die orientalischen Imbisse, die zwar kein Halloumi zustandekriegen, aber von denen ich mir doch einbilde, dass sie anders sind als die in Hauptbahnhofsnähe jeder deutschen Großstadt die 08/15-Döner-Läden, in der mehr deutsche Großstadtkids verkehren als Orientalen. Irgendwann in nem Café eingekehrt – eigentlich ein Eiscafé, aber ich habe mir in den Kopf gesetzt, es für ebenfalls irgendwie orientalisch zu halten. Typ beim Kuchenservieren stolz: „Sieht das nicht schön aus?“ Tut es.
Danach noch etwas weitererkundet, wobei es sich im Verlauf des Nachmittags dann allmählich wieder unmerklich verschiebt zu „herumirren“. Schön, Nichtfinden war ja auch eine Haupttätigkeit in Berlin, insofern passts ja. WIE BERLIN! MAN FINDET NIX! SUPER!! 😦

Was aber außer Subkultur und international ebenfalls ziemlich berlinerlebniskompatibel auffällt: Thema GENTRIFIZIERUNG! Hatte sich bei meinem Hotel ja aufgedrängt, auch wenn ich erst vor Ort von der Rezeptionsdame erfahren hatte, dass ich mich von zu Hause zufällig offenbar in Prenzlauer Berg eingemietet hatte.
Dafür wars aber echt nett.
Fand ja schon des Längeren die Frage spannend, wie berechtigt dieser Vorwurf eigentlich ist, wenn man es denn als Vorwurf meint. Rund um die Schönhauser Allee (/Straße?) aber stellte sich die Frage gar nicht. Zumindest nicht für den, der Unmengen zwanghaft hipper Szeneläden voller Werbefritzen und ihrer Latte-macchiato-besoffenen Tussies erwartet hätte. Stattdessen einfach eine ruhige, allerdings lebendige Wohngegend. Beeindruckt haben mich auf dem Weg zum Hotel „Abell“ zum Beispiel die Wiesen-, vielleicht Parkflächen direkt gegenüber den Wohnhäusern, wo man sich als Prenzlberger zwanzig Meter vom Heim entfernt zum Grillen/Chillen, zack!, langlegen konnte. Mag es in Wahrheit in tausend Städten und Vierteln geben; aus Wuppertal kenne ich sowas jedenfalls nicht. Als große Grünfläche haben wir natürlich die Hardt, aber die liegt oberhalb, also: außerhalb, der Stadt; und sonst sind es wahrscheinlich die Waldgebiete, die dazu beitragen, dass Wuppertal vermutlich zu Recht als grüne Stadt gilt. Aber Grün als öffentlicher Lebensraum mitten im Alltag: eher unbekannt.
Seid doch nicht so streng, liebe Gentrifizierungs-Schwarzseher, dachte ich mir. Was ist denn, wenn aufrichtig offene junge Menschen das Un-Hippe mögen und keineswegs verdrängen wollen, grad daher hinziehen und dann von schlauen Immobilienfüchsen als solventere Mieterschicht erkannt und flugs umworben werden? Und irgendwann sind sie da, die Latteläden, und irgendwann sind sie weg, die Unhippen, da auch Unsolventeren. Lasst mal die Moralkeule im Keller!
Hab dann aber auf der Karte gesehen: So richtig Prenzlberg ist die Schönhauser Gegend gar nicht. Insofern: Vielleicht ist es tatsächlich schlimmer.

Heut nun also in Düsseldorf: Flingern hatte mir ja der nette D’dorfer Online-Journalist M. schon klagend bis mahnend als bereits von der Gentrifizierungspest befallenes Quartier vorgestellt. Ebenso wie (heißt das Oberbilk?). Ich behaupte, man kriegt schnell einen Blick für Gentri-Risikoviertel. Und meine das gar nicht so ironisch – denn dass es den Prozess GIBT, will ich ja keineswegs bestreiten. Nur bei der Bewertung und etwaigen Schuldzuweisung bin ich mir nicht sicher. Symptome für mich also: Sehr originelle Lokalnamen und sehr süße Kinderbedarfsläden. Die Bilker Straße entlang sieht man die rauf und runter. Und nun hier in Flingern beginnt der Gentri-Alarm auch zu klingeln beim Chinesenrestaurant namens „Böser Chinese“, bei bunten Schaufenstern mit total handgeschriebenen und daher total liebenswerten und kindgerechten Angebotstafeln für irgendwie ja doch voll verspielte Jungmütter.

Schließlich entdeckt, dass die Befürchtung jedenfalls bei Altbewohnern des Viertels in der Tat im Raum steht – genauer: an der Wand, wo eine Kritzelei unmissverständlich sagt: „FLINGERN BLEIBT DRECKIG. YUPPIES RAUS!“ Außerdem besagt die Entdeckung, dass ich wahrscheinlich beim ganzen Flingern-Wehrhahn-Rundgang vom Berlin-Flow verfolgt war; denn die Inschrift steht, und das kann ja nun wirklich keine Absicht des Inschriftschreibers gewesen sein, auf einem Pavillon mitten auf dem „Hermannplatz“. So heißt außer hier in Flingern nämlich komischerweise auch der zentrale Platz in Berlin-Neukölln – Kenner sagen, das hat Prenzlberg den Hip-Rang längst abgelaufen.

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PS offtopic, off-seriös: … Ach doch noch die abstruse Eselsbrücke zu den Künstlernamen: Eine der Kunstaktionen verarbeitet (wie an der Fensterscheibe zu lesen) ein historisches Schiffsunglück, bei dem im 17. Jahrhundert ein damals luxuriöses Schiff noch im Hafenbecken sank, überfüllt mit teurem Schnickschnack. Erst in neuerer Zeit wurde das Wrack wohl geborgen. Eselsbrücke, Achtung Blödsinn: „Als die Freunde das Wrack betraten, sah alles auf Deck immer noch aus, als stünde die Jungfernfahrt erst bevor. „Schau mal“, entfuhr es Piet, „das Spanferkel dort ist nicht einmal gegrillt – die wollten das Feuer wohl erst während der Fahrt entzünden.“ „Wozu es dann ja nicht mehr gekommen ist“, erwiderte Professor Asmussen, „man könnte sagen, dieses bedauernswerte Tier ist ein Roh-Eber.“ (Die Künstlerin heißt Katrin RoEber.) „Wissen Sie was, Professor?“, schlug der Junge eifrig vor, denn für ein Mittagessen hatte die Zeit heute wieder einmal nicht gereicht, „wollen wir es uns nicht zubereiten und essen? Ich sterbe vor Hunger!“ „Gut“, gab dieser ohne viel Überlegen zurück, wusste er doch um die unleidlichen Launen des Jungen, wenn sein Appetit zu lange ungestillt blieb, „dann ans Garen!“ (Der Künstler im zweiten Ladenlokal hieß AnsGar – und dann kam noch irgendwas mit Tragen / Trägt / Treeckt, aber das würde jetzt wirklich zu weit führen.)

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Über martinhagemeyer

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3 Antworten zu Reise-Flow um die Ecke wiederfinden

  1. rocknroulette schreibt:

    prenzlauer berg ist nicht mehr hip, seitdem die ex-hippen dort ins gebärfähige alter kamen 😀 dieses schicksal wird dann wohl als nächstes friedrichshain und dann kreuzberg ereilen… ich hoffe, der hermannplatz hat noch ein bisschen zeit. allerdings wird es wohl auch wenig loha-muttis geben, die ihre kinderwagen gern zwischen glasscherben und junkies herumschieben – aber wer weiß, vielleicht wird das ja der GANZ neue trend?! zuzutrauen wär’s ihnen.

  2. Andrea Knobloch schreibt:

    Nicht den Worringer Hof suchen – den Gasthof Worringer Platz suchen!

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