Wer frei sein will, muss komisch sein

(Auch zum Hören: http://www.youtube.com/watch?v=E-3EbVf4AOo)

 

Mein Fazit aus der diskreten Macht der Algorithmen – Thema in der „Süddeutschen Zeitung“ (Artikel „Die Seele gibt’s gratis dazu“, S. 3).

Es ist ja in der Tat nicht leicht, sich all den Daten-Sammlern von Google bis Payback zu verweigern. Eine nette, internet-affine Bekannte nimmt jetzt die Fastenzeit zum Anlass, digitalen Verzicht zu üben – heißt selbstverständlich bloß: Sechs Wochen „nur ein Uralt-Handy“. Nicht etwa „kein Handy“ – und natürlich auch nicht ohne es vorher auf Facebook anzukündigen.
Dass zuletzt der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger in der „FAZ“ den Lesern empfohlen hat, ihr Handy einfach wegzuschmeißen [http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/enzensbergers-regeln-fuer-die-digitale-welt-wehrt-euch-12826195-l1.html]: Zum amüsierten Geschnatter unter Twittrern taugt so ein Vorschlag, vielleicht noch zum achselzuckenden „Schön wär’s“ – selbstredend dann aber nicht ohne Zwinker-Smiley dahinter. Denn dass derlei Steinzeit-Spinnerei ernsthaft keine Option sein kann, ist ja Konsens.

Ausscheren ist Privileg der Komischen.

Denn es stimmt ja: Unser aller Vernetzung ist nicht nur längst Realität – sie ist auch nützlich. Wenn Krankenkassen unseren Lebenswandel erfassen, können die Daten auch für medizinische Forschung interessant sein. Die bei Erfolg langfristig übrigens ja auch im Interesse der Kassen liegt. Und selbst die vielgescholtene Online-Reklame auf Basis stickum erstellter Verbraucherprofile: Immerhin macht sie Werbung passend – und damit auch praktisch, weil wir so nach Gusto konsumieren können.

So isses, das freie Spiel der Kräfte.

Schreckensszenarien gibt es zwar zuhauf: Auch die für Panikmache nicht bekannte SZ spricht von Drohnen, die nach präziser Kalkulation Terroristen liquidieren können. Oder im Privaten: von Fernsehern, die ihre Besitzer nachts beim Schlafen filmen. So etwas sorgt für ein mulmiges Gefühl selbst noch bei manch fröhlich-freiem Netznutzer.
Aber es ändert grundsätzlich nichts am Befund: Die Wirtschaft ist schlicht nicht interessiert daran, uns zu schaden. Und zwar genau deshalb nicht, weil sie uns als Kunden schätzt.
All das abzulehnen, warum es leugnen?, ist nichts weniger als: verschroben.

Nur seltsam: Geklagt wird recht oft.

Am Ende doch noch etwas Stress im SZ-Artikel: „Wir werden uns beeilen müssen“, schließt der Artikel, der sich auf Äußerungen einer kritischen Algorithmen-Unternehmerin stützt. Müssen tun wir das natürlich keineswegs. Präzise Liquidation trifft immerhin mit hoher Wahrscheinlichkeit die Richtigen und vermeidet Kollateralschäden gerade – niemand ist verpflichtet, das zynisch zu finden. Und vielleicht landen irgendwann einmal bei nächtlich Gefilmten ja Werbeprospekte für besonders erholsame Kissen im Briefkasten, weil sie seinen Schlafgewohnheiten entsprechen – messbar wirksam und wissenschaftlich exakt. Horror? Erholung!

Wollen aber viele nicht.

Und daher muss es endlich einmal gesagt werden: Ja, die Marktwirtschaft nützt uns. Ja, um uns zu nützen, spioniert sie uns aus. Und ja: Wer sich dem konsequent verweigert, ist wahrscheinlich ein bisschen asozial.

Leisten können sich das nur komische Leute.

Wer ganz zufrieden mitten im Leben steht, kommt argumentativ recht schnell ins Schwimmen, wenn er nicht auf Facebook ist oder sich rechtfertigen will, warum er auch für Freund, Freundin oder Chef gern nicht immer und überall digital verfügbar sein möchte.

Von der Menge der fröhlich-freien Netznutzer kann man das fairerweise nicht verlangen.

Nur wäre es dann ganz fein, wenn die sich mit Klagen über „Datenschutz“, „NSA“ und ähnlichem Gewäsch ein bisschen zurückhielten. Oder aber alternativ damit leben könnten, dass Hans Magnus Enzensberger und die paar anderen Komischen sie recht laut und respektlos auslachen.

PS Diesen Text poste ich am Laptop in der garantiert nicht sauberen W-Lan-Zone bei Starbucks. Naja – aber ich find die Idee mit dem Kissen halt eigentlich auch ganz cool.

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Über martinhagemeyer

"artikuliert": Ideen, geäußert und / oder zu Artikeln gemacht. Das habe ich jedenfalls vor.
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