O Zeiten, o Sitten: NON-PRINT(e) in Aachen!

Beitrag zum Jahreswechsel – besser gesagt zum dafür ja einschlägigen Thema ZEIT. Eine Reihe von Notizen, mit ZEIT verknüpft – mal mehr, mal weniger an den Haaren herbeigezogen. To be continued. Noch ungeordnet, aber ich hab grad keine Zeit.
Die Zeit vor der Bescherung / zwischen den Jahren / bis zum Countdown etc: Ich behaupte, die Stunden am 24.12. ab circa 15 Uhr sind kollektiv aufgeladen mit Vorerwartung. Ich liebe es, dann normale Dinge zu tun oder besser: Dinge wie Im-Supermarkt-einkaufen oder Cappuccino-im-Café-trinken zu tun, die sich als normale dinge tarnen. Obwohl  ja jeder weiß: IN ECHT ist heut natürlich was ganz Besonderes. Am 27. sind dann zwar viele Läden wieder auf, aber die störrisch weiter verrammelte  Stadtbibliothek und ein paar weitere anarchische Sperenzchen erinnern frech: Och nöö, Alltag, du hast noch ein bisschen. Zu warten.aachen richtung
Am Hauptbahnhof: Zielstrebigkeit wie sie mir gefällt
Kommt Zeit, kommt Rathaus: Beim Schlendern durch mein Kurzurlaubsziel Aachen „zwischen den Jahren“ schließlich doch noch 1. ans historische Rathaus, 2. zu seiner Besichtigung – und 3. zur Ruhe gefunden. Den halben Tag durch eine zwar wirklich hübsche Altstadt irren schlaucht. Manche Leute finden sich selbst in riesigen unbekannten Metropolen zurecht; ich habe genau die gegenteilige Begabung: Mir genügt die kleinste Innenstadt, um mich hoffnungslos zu verlaufen. Außerdem schätze ich es eigentlich, Sehenswürdigkeiten am Reiseziel sehr selektiv, sehr subjektiv und sehr sparsam auszuwählen und dabei Pflichtziele wie Kultur-Klassiker und Royal-Relevantes sehr gern links liegen zu lassen. Nun am Abend war es aber doch ganz schön, das auf Karl den Großen zurückgehende Rathaus (in Aachen geht ALLES auf Karl den Großen zurück – sofern es keine Printe ist) auch einmal in seiner Funktion als früheren Krönungssaal und heutigen Ort der Karlspreis-Verleihung zu betrachten. Statt wie den Tag über nur als trügerische Hoffnung verheißenden Orientierungsanker – das Ding halt, an dem man links runter durch die Krämerstraße vorbei muss, um zum Fairtradeladen mit der hübschen Verkäuferin und dem Café mit den original Lütticher Zuckerwaffeln zu kommen. Aber apropos süß:Abwarten und Tee trinken – aber niemals ohne Printen, müsste der Spruch in Aachen heißen. Immerhin: Im Tourismusamt gibt es einen Comic namens „Karl der Kleine“, der neben diesem für Aachen quasi blasphemischen Namen eine weitere Blasphemie begeht, denn eine weitere Comicfigur behauptet darin: „Printen sind doch eigentlich auch bloß Lebkuchen.“ Der Kleine keift natürlich: Ketzerei. Nun haben sich allerdings ja die beiden Karls nicht kennen gelernt, anders als derzeit zwei Päpste, welches Amt bisher ja immer im Ruf gestanden hatte, zwei seiner Träger könnten einander aus natürlichen Gründen nie grüßen. Nun sind Amtsträger und Vorgänger zeitgleich immerhin am Leben, zeigen indes Unterschiede etwa bei ihren Weihnachtsansprachen: Papst Franziskus sagte diesen Mittwoch, mit Christus seien Barmherzigkeit und „Zärtlichkeit“ [sic!] in die Welt gekommen.  Mit [sic!] pflegen verschrobenheitsverliebte Wissenschaftler bekanntlich wahlweise zu markieren, dass sie 1. eine fremde Aussage korrekt zitiert haben oder 2. über sie genauso empört sind, wie sie es vom Leser vermuten. Zärtlich? Papst Benedikt pflegte bei solchen Gelegenheiten lieber den „Relativismus“ unserer Tage zu geißeln, der wohl überhaupt ein Hauptthema seines Pontifikats war. Zumindest nach den Ereignissen, die in vielen Köpfen mit ihm verbunden bleiben werden – wie seiner „Regensburger Rede“, die zwar eigentlich theologisch von Mission durch das Wort statt durch das Schwert handelte, aber weithin als islamfeindlich verstanden wurde. Sollte Benedikt einmal ins Aachener Tourismusamt kommen, würde er den dort ausliegenden „Interreligiösen Kalender“ möglicherweise so indigniert von sich weisen wie Karl der Kleine die Lebkuchen-Theorie, sind dort doch völlig ungerührt die Feiertage von Alevitentum über Hinduismus und Katholizismus bis Thai-Buddhismus aufgelistet. Nun finde auch ich, dass Gleichmacherei oft recht kurz greift und vor allem gern von Leuten betrieben wird, denen alles eher egal ist, in diesem Fall: die keiner Religion angehören und es von daher leicht haben, von ihnen allen Selbstnivellierung zu fordern. Aber Benedikt könnte sich in Aachen jedenfalls schnell erinnern lassen, dass es mit Mission durch Wort STATT Schwert auch beim Christen Karl nicht weit her war – seine „Bekehrung“ der Sachsen ist wohl einer der dreistesten Euphemismen und mörderischsten religiösen Rundumschläge des Mittelalters. … Beim Großen wohlgemerkt.

aachen kaiser

Exklusives Bildmaterial: Mit seinem berühmten Insignium, der Kaffeekanne, begegnet Karl der Große dem Ortsfremden in Aachen auf Schritt und Tritt.

Alt macht ehrwürdig? Wenig ruhmvoll ist nicht nur die Rolle Karls des „Großen“ als Sachsenschlächter – er war auch Analphabet. Das überall in Aachen abgebildete Karls-Monogramm aus den kreuzförmig angeordneten Buchstaben K-A-R-O-L-U-S ist so gesehen weniger Ausdruck von Adel oder Frömmigkeit als vielmehr von – Unbildung. Es wird erzählt, dass Karls gelehrter Mentor Alkuin von York dem Großherrscher selbst dieses Hilfs-Kürzel mit einiger Mühe beibringen musste. Auch aus York, heute Niederlande, kam das, was der omnipräsente nachrömische Imperator sich und seinem Namen bis in unsere Tage als „Karolingische Bildungsreform“ anheften ließ. – In New- „York“ hingegen besuchte heutigentags eine nette Bekannte einen ebenfalls ehrgeizigen Schauspielkurs. Ich google die Schule von Aachen aus und schreibe zurück – nicht ohne das späte Bekenntnis, „damals“ ja wohl doch „etwas verschossen“ in sie gewesen zu sein. Auch etwas Historie.
Das war einfach die Zeit damals: Geschichtsbewusstsein oder Blankoscheck? Das fragt sich auch bei Verlautbarungen wie dass große Leistungen Karls des Großen dies gewesen seien: „Zentralisierung“ (soll heißen: die Macht an sich zu reißen und in seiner Person zu vereinen) und „innere Einheit“ (soll heißen: Zwangsbekehrung zum Christentum, um dem Reich eine Kollektiv-Identität aufzudrücken). Frech formuliert, aber damals strategisch jedenfalls klug – so gesehen haben die Karls-Freunde recht. Ich lobe streitbare Meinungen, auch wenn sie von konservativen Karls-Freunden kommen. Freilich muss das auch für die Gegenseite gelten: Der Aachener Friedenspreis ging 2013 an „soldatenfreie Schulen“, die Angehörigen der Bundeswehr den Zutritt verweigert hatten. Eine kluge Bekannte, aktives Mitglied der Jungen Union, hat dies wie auch andere Konservative kritisiert, und zwar als undemokratisch: weil nämlich mit derlei Boykott  „Diskussionen“ verhindert würden. Ich antwortete auf ihr Facebook-Statement, Offiziersbesuche an Schulen seien faktisch nun einmal nicht neutral, sondern Werbeveranstaltungen. Außerdem: Den eh bekannteren Aachener Karlspreis haben dafür schon Angela Merkel und sogar Henry Kissinger bekommen.aachen normaluhr

Im Bild: Die weltberühmte Historische Normaluhr von Aachen (hat heute erkennbar einen guten Tag)

Zeit zum Malen: Im Aachener Rathaus hängen die Portraits mehrerer Teilnehmer der Verhandlungen zum Aachener Frieden von 1748. Sie sind schön und würdig anzuschauen. Ihr einziger Makel ist, dass es den Aachener Frieden von 1748 nie gegeben hat. Wegen Rangstreitigkeiten beschränkten die Gesandten sich offenbar darauf, sich malen zu lassen, wo sie grad mal da waren. Ein Zeit-Problem hatten dagegen nur die Gesandten-Kollegen beim Westfälischen Frieden zum Abschluss des Dreißigjährigen Krieges in Osnabrück, was eine weitere Stadt ist, die ich in letzter Zeit planlos besucht habe. Zwar dauerten dort die Verhandlungen mehrere Jahre. Aber als man 1648 endlich fertigverhandelt hatte, mussten alle plötzlich ganz schnell weg. Ich fand es relativ lustig in Osnabrück zu erfahren, die Portraitierten sähen sich wohl deshalb so ähnlich, weil der Maler gar keine Zeit bekam, die zu Malenden überhaupt zu Gesicht zu bekommen. Ein Frieden also mit blöden Bildern,  hundert Jahre später dagegen einer mit schönen, der zum Ausgleich allerdings nie stattgefunden hat. Man kann nicht alles haben. – Das einzig Praktische am Gemetzel des Dreißigjährigen Krieges (1618-48) ist übrigens, dass man sich mit ihm sehr gut die Abfahrtszeiten der Wupertaler Busline 625 merken kann: Als mein Vater und ich am zweiten Weihnachtstag durch Wuppertal-Cronenberg irrten und feststellten, dass die einzige Chance auf einen Kaffee an diesem Tag die Jet-Tankstelle war, fuhr der Bus nach Haus jede Stunde um 18 und 48 von der Jet-Tankstelle ab. Wissen zeitrelevant.

Zahn der Zeit. Mauerspechte arbeiten offenbar ganz offiziell mit dem Aachener Tourismusamt zusammen: Wie bei der Berliner Mauer gibt es hier Tütchen mit „Einem Stück Aachner Dom“ zu erstehen. Anders als die Berliner Mauer gibt es den Aachener Dom aber eigentlich ja noch. Noch.

Gunst der Stunde. Ein Vierzeiler.

Warm saniert

Neuer Stil, kaum brennt die Stadt

Neugotik – dernier cri!

Ich schätze, Friedrich Wilhelm hat

Fürn Brand kein Alibi.

(Der „große Romantiker“ Friedrich Wilhelm IV. von Preußen begann als Bauherr mit der Re-Gotisierung des Aachener Rathauses. Zufall, Zufall: „Ein weiterer Brand vernichtete 1883 die barocken Türme, die im Stil der Neugotik ersetzt wurden.“ (Broschüre im Rathaus) Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.)

In Eile – fleißig – deutsch: Der Sticker einer linken Gruppe an einem Laternenmast wünscht „A merry Crisis“ und meint das natürlich nicht als Wunsch, sondern als Befürchtung und Mahnung ans Wirtschaftssystem. Ein bisschen politische Zeitgedanken: Für mich persönlich hat sich 2013 auch immer stärker die Frage gestellt, ob das „Projekt Europa“ nicht ein Eintopf ist. Mit wenig abgeschmecktem Rezept und obendrein im Schnellkochtopf. Neben „den Banken“ sind ja auch „die Griechen“ ein Groß-Verdächtiger in der Eurokrise – sprich: die „südliche Mentalität“.  Dass Menschen Richtung Mittelmeer ein anderes Tempo haben im Leben und Arbeiten: Ist an dieser Vorstellung vielleicht gar nicht die interessanteste Frage, wie rassistisch sie ist? Sondern viel mehr: ob es vielleicht mindestens naiv ist, einen ganzen Kontinent gewaltsam als Konstrukt zu fassen, in dem alle gefälligst auf die gleiche Weise und mit der gleichen Effizienz zu wirtschaften haben – und dann mal abzuwarten, ob das in der Realität zum Zusammenbruch führt?Es ist ja schön, dass heute auf Religions-Gemetzel zum Heil der „inneren Einheit“ verzichtet wird. Aber warum Länder mit einem anderen Effizienzverständnis in einen brodelnden Topf schmeißen mit leicht faden Effizienz-Superknollen wie Deutschland – und ganz schrecklich schimpfen, wenn er überkocht? (Wobei zum Beispiel ich zur deutschen Leistungskraft sicherlich herzlich wenig beitrage, weil ich eher undiszipliniert bin und Bequemlichkeit für überhaupt keine Untugend halte; aber das ändert ja nichts am gesamt-nationalen Stand.) Wenn dann ein Anlass wie die Lehman-pp-Pleite auftritt, trifft es die  natürlich am schlimmsten. Auch das muss man übrigens „den Banken“ nicht allzusehr zum Vorwurf machen – es mag Staaten geben, die dem Risiko gewachsen sind. Aber auch andere, die es eben nicht sind. Komisch: Dem europäischen Zwangs-Einheitsbrei reden gerade Konservative am lautesten das Wort, aus deren Reihen sonst so viele Klagen über „Gleichmacherei“ kommen – ob es nun um Multikulti in einem Land geht oder um gleichgeschlechtliche Partnerschaften.aachen karolus

Die drei großen Themen: Karl der Große (links), die Zeit (rechts), und das PSI (unten) heißt „Printen Sind Intemporabel“. Schätze ich. Soll heißen: zeitlos. Muss so sein eigentlich.

Zurück zur Zeit- ung: Das Aachener Zeitungsmuseum ist einer der Orte, die ich suche, finde, aus den Augen verliere, probeweis betrete… heute ist es zum übergreifenden Medien-Haus umgestaltet, Non-Print, Online, Radio. (Später überlege ich sogar, vom kostenlosen Internetzugang aus diesen Blog hier zu füllen.) … Ich hab’s dann gelassen. Links liegen, wie gesagt. Bewusst Lassen ist auch mal ein gutes Tourismuserlebnis.  Ai Weiwei postet mir im Eingangsbereich außerdem etwas zu modisch „Kunst befruchtet mein Twittern.

Naja, und Non-PRINT [Doppel-sic!!]: Geht in Aachen ja schon mal überhaupt gar nicht.
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Über martinhagemeyer

"artikuliert": Ideen, geäußert und / oder zu Artikeln gemacht. Das habe ich jedenfalls vor.
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