Wie mich die NSA zur Advents-Besinnung brachte

„Das ist der Lauf der Welt.“ Beliebt sind dieser Tage die Klagen über Egoismus, Ellenbogen und schlechtes Miteinander. Wer sich die Mühe macht, etwas genauer zu werden, tadelt wohl auch konkrete Missstände: in der Marktwirtschaft, die Sozialstandards zurückfährt und mancherorts selbst eine vernünftige Versicherung der Beschäftigten als lästiges Hindernis behandelt; im Umgang mit der Natur, oder anderswo. Schlimm sei das, das ist Konsens. Tun freilich, und das ist mindestens ebenso Konsens, könne man selbstverständlich nichts.

 

Stimmt nicht.

 

Die Aufdeckung des NSA-Überwachungssystems schießt erfrischend quer in unserem Fatalismus. Recht groß ist die Schnittmenge der empörten Überwachten mit besagten Zeitgenossen, die asoziales Wirtschaften eben für den Lauf der Welt halten – schade, aber nicht zu ändern. Wenn’s um die eigenen Daten geht, merkt mancher, dass das wohlfeile, aber letztlich ergebene Stirnrunzeln über Anmaßungen aus USA oder auch im eigenen Land etwas wenig sein könnte. „Also das läuft nicht.“

Schnitt.

Weihnachtsstimmung.

„So ist der Gang der Zeit.“ Längst gehören die Klagen über die „hektische“ Adventszeit mit ihren „überteuerten“ Nippes-Ständen und ihrer leider, leider ja natürlich unvermeidlichen „Konsumfixierung“ zum Basisrepertoire jedes durchschnittlich begabten Mode-Quenglers im ersten Lehrjahr. Für Weihnachtsstimmung, kuschliger Konsens auch hier, gebe es bei derlei Widrigkeiten selbstredend keine Chance.

Wieder gelogen.

Martin Hagemeyer wagt das Ungeheuerliche und behauptet öffentlich: Man KANN anhalten.

Ich halte es für ein Gerücht, dass heutige Menschen keine Zeit haben, sich etwas Weihnachtsstimmung zu suchen und auch zu finden. Wenn sie es denn wollen und nicht nur routiniert die eigene Verhärmtheit mit „den Verhältnissen“ entschuldigen wollen. Als Schutzbehauptung vor dem plumpen Unwillen, sich selbst einmal zu bremsen. Möglich wäre das nämlich.

Kein Job der Welt verbietet es, an einem Tannenzweig zu riechen. Oder für eine Viertelstunde in einer Kirche oder einem Park einzukehren (zur Einkehr eben). Das zu bestreiten ist nichts als bequemer Selbstbetrug.

Un: Man KANN bewusst konsumieren. Nicht immer, aber immer öfter. Es gibt genug verantwortlich wirtschaftende Unternehmen, Bioläden und sonstige Projekte mit korrektem Anspruch und Angebot. Schmeckt nicht? Zu teuer? Komische Leute? Schutzbehauptung hier wie dort.

Ob derlei individuelles Bewusstsein irgend etwas im größeren Maßstab ändert oder nicht: Darüber ist damit nichts gesagt. Eine Menge gesagt ist damit jedoch gegen die selbstgewählte Untätigkeit, die vielleicht gar nicht so sehr „traurig“ ist als vielmehr: verlogen. (Im Zweifel: sich selbst gegenüber –  aber das ist auch nicht schöner.)

Wahr ist zwar: Die freie Marktwirtschaft verführt kurz denkende Geschöpfe, und das sind wohl alle denkenden Geschöpfe, dazu, sich als Kunde am Laden mit dem niedrigsten Preis zu orientieren. Und damit im Zweifel mit niedrigen Sozial- oder Umweltstandards oder auch Rechtsbeugungen – von nichts kommt billig nicht. Dumping als Maßstab, gegen den seriöse Preise sich erst einmal rechtfertigen müssten. Statt etwa umgekehrt. SIE ERLAUBT ABER AUCH, ES ZU LASSEN.

Und, als ein Beispiel für vieles, etwa Bücher für ein enorm wichtiges Kulturgut zu halten, das man aber natürlich bei einem Internetkonzern bestellt, der nicht nur auf Ausbeutung seiner Mitarbeiter setzt (vor dieser Versuchung steht jeder Konzern), sondern Buchhandlungen wie überhaupt den Buchhändlerberuf verdrängt und ganz im Hintergrund seit Jahren an der Abschaffung der Buchpreisbindung arbeitet und damit ebenjenes gerade noch so gefeierte Kulturgut zu nivellieren sucht – herab aufs Niveau nämlich der PC-Spiele, Schuhe und des sonstigen Gemischtwarenonlineladens: Sich bei alledem vielleicht immer noch recht „kultiviert“ zu finden, obwohl „faul“ das einzig Wahre wäre, ist vielleicht einfach nur noch – ein bisschen lächerlich.

Das Bequemste ist nicht das Maß aller Dinge – wenn wir es nicht dazu machen. Das hat zumindest mir dieses Jahr die NSA-Affäre, als Beispiel für Anmaßung und als Mahnung an unsere Ignoranz, schlagend vor Augen geführt. Bewusst verhalten ist auch erlaubt – einfach mal machen! Machen heißt manchmal Nicht-Alles-Mitmachen. Und der Faulste ist manchmal der, der nicht stehenbleibt. Schöne Weihnachtszeit allerseits! *

 

(*Ja, die läuft noch, mindestens bis zum 26. Dezember – so lange halten die Ausreden nicht …)

 

(Auch zum Hören: http://www.youtube.com/watch?v=O2CNxL2tlQA)

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Über martinhagemeyer

"artikuliert": Ideen, geäußert und / oder zu Artikeln gemacht. Das habe ich jedenfalls vor.
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