TV-Duelle: Zwischen Slam und Händedrücken

(von So., 1.9.2013)

 

Schön ist’s zu wissen, was man nicht tun wird. Was zum Beispiel ich mit Sicherheit heute nicht tun werde: Das TV-Duell der Kanzlerkandidaten sehen.

Ich frage und versuche zu beantworten (und merke gerade, dass das blöd klingt, aber sei’s drum): Was finden Wahlbürger interessant daran? Wichtiger: Ist es sinnvoll, was sie interessant daran finden?

Ich schätze Vergleiche und wähle zum Vergleich a) Poetry Slams und b) Vorstellungsgespräche.

a) Der Show-Charakter ist nicht als solcher mein Problem. Auch Politik ist zu einem gewissen Teil Performance, darf und muss es sein. Hilfreich scheint mir aber ein Vergleich mit der Kunstform Poetry Slam, die ich in ihrer Entwicklung ein wenig verfolge. Wenn hier Autoren ihre Texte vortragen und nachher vom Publikum dafür bewertet werden, dann kann man diese Auslieferung an die Masse – aus künstlerischen Gründen – ebenfalls fragwürdig finden. Aber klar ist: Da gehört es zum Deal.

Ein Votum nach dem TV-Duell quittiert wie eines beim Poetry Slam die Leistung eines Abends. Ein Votum bei der Wahl sollte aber überhaupt nichts quittieren, sondern etwas zusprechen, und zwar: die Eignung für vier Jahre.

b) Zweiter Punkt: Die Verselbstständigung. Wie gut ein Kandidat die Regeln des Spiels „TV-Duell“ beherrscht, wird zum eigenen Kriterium. Das wiederum erinnert mich an Konventionsdenken, wie es bei Vorstellungsgesprächen üblich ist. Ursprünglich war hier am Verhalten eines Stellenkandidaten einmal von Interesse, welche Rückschlüsse es auf seine Fähigkeiten im Beruf zuließ. Heutzutage ist es Standard, „zur Vorbereitung“ Bewerbungsratgeber zu lesen. Mit der Folge: Wer heute dem Einsteller zur Begrüßung die Hand nicht zu fest drückt, weil das überheblich erschiene, und auch nicht zu sacht, weil das für Schüchternheit spräche, der beweist damit weder Dezenz noch Selbstbewusstsein. Sondern eine andere Qualität: nämlich dass er genug Bewerbungsratgeber gelesen hat.

Ebenso beweist, wer nach dem TV-Duell von TV-Duell-Experten gelobt wird, dass er die Kriterien von TV-Duell-Experten kennt, interessant findet und beherzigt.

 

Wer also auf der Basis eines TV-Duells und dessen Analysen seine Wahlentscheidung trifft, der

● quittiert damit die Schaukampfqualitäten des Kandidaten, und zwar solche, die

● andere Leute diesem  zusprechen, weil er

● deren Kriterien erfüllt.

Ich halte das alles für komplett abwegig.

P.S. Schön ist’s auch, bessere Alternativen zu kennen: Ich gehe heute zum Jubiläum „15 Jahre Junges Theater Leverkusen“. Mein Tipp! Bahnhof Leverkusen, zehn Minuten durch die Stadt, Karlstraße 9. Für mich eindeutig die bessere Wahl zur Wahl.

Die geben außerdem zu, dass sie spielen.

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Über martinhagemeyer

"artikuliert": Ideen, geäußert und / oder zu Artikeln gemacht. Das habe ich jedenfalls vor.
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