„Der Wuppertaler hat es nicht so mit Prunk“

Frage Wer oder was hat Sie zur Kunst gebracht?

Martin Hagemeyer „Aufgetreten“ bin ich schon mit dem Kinder-Zauberkasten vor meinen Eltern, die immer sehr interessiert waren, was ich so tat. Auch eine erste „Szene“ habe ich verrückterweise schon als Grundschüler geschrieben. Kurzzeitig habe ich dann erwogen, Schauspieler zu werden, und auch an einer Schauspielschule vorgesprochen. Inzwischen glaube ich, es war gut, dass ich nicht genommen wurde… Das Live-Element ist mir von dort aber geblieben.

Seit wann sind Sie […] künstlerisch tätig?

Es begann, während ich 2007 bis 2009 bei den Wuppertaler Bühnen in der Laienbühne „Container“ als Hilfskraft angestellt war: Allabendlich die Bühne dort vor der Nase, begann ich sie allmählich selbst für Solo-Auftritte zu nutzen. Und lernte so die Möglichkeit kennen, meine Texte vor Publikum zu lesen, sprechen, spielen. Wichtig war der Gang an die Öffentlichkeit: „Publizieren“ heißt ja nichts anderes als „vor Publikum bringen“ – lesendes oder eben: vor Ort zuhörendes.

Und warum haben Sie sich dafür entschieden?

Kreativ zu schreiben und vorzutragen: Vielleicht ist das einfach für mich die passende Form, meinen Hang zu Texten zu leben. Zum Beispiel im Journalismus kommt mir dagegen der kreative Aspekt zu kurz, beim Werbe-Texten wiederum die Freiheit, nach eigenem Gusto zu schreiben. Und der Live-Aspekt fehlt natürlich bei beidem.

Aus Ihrer Sicht: Was macht Ihr künstlerisches Schaffen besonders? Was hebt Sie von anderen Künstlern ab?

Ein großes Thema ist für mich ganz grundsätzlich die Skepsis gegenüber Kategorisierungen – im Denken, im Alltag. Und wer wie ich eigene Texte auch vor Publikum präsentiert, hat da ja andere Möglichkeiten als bei reiner Schriftform. Ich habe zum Beispiel einen Text „Vom Wert der Kälte“ über die aktuelle Wertedebatte geschrieben und über deren meines Erachtens fragwürdigen Aspekte, und zwar in Ich-Form. Wenn ich dann live in leicht wienerischem Tonfall erzähle, ich fände es viel stilvoller „in Réaumur zu heizen statt in Celsius“, und irgendwann beginne, von „meiner Schwangerschaft“ zu reden, sollte den Zuschauern dämmern, dass das „nicht ich bin“… Irritieren halte ich in der Kunst für sehr wichtig. Ich persönlich mag’s dabei aber maßvoll und freundlich.

Bitte ergänzen Sie: Wuppertal ist ein / kein gutes Pflaster für Künstler, weil…

… Ich glaube, der Wuppertaler an sich hat es nicht so mit Prunk. Und das betont er übrigens ja ständig selbst – Stichwort Regen, Stichwort Dickschädel, Stichwort bankrott. Was dann die Offenheit gegenüber Kunst betrifft, so finde ich es keine ganz schlechte Grundhaltung, zu wissen: Etwas muss nicht glänzen, um interessant zu sein. Mit dieser Erfahrung wächst man in einer Stadt wie Wuppertal ja auf, würden viele Wuppertaler sagen… wie gesagt: Künstlerisch hat das Vorteile.

Wenn Sie nicht arbeiten, was tun Sie dann bevorzugt – Hobbys, Interessen?

Ich bin gern unterwegs (wobei das relativ ist: nach Wermelskirchen heißt für mich auch „unterwegs“…). Oft um die oder jene Theater-, Musik- oder sonstige Veranstaltung zu besuchen. Ob man sie sich dann tatsächlich anschaut, kann man ja entscheiden, wenn man da ist… Wenn nein, gibt es bestimmt ein nettes Café in der Nähe – etwas zum Lesen habe ich immer dabei. Und etwas zum Schreiben natürlich auch.

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Antworten an die „Westdeutsche Zeitung“, Florian Launus. Thema: „Künstler der Woche“ (März 2013).

Martin Hagemeyer: 1999-2007 Studium der Geschichte, Literatur- und Sprachwissenschaft, BU Wuppertal. 2006 „Zwischen den Barrikaden“, Lesung zu Armin T. Wegner. 2008 „Der Kellner im Theatercafé“, tragikomischer Monolog; aufgeführt im „CONTAINER“ der Wuppertaler Bühnen. 2011 Veröffentlichung „Mehr Licht! Mehr Halbwissen!“ in „LEONID. Kulturmagazin“. Oktober 2012: „to go to work to stand“, Ausstellung um ein Gedicht herum. Auftritte bei Lesungen und Poetry Slams.

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Über martinhagemeyer

"artikuliert": Ideen, geäußert und / oder zu Artikeln gemacht. Das habe ich jedenfalls vor.
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