Gläubig sein heißt Fakten glauben

Ob Katholik oder Öko-Veganer: Wer von einer Weltanschauung überzeugt ist, der hat nichts mit „religiösen Gefühlen“ – er beansprucht, Recht zu haben. Wer das nicht versteht und anerkennt, hat sich für den Dialog in Religionsfragen schon disqualifiziert.

Weltliche Bewegungen mit religiösen Begriffen zu belegen, hat oft den Zweck, ihre Gültigkeit in Frage zu stellen. Wer Menschen, die vor der Klimakatastrophe warnen, als „Jünger“ einer „Glaubensrichtung“ bezeichnet, der spricht ihnen den Tatsachenstatus ab. Hier soll es einmal umgekehrt sein: Wenn ich im Folgenden religiöse Fundamentalisten mit Veganern vergleiche, dann nicht um die Selbstgewissheit von Tierproduktgegnern zu kritisieren. Sondern, umgekehrt: um die Selbstgewissheit von Tiefreligiösen verständlicher zu machen.

„Warum sind religiöse Menschen so verdammt humorlos?“, fragte neulich ein Bekannter auf Facebook. Für die Kommentarfunktion einer Facebook-Statusmeldung ist mein Antwortversuch zu lang und vielleicht auch zu komplex. Außerdem aber auch: zu grundsätzlich. Denn es ist ja dieser Tage immer wieder zu erleben, dass Religiosität von der kompromisslosen Sorte auf Unverständnis stößt. Und Anlass gibt es genug dazu: Fundamentalistische Muslime, genannt „Salafisten“, verteilen nicht nur Korane in deutschen Großstädten; gewaltbereite Vertreter von ihnen wollten jüngst den Vorsitzenden der Islamgegner von „Pro NRW“ ermorden.
Wenn so ziemlich zeitgleich in Rom ein neuer Papst gewählt wurde, dann wirkte das Gewese um schwarzen und weißen Rauch auf Kirchenferne nicht nur wie heiße Luft. Außer dem für Außenstehende befremdlichen Eindruck solcher Riten erscheint derart öffentlicher Katholizismus dem Skeptiker womöglich nur als Variation des islamistischen Fanatismus – kaum weniger unheimlich, bloß qua „westlicher“ Verwurzelung mit besserem Image gesegnet. Der Name „Franziskus“ wecke Hoffnungen, von nun an werde es menschlicher zugehen in der Kirche? Der reine Hohn für jeden, der gewohnt ist, „katholisch“ zu übersetzen mit „reaktionär plus spirituell verbrämt“.

Plausibel ist das nicht erst seit den letzten Kirchenskandalen. In Zeiten, da Religion als bloßer Lifestyle zwischen Carpe-diem-Banalitäten und goldigen Deko-Buddhas wahrgenommen wird, mehr noch: da sie auch von kirchlicher Seite immer mehr als Wellness-Service für den Menschen dargestellt wird denn als das Umgekehrte – das Wort „Gottes-Dienst“ drückt eigentlich ja aus, dass es um Dienst für Gott, an Gott geht: Jede selbstbewusste Religion mit universellem Anspruch erscheint bei solchem Hintergrund nur – anmaßend.

Ich glaube: Hier herrscht ein grundsätzliches Missverständnis.

Und es ist eines, das fatal ist für einen Dialog zwischen Religiösen und Nichtreligiösen, der nur irgend Aussicht auf Erfolg haben will. Und das bei der enormen Wichtigkeit solcher Dialoge.

Das Missverständnis liegt in der Annahme, Glaube sei etwas Subjektives.

Irrationalität: Typisch nur für Fußballfans

Um zu verdeutlichen, was Glauben für Gläubige bedeutet, könnte man zum Vergleich auch eine so populäre und leicht nachvollziehbare Verbundenheit heranziehen wie die des Fußballfans. Wer schon einmal einen glühenden Verehrer des FC xy nach einer Niederlage seines Vereins zu beschwichtigen versucht hat mit gut gemeinten Argumenten wie: „Ich verstehe ja, dass das blöd sein muss für dich. Weil du eben zufällig diese Mannschaft magst. Aber es ist doch nur ein Spiel“: Der kennt vielleicht die Erfahrung, dass schön gedachtes Relativieren nicht immer im Leben auf Dankbarkeit stößt.

Nur ist der Sport beim Thema Religion ein unzureichendes Vergleichsobjekt. Viele Fußballfans haben in einer stillen Stunde kein Problem damit zuzugeben, dass ihre Begeisterung vorsichtig gesagt auch eine emotionale Komponente hat. Taktik, Torrisiko, Turnierqualitäten: Der Fan weiß, dass nicht nur Fakten ihn zum Fan machen.
Das Paradox, die Zumutung des religiösen Glaubens dagegen ist: Wenn der Anhänger von Religion xy Recht hat, dann glaubt er Fakten. Dann ist sein Glaubensinhalt alles andere als eine bloß subjektive Meinung – und ganz bestimmt nicht unverbindlicher als sportliches Fan-Sein.
Sondern: Die pure Tatsache.

Um diese ganz entscheidende Selbstgewissheit klarzumachen: Dazu kommt an dieser Stelle nun das Veganertum ins Spiel. Anders als die Liebe zum Lieblingsverein hat nämlich die Ablehnung von Tierprodukten einen ziemlich ungefühligen Hintergrund: das Leid der Tiere. Nicht nur die zum Schlachten, sondern auch die nur zum Produzieren von Milch oder Eiern vorgesehene Tiere werden industriell gehalten, sie werden eigens zu diesem Zweck selbst produziert und zur Nachwuchsproduktion gezwungen – und getötet, wenn sie den Zweck nicht mehr erfüllen.

Man kann den Milch- oder auch den Fleischkonsum übrigens als legitime Befriedigung menschlicher Bedürfnisse ansehen – und das Tierleid als demgegenüber sekundär, weil es kaum verzichtbar ist für diese Befriedigung. (Niemand ist verpflichtet, Moralist zu sein.)

Fakt bleibt es aber.

Sterblichkeit als Trumpf im Ärmel

Und so wie nun die Veganer das Tierleid als ziemlich gesicherte Tatsache in der Hinterhand haben: So haben die Religiösen als ziemlich gesicherte Tatsache den Tod in der Hinterhand – unsere Sterblichkeit.

Bräuchte der Tod einen griffigen Werbeslogan, dann wäre ein schöner:
„Tod. Wo Esoterik auf Wirklichkeit trifft.“

Wer diese starke und immer noch verstörende Tatsache hinter sich weiß, der kann sich mit gutem Recht überlegen fühlen, sobald er einer Religion angehört, die zum Tod ein Erklärungsmodell anbietet. Überlegen nicht unbedingt gegenüber konkurrierenden Religionen – gegenüber der indifferenten Masse aber ohne Probleme.

                                     eso
Der broschürenverteilende Veganer in der City kann allen Spott der Passanten gelassen parieren – da reicht ein Blick auf die Filmaufnahmen aus einem Massenzuchtbetrieb. Der Gläubige, vielleicht als Koranverteiler oder Zeuge Jehovas in einer ganz ähnlich undankbaren Situation, braucht noch nicht mal einen Film – unsere Sterblichkeit muss keiner beweisen; aber nur er ignoriert sie nicht.

Das wiederum beweist natürlich nicht, dass die konkrete Erklärung, gar das gesamte Gedankengut der jeweiligen Glaubensrichtung nun ebenso sicher zutrifft. Dennoch bleibt richtig und von enormen Folgen fürs Selbstbewusstsein gläubiger Menschen: Wie mit dem Tod, so hat Religion logisch ganz zwingend mit dem, mit unser aller Leben zu tun – und zwar viel konkreter und verbindlicher, als es diese längst zur Binsenweisheit geronnene Formulierung es noch vermittelt. Wenn etwa Moslems, Christen oder Buddhisten Recht haben, dann GIBT es ein Leben nach dem Tod. Wenn Salafisten Recht haben, dann IST dabei das Märtyrertum ein Weg, auf dieses Leben nach dem Tod Einfluss zu nehmen. Wenn katholische Christen Recht haben, dann IST tätige Reue wichtig, um Frieden nach dem Tod zu finden. Wenn Buddhisten Recht haben, dann IST es vielmehr notwendig, zuvor den Kreislauf der Wiedergeburt zu durchbrechen. Ist so.

Privat – aber gültig für alle

Die individualistischen Zugänge zum Glauben haben ihren Anteil am Missverständnis, Religion habe keine Relevanz über den Horizont des Einzelnen hinaus. Wenn Luther lehrte, „sola fide“, nur durch den Glauben, sei Gott zu finden und nicht durch Sakramente: Dann mag es legitim sein, das zu übersetzen mit: „Der Glaube ist Privatsache.“ Doch verführt dieses Prinzip eines Zugangs, letztlich ja ein methodisches Konzept des „Wie-finde-ich?“, dazu, es bequem umzumünzen in ein: „Der Gläubige hat sich mit seinem Glauben zurückzuhalten.“ Kein Luther, kein Reformer irgendeiner Religion kann das gewollt haben.

Vor diesem Hintergrund ist es zu verstehen, wenn Papst Benedikt XVI. als eines seiner Hauptanliegen immer wieder den „Relativismus“ angeprangert hat. Sollte wohl heißen: Die Religion, genauer: das Christentum, genauer: der Katholizismus, hat es nicht nötig, sich relativieren zu lassen. Absolut setzte neulich auch der Salafist am City-Stand seinen Glauben, der sich im Gespräch mit mir zwar grundsätzlich gegen Gewalt aussprach, aber auch im Tonfall einer Selbstverständlichkeit zu bedenken gab: „Wenn der Prophet beleidigt wird – kann man da verlangen, ruhig zu bleiben?“

Wer einem Weltbild mit faktualem Anspruch anhängt, der ein starkes Fundament hat durch eine klare Haltung etwa zur Sterblichkeit und insofern „fundamentalistisch“ ist: Der muss nicht einsehen, wieso er jede andere Erklärung, und noch viel weniger: wieso er das Fehlen einer Erklärung bei Atheisten oder „Agnostikern“ für gleichrangig halten soll. Diesen Hintergrund muss im Blick haben, wer bei Gläubigen die Bereitschaft zur gefälligen Selbstnivellierung vermisst. Sonst darf er mit naiven Harmonieappellen nicht ernstlich auf Verständnis hoffen.

P. S. Ein gläubiger Musiker, bekennender Anhänger einer Weltreligion, sagte einmal über ein ihm gern angeheftetes Attribut: „Ob ich ‚religiös‘ bin, interessiert mich nicht. Ich liebe Gott. Darum geht es.“ Und wer das nicht versteht, für den sei letztmals der Fußballfan zum Vergleich herangezogen – und wie gesagt: obwohl der sogar weniger Anlass hat zur Selbstgewissheit. Wer also seinen Verein liebt, wird es möglicherweise kaum angemessen finden, wenn aufgeklärte Zeitgenossen freundlich Offenheit demonstrieren wollen, vielleicht nach dem jüngsten Champions-League-Finale, mit Fragen wie: „Sie sind also fußballinteressiert. Interessant. Bestimmter Verein jetzt, oder mehr so allgemein?“

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Über martinhagemeyer

"artikuliert": Ideen, geäußert und / oder zu Artikeln gemacht. Das habe ich jedenfalls vor.
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