AUF NACHFRAGE AUCH MIT HUMAN

Die Selbstverpflichtung der Textilkonzerne nach dem Bangladesch-Unglück zeigt: Marktwirtschaft kann auch sozial. Wenn der Markt es fordert, nehmen Unternehmen auch ein ungeliebtes Risikogut ins Portfolio auf – Verantwortung. Bloß: Der Kundenbedarf braucht Katastrophen.

Es war wie beim Schlussverkauf, und zwar kurz bevor das Kaufhaus schließt: Zwei Stunden und sieben Minuten bevor die Beitrittsfrist zur Selbstverpflichtung für soziale Standards in der Textilindustrie ablief, beschloss als Letzter auch der Discounter Lidl, sich auf verbindliche Sicherheitsbedingungen festzulegen – in Produktionsländern wie Bangladesch, wo mehr als tausend Menschen bei einem Fabrikeinsturz getötet worden waren. H&M war schon beigetreten, Hauptkonkurrent Aldi auch; man sieht die Lidl-Strategen förmlich vor sich, wie sie sich spätabends bis kurz vor zehn die Haare rauften – und sie schließlich doch noch aufnahmen ins Angebot: die Investition ins Image. Dass es nur darum ging – daran zweifelt ja keiner.

Besser spät als nie, möchte man meinen. Eben das Gesetz des Marktes zwingt demnach am Ende auch die in die Knie, die gemeinhin davon profitieren. Die Marktwirtschaft kennt zwar keine Moral, sondern nur Pragmatismus. Aber gerade weil ihr Motor der Eigennutz ist, kann auch ethisches Engagement pragmatisch sein; dann nämlich, wenn ein Produkt nicht nur für seinen Gebrauchsnutzen geschätzt und gekauft wird, für seinen Geschmack oder seinen Unterhaltungswert, sondern für die Umstände seiner Herstellung.

Dass orthodoxe Linke diese Deutung nicht gelten lassen, passt ins Bild. Für sozialistische Ideologie ist das Kernthema aller Politik ja die Besitzverteilung und eine Katastrophe wie in Bangladesch nur eine besonders brutale Erscheinungsform einer schon für sich perversen Ungleichheit. Der Fehler, so sagen Marxisten auch in diesem Fall, liegt im System – so wie für eigentlich jeden Ideologen eigentlich alles im System liegt.

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Fair ohne gleich? Interessiert Marx nicht
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Das gibt linker Kritik an Missständen immer ein Gschmäckle. Wer unter dem Kampfbegriff „Ausbeutung“ jede größere Diskrepanz im Vermögen als zentrales Übel ansieht: Der setzt sich im konkreten Fall, hier: der lohnbedingten Produktionsverlagerung nach Fernost, dem Verdacht aus, es gehe ihm wie immer nur um die Diskrepanz. Ob eine solche Verlagerung begründet ist mit schlechten Sozial- und Sicherheitsstandards oder aber damit, dass die Lebenshaltungskosten im jeweiligen Land niedriger sind und ein zehnmal niedriger Lohn durchaus vertretbar sein kann, wenn das Leben dort zehnmal billiger ist: Solche Argumente interessieren den Ausbeutungs-Theoretiker nicht, weil sein Hauptangriffspunkt, die Diskrepanz, ja in beiden Fällen besteht.

Wer aber „fair“ nicht ohne „gleich“ denken kann: Der macht unsoziale bis gefährliche Missstände zur Nebensache. Denn bessere Arbeitsbedingungen bleiben für ihn ja suspekt, solange die Gewinnmarge nicht schrumpft. Aus jedem Satz manches Marx-Geschulten spricht moralische Abwertung: Sobald jemand den Faktor Arbeit profitabel organisiert, heißt es grundsätzlich, er lebe „auf Kosten“ der anderen, die das „abtreten“, was „eigentlich“ ihnen „zusteht“; und globale Standortabwägung trifft immer das vernichtende Urteil, dabei würden die Arbeiter der einzelnen Länder „gegeneinander ausgespielt“. Für derlei Furor ist keiner Erwähnung wert, dass dann im Alltag jeder Kunde, der zwischen zwei Händlern abwägt und sich für den günstigsten, besten, nettsten oder frischsten von ihnen entscheidet, so gesehen die Konkurrenten „gegeneinander ausspielt“ – dass aber nur dort darauf verzichtet wird, dieses pragmatische Denken zu kriminalisieren.

Daher ist es so wichtig, dass Engagement für faire Arbeitsbedingungen auch in Kreisen und Parteien stattfindet, die sozialistischer Denkmuster unverdächtig sind (hallo Diana! ;-)). Wie Waren entstehen, von deren niedrigen Preisen wir profitieren, hat uns zwar nicht erst dann zu interessieren, wenn Leib und Leben in Gefahr sind. Sondern: Sobald wir von Not profitieren. Aber es muss uns nicht deshalb interessieren, weil da jemand Geld verdient. Linksorthodoxe mit dem Tunnelblick der Profitfrage bestreiten schlichtweg, dass kluge Personalpolitik auch ein legitimer Erfolgsfaktor sein kann.

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… und Mündigkeit überfordert doch
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Dennoch: Auch Tunnelblick sieht manchmal Richtiges. Wer sich mit einem verständigeren Marktkritiker unterhält, sollte darauf gefasst sein, dass nach Abzug der Klassenkampfrhetorik Tatsachen im Raum stehen bleiben, die nachdenklich stimmen. Zum Beispiel: Dass asiatische Textilarbeiter oft nicht acht Stunden am Tag arbeiten, sondern zwölf oder vierzehn. Warum sollten sie das nötig haben, wenn der niedrige Lohn wie unterstellt durch niedrigere Kosten fürs Leben kompensiert würde? Die häufige Kinderarbeit, und mag man sie noch so oft verurteilen oder „verbieten“, zeigt ebenfalls, dass die Rechnung ganz offenkundig nicht stimmt.

Fazit: Das Misstrauen gegenüber dem Konzept „verantwortungsbewusster Konsum“ ist berechtigt. Solange kein Hochhaus Menschen unter sich begräbt, ist es ganz ohne Ironie viel verlangt, Schnäppchen im Laden kühl zu ignorieren. Dass Geschäftsmodelle, die auf Niedrigpreisen basieren, dazu verführen, kreative weitere Einsparmöglichkeiten auszutüfteln – zum Beispiel eben indem man Sicherheitskräfte anstellt, die Arbeiterinnen daran hindern, den Arbeitsplatz zu verlassen, wenn er über ihnen zusammenstürzt: Vorm Discounterregal auf derlei Abstraktionswillen zu bauen, ist weltfremd.

Ethische Qualitäten sind ein höchst unzuverlässiger Posten im Kundenbedarf. Und daher ist es dann eben doch so: Verlässlich geht Verantwortung nur von oben.

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Über martinhagemeyer

"artikuliert": Ideen, geäußert und / oder zu Artikeln gemacht. Das habe ich jedenfalls vor.
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