Heino spielt Rebell: Wer so blond ist, darf das

Manchmal ist es besser, Dinge nicht zu wissen. Als ich erstmals das Lied „Junge“ hörte, gesungen von Heino, dachte ich: Cool. Könnte fast von den Ärzten sein. Oder so Leuten. Kurz darauf hörte ich: Es war von den Ärzten. Ich war angetan von der unerwarteten Zusammenarbeit der Band mit der Volksmusikikone. Dann titelte die BILD: „Rocker-Krieg gegen Heino“, und ich war immer noch überzeugt, dass da ein grenzüberschreitendes Projekt am Werk war, getragen von mutigen Teilnehmern auf beiden Seiten. „Beste Band“ trifft „blonder Barde“? Berührungsängste Fehlanzeige!
Wird wohl um irgendwelche Hell’s Angels gehen, die was falsch verstanden haben.

Alles falsch verstanden, der Leser weiß es, hatte wieder mal nur Martin Hagemeyer.

Ob nun die „Rocker“, die ihre Hits nun ohne ihre Zustimmung mit Heinos Stimme hören müssen, dem unverwechselbaren Inbegriff von Piefigkeit, wirklich so erbost waren wie die „Bild“ es suggerierte; ob Kommentare wie „Wir könnten kotzen, zum Erbrechen“ nun vielleicht gar nicht von Rammstein stammen, sondern nur aus deren „Umfeld“, oder vielleicht auch nur von der dann zugegeben außerordentlich geschickten „Bild“-Redaktion: Selbst wenn’s den Rockern egal war – ich war alarmiert.

Sollten rechtsnationale Kreise einmal eine Kampagne planen, um ihr Weltbild salonfähig zu machen: Für derartiges Ansinnen ist die Ironie-Schiene ideal. Wie gut das funktionieren kann, ließ sich schon lange beobachten beim Thema „Schlager-Kult“: Aus „Kann man ja nicht hören“ wurde „Ja, grad drum!“ … und heute interessiert die ironische Brechung bei Schlager-Partys niemanden mehr. Das ist allerdings eher harmlos, weil das Revival von Costa Cordalis oder Bata Illic damals praktisch keine politische Komponente hatte.

Heino hingegen war immer ein Statement. Volksmusik klingt eben nicht zufällig ein bisschen wie völkisch. Heino sang das „Deutschlandlied“ in allen drei Strophen. Er ließ sich bei „Schwarzbraun ist die Haselnuss“ von zwei Schwarzafrikanern begleiten. Er sang nicht nur von heiler Welt, wie er und viele sie sich wünschten, er meinte das alles auch fürchterlich ernst. Blonder war keiner.

Rechts 1. als unmöglich verkaufen, um es damit 2. cool zu machen, bis es 3. normal wird? Schritt Eins schien mit dem inszenierten Rocker-Protest getan.

Kritik gab es in der Tat. „Am schlimmsten hat es die Ärzte getroffen“, schrieb zum Beispiel der Wiener „Standard“: „Deren parodistische Tirade ‚Junge‘, die dem Nachwuchs die Worte einer besorgten Mutter entgegenhält, wird durch Heinos ‚Parodie‘ die Kraft entzogen. Das ist nicht lustig. Das ist bierernst“.

Doch dann gab Heino wenige Tage nach Erscheinen seines Albums der Zeitung „Welt am Sonntag“ (10.2.) ein Interview. Gesprächspartner war Henryk M. Broder, der nicht dafür bekannt ist, Nachsicht gegenüber rechtsextremen Tendenzen zu üben.

Das Interview hieß „Auf den Po klatschen? ‚Das tut man nicht.'“

Gemeint war damit nicht, dass einer der Herren beim Interviewtermin gegen den anderen etwa in unvermuteter Weise zudringlich geworden wäre. Ganz im Gegenteil: Das Gespräch verlief in der schönsten Harmonie. Die beiden unterhielten sich über Früher und Heute, über die Brüderle-Debatte natürlich: Ob man denn jetzt noch einer hübschen Frau hinterherschauen dürfe; Heino ermunterte Broder, er selbst tue das selbstverständlich; und dann wurde es wirklich schade, dass nur Leser der „Welt am Sonntag“ in den Genuss dieser Worte kamen: „Auch wenn Hannelore dabei ist! Die sieht es ja nicht.“

Und: „Deshalb trag ich ja die dunkle Brille.“

Es ist aufgeklärt.

Investigativjournalismus at its blondest.

Interessant für die Frage „Macht Heinos Cover-CD Rechts salonfähig?“ war das Gespräch aber dennoch. Auch wenn der Interviewer sie weder stellte noch offenbar überhaupt interessant oder erwähnenswert fand. Im weiteren Verlauf sagt Heino über seine damalige, man könnte sagen extended version der Nationalhymne: „Ich habe gedacht, das ist unsere Hymne, die Worte ‚Deutschland, Deutschland über alles‘ muss man richtig interpretieren. … Walter Scheel hatte mir den Freibrief gegeben, was sollte daran verkehrt sein?“ Und spätestens wenn Heino die ganze Cover-Debatte um Urheberrecht und rechte Coolness fröhlich aufs musikalische Terrain zusammenschrumpft („Der ‚Enzian‘ geht über drei OKtaven.“, „Ich hab‘ die ‚Sonne‘ schon vor vierzig Jahren gesungen; aber es war die ‚Sonne von Mexico‘, die war auch nicht schlecht.“)

… dann kann man es gar nicht mehr bestreiten: Heino ist einfach kein sehr helles Kerlchen.

Heino hat überhaupt keine Ahnung davon, ob sein Cover-Coup Rassismus salonfähig macht.
Wahrscheinlich versteht er die Frage gar nicht.


Heute habe ich im Radioprogramm in einem Geschäft zufällig „JUNGE“ von den Ärzten gehört. Zum ersten Mal. Bisher kannte ich es nur von Heino.

Und ich muss sagen: Wie die Ärzte hier diesen alten Heino-Klassiker covern, das ist eher mittelmäßig.

Diese eigentlich komplett altbackene Parodie auf Spießer, die einer vergangenen Zeit entschlüpft scheinen („Wie du wieder aussiehst: Löcher in der Hose“ ist kaum eine exklusive Klage von Spießern unserer Tage): Warum sie von drei Jungs singen lassen, die zwar auch keine Zwanzig mehr sind, aber ohne jeden Zweifel Jungen sind und sein wollen – und das auch noch unter dem Titel „Junge“?

Heino hingegen war eigentlich überhaupt nie ein Junge.

Wo Farin Urlaub und Bela B. den Schlusssatz ihres Liedes „WILLST DU, DASS WIR STERBEN??“ mit einem völlig unnötigen Unterton von Pep und jugendlichem Jux artikulieren: Da gibt Heino mit seinem markerschütternden und von keinerlei Humorigkeit getrübten Organ diesem letzten und brutalstmöglichen Versuch der Eltern, die Kinder moralisch zu erpressen, erst die fällige Würde und Fürchterlichkeit.

Ein Mann, der sich angesichts von Rechtsextremismusängsten lieber über Pos statt Politik unterhält, der darf das einfach.
Vielleicht ist Ahnungslosigkeit die wahre Anarchie.

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Über martinhagemeyer

"artikuliert": Ideen, geäußert und / oder zu Artikeln gemacht. Das habe ich jedenfalls vor.
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