Eine Lanze für „Sexismus“

Natürlich soll dieser Text keine Lanze für den Sexismus brechen. Auch Versuche, ein Problem wie den Sexismus als lächerlich oder gar als nicht existent hinzustellen, wie es neckische Anführungszeichen gerne tun, interessieren den Verfasser nicht. Natürlich gibt es Sexismus. Und zum Lächeln ist diese Tatsache auch nicht besonders.

Was allmählich einmal die ein oder andere bruchreife Lanze gebrauchen könnte: Das ist vielmehr ein präziser Umgang mit dem Begriff „Sexismus“. Der wird nämlich dieser Tage nicht etwa nur inflationär verwendet, wie manchmal zu hören ist. Sondern, viel wichtiger: in komplett verdrehter Bedeutung.

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 Wer Sex Sex nennt, ist vielleicht ein Schwein – aber kein Sexist

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-ismen (wenn sie nicht gerade eine Kunstrichtung bezeichnen, wie „Impressionismus“) sagen oft aus, dass etwas übertrieben, generalisiert, unzulässig zum Hauptmerkmal gemacht wird; ein Beispiel ist „nationalistisch“ für Vorgänge, die das Merkmal „national“ erst zum Kriterium machen – in einer Situation, wo das nicht hingehört. Dass nun aber männliche Grabscher eine Situation erst durch ihr Grabschen sexualisieren würden: Auf Fälle, in denen eine Frau bewusst sexuell auftritt, trifft das aber ja gerade nicht zu.

Dass Frauen durch entsprechende Aufmachung einen gehörigen Anteil an der sexuellen Aufladung einer Situation haben: Das hat sehr pointiert Birgit Kelle im Debatten-Magazin „The European“ unter dem Titel „Dann mach doch die Bluse zu!“ artikuliert (http://www.theeuropean.de/birgit-kelle/5805-bruederle-debatte-und-sexismus). Nun provoziert eine solche Argumentation allerdings den Vorwurf, mit dem Weiterreichen des Schwarzen Peters an die Frau als Auslöserin ließe sich ja jeder sexuelle Übergriff bis hin zur Vergewaltigung bequem relativieren – im Sinne des uralten „Das Opfer ist selbst schuld“.

Und klar muss sein: Wenn, wie aktuell gegen die vielfachen Klagen in der Brüderle-Debatte, von „Hysterie“ zu hören ist, dann darf das überhaupt keinen Zweifel daran lassen, dass jede Frau, die sich (gleich wie massiv) sexuell behelligt sieht, sich zur Wehr setzen soll – und wenn sie zehnmal „F… MICH“ auf dem T-Shirt stehen hatte.

Vielleicht mag sie ja einfach blöde T-Shirts.

Wenn ein Mensch, der sich sexuell exponiert, sexuell wahrgenommen und in der Folge gegen seinen Willen sexuell behandelt wird: Dann kann das – nicht erst wo es physisch aggressiv wird – sehr wohl eine Sauerei sein, sehr wohl auch ein strafwürdiges Vergehen.

Nur sexistisch ist es nicht.

 

Gut ausführen lässt sich das am Thema Frauenquote. Wenn bei Stellenbesetzungen ohne zwingende Sachgründe das Geschlecht eine Rolle spielt, dann ist das in der Tat solch ein Fall, in dem via Geschlecht ein hier nicht relevantes Merkmal „unzulässig zum Hauptmerkmal gemacht wird“. Ein Fall demnach von Sexismus. Aus diesem Grund ist die Quote in dieser Situation ein plausibles Korrektiv, um einen verfälschenden Mechanismus auszugleichen.

Solange wir in einer Welt leben, in der Menschen damit rechnen müssen, nach Geschlecht kategorisiert zu werden (und das dürfte gelten, solange es Sex gibt, also vermutlich noch recht lange): So lange haben Quoten, leider, ihre Berechtigung.

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 Feminismus ist keine Frauenlobby

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Das heißt aber auch: Ein Missstand, der demgegenüber nicht sexuell motiviert ist, erlaubt, ja: erlaubt keine Quote. Und zwar auch dann nicht, wenn der Missstand hauptsächlich Frauen trifft. Feminismus ist in seiner Grundidee eigentlich keine Frauenlobby. Sondern eine Anti-Sexismus-Lobby. Oft aufs Selbe hinaus läuft das deshalb, weil nach wie vor überwiegend Frauen von Sexismus betroffen sind.

Dass es aber nicht dasselbe ist: Ein letztes Beispiel soll daran erinnern. Vor einigen Jahren forderte eine deutsche Tageszeitung zum Weltfrauentag als wichtige Aufgabe heutiger Frauenpolitik, endlich dafür zu sorgen, dass Frauen im Beruf genauso gut bezahlt würden wie Männer. Konkret nahm der Artikel Anstoß daran, dass die frauendominierte Berufsgruppe im Friseurhandwerk finanziell immer noch schlechter gestellt sei als die männerdominierte im Automechanikerhandwerk.

Gleich wie gelungen der Vergleich ausgerechnet dieser zwei Berufe auch sein mag: Sofern man glaubt, dass es am Weltfrauentag um Frauenfeindlichkeit gehen sollte, war für diese Kritik an ungleicher Bezahlung der Termin schlecht gewählt. Wenn Haare schneiden schlechter bezahlt wird als Autos reparieren, dann ist das nicht frauenfeindlich – trotz der Tatsache, dass vor allem Frauen davon betroffen sind. Sondern allenfalls frisierendenfeindlich.

Der Feminismus ist nicht gut beraten, * überall dort auf den Plan zu treten, wo Frauen, mal mit, mal ohne sexuellen Hintergrund, benachteiligt werden. Der Vorwurf „Sexismus!“ als Allzweckwaffe, wo immer er Frauen nützt, ist nicht nur unaufrichtig; er leistet auch der Glaubwürdigkeit des Feminismus einen Bärendienst.

Ähnliches gilt etwa für den Antisemitismus-Vorwurf dort, wo er nicht verwendet wird, weil er angebracht wäre, sondern damit er Juden nützt, oder für den Homophobie-Vorwurf dort, wo er erhoben wird, weil er gerade günstig für Schwule/Lesben ist – und nicht, weil er im konkreten Fall sachlich geboten wäre. Das zielt auf keine dieser Bevölkerungsgruppen ab, aber entschieden auf aufrichtiges Argumentieren.

Kurzum: Exakt dort, wo das Geschlecht beteiligter Personen ohne guten Grund zum relevanten Merkmal wird, ist der Sexismusvorwurf am Platz, ist daher etwa auch die Quote legitim. Und exakt hier ist denn auch ein Arbeitsfeld des Feminismus also known as Antisexismus.

 

* Und ja: Ratschläge geben dürfen Männer hier wie Frauen. Darum geht’s ja.

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Über martinhagemeyer

"artikuliert": Ideen, geäußert und / oder zu Artikeln gemacht. Das habe ich jedenfalls vor.
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Eine Antwort zu Eine Lanze für „Sexismus“

  1. Nonnen schreibt:

    Die Gender-Mainstream-Ideologie hat uns doch permanent eingeredet, es gäbe nicht „typisch Weibliches“; was wundert, dass Mann glaubt, Frauen denken und empfinden genauso wie er. Wenn dazu noch durch das Gender „social engineering“ die eigentlichen weiblichen Vorteile und Überlegenheiten ausgeredet oder gar negativ bewertet werden, ist die innere Identität von Frauen zerstört und es bleiben nur noch Äußerlichkeiten, die dann kultmäßig in den Mittelpunkt rücken (Diäten, Schönheitsoperationen, Castingshows usw.) Die Kommunikationswissenschaftlerin Petra Grimm hat bereits 2010 erkannt: Mädchen ziehen zunehmend Selbstbewusstsein daraus, Jungen als Sexobjekte zu dienen. [Siehe Buch „Vergewaltigung der menschlichen Identität. Über die Irrtümer der Gender-Ideologie“, 3. Auflage, Logos-Verlag, Ansbach, 2013]

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