„Schwarz auf weiß!“ ist Olivetti-Denke

Ob „relevant“ oder „druckreif“: Im Internet sollten wir uns von manch liebgewonnenem Anspruch an Kommunikation verabschieden, der nur bei Büchern und in ähnlich gewichtigen Kontexten sinnvoll ist. Nicht damit Anarchie einkehrt. Sondern: Weil sie längst da ist.

______________________________________________________________
schlampe3
So stand es am 4.3. in der „Bild“-Zeitung. Oder so ähnlich. (http://www.bild.de/digital/internet/anna-loos/anna-loos-sucht-facebook-hacker-29354622.bild.html) Der Fall lag anders, ist für diesen Re-Post hier aber ein sehr hübscher Aufhänger.

.

Jeder geht ins Internet. Und eigentlich immer, wenn auf dieser Welt etwas von jedem getan wird, kann es Gegenstimmen gebrauchen. Aber deswegen sind noch lange nicht alle davon besonders clever oder sinnvoll. Zwei der beliebtesten Vorwürfe gegen die Onlinekultur beißen sich sogar. Als da wären: IRRELEVANT!!! und RISIKO!!!

Wer Social Networks fernbleibt, der hat ja leicht lachen über den sattsam bekannten Mitteilungsdrang bei Facebook+Co. Wer nicht postet, teilt und twittert, dem bieten all die Statements und Statusänderungen natürlich einen nie versiegenden Quell an Amüsement; man weiß das.

Aber der beliebte Spott über die Leute, die alle Welt über ihr Frühstück und zwei Stunden später über ihre Verdauungsprobleme informieren, erinnert eigentlich stark an die Witzeleien in der Frühzeit des Handys: Damals war es eine sichere Bank auf der Suche nach willkommenen Witzchen, sich zu echauffieren, wenn Triviales unterwegs ins Mobiltelefon erzählt wurde. Heute hat derlei Öffentlichkeit im Bus nicht mehr viel von ihrem Aufreger-Potenzial. Es wird Zeit, dass auch Öffentlichkeit im Internet nicht mehr nach Skandal riecht. Kurz: Egaler wird.

„Das ist doch völlig irrelevant!“ Diese Feststellung gegenüber mitgeteilten Banalitäten im Internet taugt logischerweise nur dann zum Vorwurf, wenn Übereinkunft besteht: Eigentlich müssten Mitteilungen ja relevant sein. Und dies übrigens mit einer deutlich niedrigeren Toleranzschwelle als im nicht-virtuellen Alltag: Wer die ach so lächerlichen Auskünfte über seinen Speiseplan statt in den virtuellen in den Pausenraum im Job oder in den Freundeskreis daheim verlegt, wird viel seltener Empörung von Relevanz-Puristen ernten à la „Wieso bitte sprichst du über Essen?“

Kurzum: Was den Informationswert betrifft, setzen wir bei Online-Kommunikation offenbar viel strengere Kriterien voraus als bei Offline-Kommunikation. Mag sein, das geschieht als Reaktion auf den Overkill an Informationen, der ja zu Recht vielbeklagt wird. Aber so oder so: Wir erwarten, dass gewissenhafte User sich eigentlich so ökonomisch äußern sollten wie Menschen im sonstigen Leben.

_____________________________________________________________

Und der zweite Vorwurf an die Internetkultur, Risiko!, ist nur die konsequente Folge aus dem ersten namens Irrelevant! Ob es nämlich um unbedacht publizierte Party-Fotos geht oder umgekehrt um leichtfertige Online-Äußerungen über Dritte: Die Mahnungen Wohlmeinender („Da solltest du aufpassen“) wie der Spott weniger Wohlmeinender („Wie kann man so blöd sein?“) sind Legion.

Aber auch hier gilt: Eben dass besonders kluge Zeitgenossen ein Bild im Suff für wahlweise beknackt oder selbstzerstörerisch halten und die bloße Erwähnung Unbeteiligter schnell für Attacken auf ureigene Persönlichkeitsrechte, die ihnen in anderen Kontexten herzlich gleichgültig wären: All dies ist ja nur dann Stoff für Mahnung wie Spott, wenn wieder mal eine Übereinkunft besteht – diesmal über die Maxime: Was veröffentlicht wird, ist schwer wiegend. Aussagestark. Am besten: Mit dem Anspruch, druckreif zu sein. Sprachtheoretiker wie Grice und Habermas haben dazu Kluges gesagt.

Hier sind wir ganz offensichtlich noch stark geprägt von Buch und Print-Presse. Was ja für sich genommen nicht die schlechtesten Prägungen sind. Aber vielleicht eben: im Internet die falschen.

Was „es“ „in die Zeitung“ „schafft“, so unsere Erwartung, ist in irgendeiner Weise beglaubigt. Ist ja auch was dran: Irgendwie geartete Kompetenzen sind ja in der Tat günstig, wenn man in einem verbreiteten Druckmedium „erscheinen“ will. Oder zumindest, im Zweifel: Kontakte. Um „es“ „ins Internet“ zu „schaffen“, braucht es aber bekanntlich nicht mehr gar so viel.

Man kann nun auf die Barrikaden gehen – und umso entrüsteter nach publizistischer Präzision rufen, je häufiger sie fehlt. Sisyphus ist bekanntlich ein Held. Umgekehrt (erraten: der Verfasser ist überzeugter Pragmatiker) könnte man allmählich aber auch einmal den Schluss ziehen: Online-Geschreibsel ist einfach viel, viel EGALER als traditionelles. „Da steht’s doch, also hat es zu stimmen! Schwarz auf weiß!“ – Nicht nur weil die Erfindung des Farbdrucks vorsichtig gesagt kein gänzlich neues Phänomen mehr ist, erscheint es zunehmend anachronistisch, den bloßen Vorgang des „Publizierens“ mit quasi-lexikalischen Erwartungen aufzuladen.

Das könnte einiges entkrampfen.

Denn: Gehen wir davon aus, dass es allen Bankangestellten oder Stellenbewerbern gesetzlich verboten ist, auf Partys zu gehen? Oder moralisch vielleicht? Nein, das tun wir nicht. Ein Foto, das dies dokumentiert, ist aber immer noch von mehr oder weniger starker Brisanz – bis hin zum Karriereknick. Kann nur heißen: Wir interpretieren den Vorgang des Veröffentlichens in irgendeiner Weise, die uns empfindlicher macht für die Information des Bildes, die uns eigentlich überhaupt nicht neu ist.

Wir sollten das lassen.

Am Stammtisch schreit kein Mensch „Irrelevant!“ oder „Riskant!“. Schlechter Vergleich? Nö. Goldene Regel aus dem leider nicht existenten Standardwerk „Was wichtig ist im Internet. Und was eher nicht so„: DAS INTERNET IST EIN STAMMTISCH.

Allenthalben wird geklagt, wir würden im Internet so inflationär zugetextet mit Massen an Blödsinn. Das stimmt natürlich, ganz entschieden. Komisch nur: Anders als bei üblichen Inflationen weigern wir uns standhaft zu akzeptieren, dass die Laber-Inflation exakt dasselbe tut wie jede andere gewissenhafte Inflation der Welt, die auch nur ein bisschen auf sich hält: Wertloser machen. Und damit eben: viel, viel egaler.

Advertisements

Über martinhagemeyer

"artikuliert": Ideen, geäußert und / oder zu Artikeln gemacht. Das habe ich jedenfalls vor.
Dieser Beitrag wurde unter Ausgewähltes, Schlaues abgelegt und mit , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s