Glückwunsch: Der Smiley wird systemrelevant! (Die Nerdbrille ist es schon.)

Lieber Smiley!

Zu Deinem 30. Geburtstag gratuliere ich Dir herzlich.

Du und Deine Artgenossen: Seit Ihr im Jahr 1982 erfunden wurdet, macht Ihr die Welt ein wenig lustiger, ein wenig lockerer, ein wenig anarchischer.

Das habt Ihr jedenfalls getan, solange nicht jeder möchtegerntrendige PR-Angestellte seine Doppelpunkt-Klammer-Tastenkombi unter seine Werbemail gesetzt hat, die das Programm dann vielleicht gleich noch umformt, gelb ausfüllt und um neunzig Grad verdreht, damit auch die wenigen Menschen, die Euch noch nicht kennen, sich nicht mehr den Hals verrenken müssen, damit Ihr ihnen Aug in Auge ins Gesicht grinst.

Lust? Anarchie? Inzwischen machst Du samt Deiner Mondgesichtfreunde die Welt doch nur noch: gelber.

Kennst Du MfG?

MfG ist eine Grußformel und hat das gleiche Schicksal wie Du einige Jahre früher erlitten. Als Abkürzung für das gewohnte „Mit freundlichen Grüßen“ machte es diese alte Formel knapper, lässiger und damit zukunftstauglich. Vor allem aber: informell. Wer auf diese Weise eine Mail abschloss, signalisierte damit zunächst weniger, dass er keine Zeit hätte, den Gruß vernünftig auszuschreiben. Sondern: dass er sich mit dem Adressaten seines Schreibens auf ein und derselben Ebene traf  –  und das war keine offizielle oder geschäftige oder in einer sonstigen Kategorie strategisch relevante Ebene, sondern eine, die keine Kategorie kannte.

So richtig cool machte den Gruß MfG damals eine deutsche HipHop-Gruppe. Bald darauf war Wahlkampf, und ein Wahlkandidat, ich glaube, er war von der CDU, setzte unter sein Konterfei und die Aufforderung, ihn zu wählen, auf einem Plakat das MfG. Die HipHop-Gruppe protestierte, weil sie das MfG nicht vom Politikbetrieb vereinnahmen lassen wollte.

Es war zu spät.

Wenn ich heute eine Mail mit MfG unterzeichnen möchte, fürchte ich immer, zunächst in die Junge Union eintreten zu müssen, damit die CDU mich nicht wegen Missbrauchs hoheitlicher Symbole verklagt.

Wie Du, lieber Smiley, hatte der Gruß den Weg ins Geschäftsleben vollzogen.

Du, Gelbgesicht, und Deine ganze Pfannkuchenfraktion in Fantafarben aber: Ihr zehrt immer noch von Eurem netten, informellen Image, obwohl auch Ihr längst zur Institution in Industrie und PR  geworden seid. Ich sage es nur ungern, alter Freund, aber: Du bist jetzt systemrelevant.

Und institutionalisierte Informalität, das ist ja wohl so ziemlich das Bescheuertste, was ich überhaupt je gehört habe.

Kapierse nicht, Käsekringel? Verstehste nicht, debil-greller Dauergriener? Kapier ich auch nicht. Aber ich kapier so vieles nicht.

Noch einen großen Schritt weiter als MfG und Smileys, nämlich raus aus der Computerwelt in die reale der Mainstream-Mode, ging die Nerdbrille.

Nerd-Brillen waren einmal nichts anderes als großzügig dimensionierte Sehhilfen für Menschen, die den ganzen Tag vorm Computer saßen, was, wie man weiß, schlecht für die Augen ist. Mit aktueller Mode hatten die so wenig zu tun wie „virtuell“ mit Tugend und „Notebook“ mit Büchern, also gar nichts. Und genau das war der Grund dafür, dass allmählich auch andere Leute begannen, Nerd-Brillen zu tragen: Leute, für die es Wichtigeres gab, als überall dazuzugehören. Leute, für die „Freak“ kein Schimpfwort war. Der Nerdbrillen-Freak, ob männlich oder weiblich, war der Nerd in ironisch gebrochen und stand für selbstbewusste Verschrobenheit verschiedenster Sorten.

Wie Ihr, Smiley-Neon-Nulpen und radioaktiv umgepolte Trauerklöße, wurden auch die Nerdbrillen immer beliebter.

Heute trägt jede Heidi-Klum-Verehrerin eine Nerdbrille, für die es dem persönlichen Todesurteil gleichkäme, wenn jemand behauptete, dass sie nicht dazugehöre. Und wenn ich denen was von „ironisch gebrochen“ erzähle, glauben die höchstens, das ist eine neue Pro-Ana-Abnehmmethode.

Und daher sage ich Euch eins, ihr kreisförmigen Kapitalistenknechte und knallfarbigen Kicherkrampen:

Wenn mir von Euch die erste Smiley-Bande über den Weg läuft, die mich für irgendetwas anwerben will und im oberen Gesichtsdrittel keinen Doppelpunkt trägt und auch kein Semikolon, sondern eine Acht in Extra Bold und Schriftgröße 22 als digitale Nerdbrille,weil das eben der perfekte Augenschmuck ist für jeden Smiley von heute, der dazugehören will, und jeder Smiley von heute WILL dazugehören:

Dann kriegt Ihr aber sowas von in Eure gelben Pissfressen, das ist echt nicht mehr schön.

MfG

Martin Hagemeyer

PS Ich mag Euch wirklich, liebe verehrte Smileys, und bedaure hiermit meinen Tonfall in aller Form.

… Aber stimmen, meine guten, alten, runden, braven und grund-un-schuldigen Bananenbrausebratzen: Stimmen tut’s schon.

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Über martinhagemeyer

"artikuliert": Ideen, geäußert und / oder zu Artikeln gemacht. Das habe ich jedenfalls vor.
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