Die Masse macht’s! Besser?

Forensik bis Vuvuzela: Der Volkszorn hat viele Gesichter

Wollen wir Ikea oder Kriminelle? Wenn auch diese abstruse Frage so glücklicherweise (noch?) niemand von Rang stellt: Es sind zwei Themen, die in Wuppertal dieser Tage das Volk in Bewegung versetzen – und zwar mit entgegen gesetzten Vorzeichen.

Der Ikea-Konzern möchte im Tal ein Möbelhaus plus Ladenzentrum bauen; doch vor wenigen Tagen kam vom Land das Veto, weil das Gesamtvorhaben den ansässigen Handel gefährde. Ikea kennt jeder; das Wort „Forensik“ dagegen wurde erst in den vergangenen Wochen zum Gemeingut. Das NRW-Gesundheitsministerium plant auf Wuppertaler Stadtgebiet eine Klinik für kranke Straftäter; doch schon zwei Vorstöße für in Frage kommende Areale riefen große Proteste hervor – nach öffentlichen Sicherheitsbedenken von Anwohnern des Bereichs Lichtscheid fürchtete man auch an der alternativ benannten Kleinen Höhe binnen Tagen um Leib und Leben – obwohl der Grüngürtel zwischen Wuppertal und Velbert leicht erkennbar unbewohnt ist.

Vielleicht ist das zu polemisch gesagt. Natürlich kann man gegen ein Großvorhaben wie eine Klinik, die straffällige Psychiatriepatienten aufnehmen soll, berechtigte Einwände haben – Sorgen um die Lebensqualität einer Gegend, aber auch etwa ökologisch begründete. Doch richtig bleibt: Aus dem enormen Zuspruch für Protestbewegungen wie diese spricht ein bürgerliches Selbstbewusstsein, dem es um mehr geht als um den konkreten Anlass. Das Volk hat seine Macht entdeckt. Und es ist entschlossen, sie zu nutzen – wo immer es passt. Ihm passt.

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– „Mehr Demokratie!“ kann auch heißen: „Mehr beschränkter Horizont“ –

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Der Wutbürger hat Schule gemacht in den letzten Jahren. Seit dem bis dahin unerhörten Volksaufstand gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21 ist es hierzulande nicht nur endgültig salonfähig für Bürger jeder Couleur, auf die Straße zu gehen. Sondern eben auch: auf ebenjene Straße sein Eigeninteresse zu tragen.

Der Kampf des kleinen Mannes für sein Wohl, seine Sicherheit, seinen Geldbeutel: Er hat die Weihen des Straßenkampfes erhalten, zu dem in der Vergangenheit gewöhnlich auch ideologische Aspekte gehört hatten. Neutraler gesagt: Grundsätze. Kritischer gesagt: Verantwortungsbewusstsein.

Wenn es aber im Windschatten des zivilen Widerstands nun zum Trend wird, Engagement zu motivieren mit persönlichem Betroffensein, dann zeigt sich: „Mehr Demokratie!“ kann auch heißen: „Mehr beschränkter Horizont“. Debatten wie die um die Wuppertaler Forensik, mitsamt mancher Aggression gegen Befürworter der Klinik, erinnern den Enthusiasten der Basisdemokratie daran, dass diese auch ihre ausgrenzende Komponente hat: Wir sind das Volk. Und wer nicht mit uns ist, der ist gegen uns.

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– Auch Google meint: Was viele wollen, muss richtig sein –

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Auch andere Nachrichten dieser Tage werfen ein Schlaglicht auf die neu entdeckte Selbstgewissheit der Vielen. Der Internetkonzern Google geht in Front zum in Deutschland geplanten Leistungsschutzrecht, das Verlage vor Online-Ausbeutung schützen will.

Und erstens steht die Suchmaschine ja nun einmal für das Vertrauen auf die „crowd“ – wer die ersten Google-Treffer für die wichtigsten hält, und das tut praktisch jeder: Für den ist Beliebtheit gleichbedeutend mit Relevanz. Zweite Devise der Netzgemeinde: Massennutzen ist gleich Berechtigung. Was so viele wollen, kann demnach ja gar nicht falsch sein, nicht ungesetzlich – oder aber die Gesetze sind falsch.

Die Masse macht‘s – jedenfalls macht sie machtvoll. In Kairo riefen Anhänger des Präsidenten Mursi und seines Kurses gegen den Einfluss der Justiz: „Der Wille des Volkes ist wichtiger als das, was ein paar Richter wollen.“ Und die Wuppertaler Forensik-Gegner, mögen sie auch an die Dimensionen des arabischen Frühlings nicht recht herankommen – in der Lokalpresse klingt es nach erstaunlich ähnlichem Selbstbewusstsein: „Wir stellen bereits Einrichtungen in dieser Form“, zitiert die „Westdeutsche Zeitung“ einen der Protestler. Womit sie natürlich die Gefängnisse im Tal meinen (nicht etwa die Krankenhäuser, obwohl es ja durchaus um eine Klinik geht).

Wir. Stellen. Bereits. Volksstolz wie in Stein gemeißelt.

Je mehr eine Protestbewegung aber von Partikularinteressen getrieben ist, desto plausibler erscheint es doch, dass für Entscheidungen bei emotional besetzten Themen doch übergeordnete Instanzen die geeigneteren sind.

Und es ist etwas anderes, ob man sich nur der Abstraktion verweigert im Sinne der altlinken Aufforderung „Das Private ist politisch!“, die ja in der Tat immer auch eine Anmaßung war. Oder aber, ob man es überhaupt für unnötig hält, umsichtig, gar konstruktiv zu handeln: Mag ja sein, eine Forensik ist nötig. Bei mir aber nicht. Wo dann? Nicht mein Problem.

Das Problem verantwortlicher Politik hingegen wäre es sehr wohl.

Aus der ewigen Klage, dass „die da oben“ den Bürger bevormunden, wird dann, dass schon der den Tatbestand der Bevormundung erfülle, der das Ganze im Blick hat. Aber für diesen Blick, und dafür braucht man kein großer Metaphoriker zu sein, ist eine erhöhte Position nicht unbedingt von Nachteil.

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–       Tahrir für die Kasperl-Crowd!    —   ________________________________________________________________

Die eigene Scholle zu verteidigen, und das mit dem Pathos des Progressiven – das ist nicht nur durch Stuttgart 21 verführerisch geworden. Der Wind des „arabischen Frühlings“, mit seinen Stichwörtern wie „Tahrirplatz“ oder „Tag des Zorns“, wird manchem Aktivisten im schönen Württemberg selbst schmeichelnd um die Nase geweht sein – und verlieh der Frage, ob ein Bahnhof nun ober- oder doch lieber unterirdisch liegen sollte, einen Hauch von welthistorischer Tragweite.

Und, „wehe“, wenn er losgelassen, der echte Revolutionsgeist weht halt, wo er will. Als es zum Ende der Wulff-Affäre die Klamauk-Abteilung der Basisdemokraten für angemessen hielt, beim Zapfenstreich das höchste Staatsamt lautstark zu zertröten: Da hatten sie zu diesem Meisterstreich bürgerlichen Engagements nicht nur mit Vuvuzelas geblasen. Sondern auch mit der Ankündigung, man plane fürs gemeinschaftliche Trompeten einen [sic!] „Tag des Zorns“.

Nur ihre Schuhe kairo-like um sich zu schleudern – darauf immerhin verzichteten die Kasperln. War wahrscheinlich zu kalt.

 

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Über martinhagemeyer

"artikuliert": Ideen, geäußert und / oder zu Artikeln gemacht. Das habe ich jedenfalls vor.
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