Poetry Slam: „,underground‘ braucht’s nicht unbedingt – Wurzeln schon“

Die Fragen stellte Fabian Mauruschat. Sein Blog findet sich unter: www.mowrooshud.com

Frage: Was ist das Besondere am Poetry Slam – oder ist das nicht einfach nur Comedy für Studenten?

Martin Hagemeyer: Die Comedy-Versuchung besteht natürlich, weil Slammer gern Reaktionen vom Publikum hören. Und bei lustigen bis zotigen Texten Lacher zu ernten, ist nun mal wahrscheinlicher, als dass bei einem ernsten Text die Zuschauer lauthals in Schluchzen ausbrechen. Trotzdem versteht jeder Slammer, den ich kenne, sich als Künstler, auch wenn er Anleihen bei Comedians macht. Zu Recht, wie ich finde – selbst guter Quatsch ist eine Kunst.

Und dass auch ein Publikum bei Slams anderes zu schätzen weiß als nur das schnelle  Amüsement: Das zeigte sich sehr schön bei den Slam-Meisterschaften letztes Jahr in Hamburg * – da kamen vor zweitausend Zuschauern Slammer wie z.B. Theresa Hahl bis ins Finale, die sehr zarte und in jeder Hinsicht „poetische“ Texte machen. Das braucht’s aber auch.

Ist das Ganze noch so ‚underground‘ wie früher oder mittlerweile schon Mainstream?

Meine persönliche Meinung zum Wort „Mainstream“: Wenn etwas „Mainstream“ wird dadurch, dass es sich vom Randphänomen in die berühmte „Mitte der Gesellschaft“ verschiebt, dann finde ich das erst mal keinen Schaden für dieses Phänomen. Vgl. ganz andere Sachen: BIONADE z.B.  Oder die Grünen. Das führt jetzt zu weit … aber richtig ist: Bedenklich wird es mit dem Mainstream meiner Meinung nach immer dann, wenn die Popularität das Ganze verwässert, die „roots“ dabei verloren gehen und man der Welt nur noch nach dem Mund redet oder schreibt. Und diese Gefahr gilt dann doch für Slam wie Grüne. – Untergrund sein, oder: am Rande zu stehen, ist nicht so wichtig. Wurzeln schon.

Wie würden Sie die Wuppertaler Slammer-Szene beschreiben? Gibt es da überhaupt etwas Typisches dran?

Etwas speziell „Wuppertalerisches“ in puncto Slam fällt mir nicht ein. Was die Slam-Szene im Tal betrifft, weise ich aber immer gern darauf hin, dass es neben dem bekannten Slam in der „börse“ außerdem jeden letzten Freitag im Monat den Poetry Slam im CONTAINERam Opernhaus Barmen gibt. Hier hatte z.B. auch Patrick Salmen frühe Auftritte, bevor er dann deutscher Slam-Meister wurde. Kaffee-Kola gibt’s auch …

Was für ein Publikum besucht Slams? Ist das in Wuppertal anders als etwa in Oer-Erkenschwick oder Düsseldorf?

Das weiß ich nicht.

Was war für Sie ein Slam-Highlight, mit Gänsehaut oder einer Träne im Augenwinkel?

Ein im Gegenteil ärgerliches, aber vielleicht nicht untypisches Erlebnis hatte ich „offstage“ in einer Slampause auf dem Herrenklo. Ein Mitslammer pirschte sich am Pissoir an mich ran und meinte: „Ich find’s echt okay, was du machst auf der Bühne. Nee wirklich. Aber weißt du: Zitternde Hände kommen da einfach nicht so gut.“ Inzwischen glaube – oder hoffe! – ich, der junge Herr hatte grundsätzlich irgendetwas missverstanden. Das Blöde ist nur, dass ich Idiot in solchen Situationen immer denke, der andere hat Recht.

Was macht einen guten Slam-Text aus?

Schön finde ich es immer, wenn ein Slamtext einen Rhythmus hat: Das kann ein Versmaß sein, was leider allerdings aus der Mode gerät, aber auch jede Art von „Dramaturgie“: Dass sich etwas gliedert, aufbaut, zuspitzt – inhaltlich oder formal. Am besten beides. Manche Slammer haben da eine eigene Kunst entwickelt, mit Sprachspielen oder Reimen (die übrigens nicht immer fürchterlich präzise sein müssen  – wir sind ja nicht in der Schule, sondern auf der Bühne) im Vortrag einen, ich sag‘ mal „flow“ aufzubauen. Ich kann das nicht (bin ja eh nicht wirklich ein alter Slam-Hase) , aber ich find‘s inzwischen toll anzuhören. Wenn es einer denn kann.

Gibt es ein Zitat aus einem Wuppertal-affinen Slam-Text, das Sie an dieser Stelle bringen möchten?

Nein, aber ich hätte eine Schlussbemerkung: Hätte ich zu sagen im Land, hieße das Genre einfach „Text Slam“ – denn nichts anderes ist es. Klingt bloß zu langweilig. … Das Ganze durch das Etikett „Poetry“ aufwerten zu wollen, tut weder den Slammern und ihrer kreativen Freiheit einen Gefallen – noch der Poesie.

 

 

* Der Artikel von Fabian Mauruschat “ ‚Dichterwettstreit‘ klingt so nach Wagner-Oper… „, für den mehreren Slammern die Fragen gestellt wurden (Oktober 2012), erscheint in der Winterausgabe des TOP Magazins.

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Über martinhagemeyer

"artikuliert": Ideen, geäußert und / oder zu Artikeln gemacht. Das habe ich jedenfalls vor.
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