Schätzchen, Modell „Harmonisch“. Zum „Autowäschekalender 2013“

In der Wuppertaler „Hebebühne“ wurde jetzt der „Autowäschekalender 2013“ vorgestellt.

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Stören tut er eigentlich nicht. Der junge Mann mit Baskenmütze geht offenbar gerade frühstücken. Außer Flasche Milch und Zeitung in der Hand trägt er zwar – eher wenig. Genauer: nur ein Höschen. Die Leute schauen auch, schmunzeln. Aber: Empört ist keiner.

Wir befinden uns bei der Präsentation des „Autowäschekalenders 2013“ in der Elberfelder Galerie „Hebebühne“; und der Mann mit der Milch ist der Boy von Februar. Erstmals für 2010 und dann fürs Folgejahr hatten die Fotografin Magdalena Schaarwächter und die Designerin Janet Schürmeyer schon zwölf Fotos auf den Markt geworfen, auf denen nur die fast nackten, männlichen Models noch jüngeren Modells schienen – ihre Leibwäsche hingegen war ebenso Typ Oldtimer wie die polierten Auto-Schätzchen, vor denen die Herren, Männer wie du und ich, posierten. Der Schock des ersten Mals, er war zur aktuellen Neuausgabe also längst verflogen.

Ob’s daran lag?

Übervoll ist der Hebebühnen-Raum in der ehemaligen Tankstelle, in dem vor Zeiten tatsächlich Autos gewaschen worden sein mögen; von Spaßmacher David J. Becher (u.a. Vollplaybacktheater) gibt es einleitende Worte zu hören – wem es denn gelungen ist, sich zwischen die offenbar zahllosen Freunde der Mann-Motor-Kombi zu quetschen. Das Interesse war schon im Vorfeld so groß, dass zu hören war, sogar ein Fernsehteam vom ZDF habe sich angekündigt.

So schön hatte man sich ein paar Worte zurechtgelegt, die man im Fall des Falles in die laufende Kamera hätte sagen können. Wie überfällig es gewesen sei, bekannte Motive scheinwerferschrubbender Weibchen auf Motorhauben einmal umgekehrt zu besetzen. Darüber, wie subversiv die hier stattfindende Vertauschung der Geschlechterrollen den nach wie vor virulenten Androzentrismus konterkariere.

… Oder so.

Und nun das.

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– Viele Testbilder, wenig Testosteron –

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An den Wänden: Zwölf Motive voll Liebe zum Detail, und mit ebenso liebevollen Namen fürs einzelne Intimkleid: „Frühlingsfrohgepunktetes Eierverstecktörtchen“ lesen die Gäste zum Beispiel, und da es ja auch auf die Technik ankommt: „VW Fridolin Typ 147, 1971 / Milchmännchenhafter Altherrenlangweilerslip.“ Die zwei Damen haben die Autobesitzer und Hobbymodels, die sie übrigens auch aus dem Bekanntenkreis und über Facebook rekrutiert haben, mit ihrem gehegten besten Stück (diesem) in alltäglichen Situationen inszeniert – im Garten etwa oder am Arbeitsplatz.

Wie aufwändig so ein Shooting ist, lässt sich dabei im Eingangsbereich erahnen: Zu Hunderten haben die Künstlerinnen hier die Wände mit Minifotos tapeziert. Man sieht Nicht-Genommenes, Offstage-Ulk – und eben die vorbereitende Arbeit, wie einzeln angebrachte Klebefolien für eins der Szenarien. „Kacheln“ fürs himmelblaue Badezimmer.

Und mit der Wahl von Quietscheentchen als Requisiten bis hin zur Matrosen-Buxe sind Schürmeyer und Schaarwächter natürlich nicht unschuldig daran, dass das hergebracht Maskuline sich durch den 2013er-Kalender allenfalls dezent herausgefordert sieht: So richtig kerlig (zwar nicht kernig) – und als Pin-Up damit erst so richtig komisch – wirkt fürs ungeübte Auge eigentlich nur der stark tätowierte Automechaniker; stark auch, wie’s vorkommt, an Muskeln und Fett. (Wie zur Bestätigung ist gerade bei ihm im Hintergrund ein Autohygienekalender an der Werkstattwand zu sehen. Also: ein richtiger.) Merke: Je tuntiger der Typ, desto harmloser ist’s, ihn zu entzaubern.

Aber ein bisschen beleidigtes Volksempfinden, hofft man, sollte doch wohl drin sein.

Wie um alles in der Welt soll man sich denn hier weltoffen zeigen gegenüber frechem Rollentausch, wenn gar niemand Anstoß nimmt an dieser Karikatur auf M/W-Standards?  Und es sind ja keineswegs nur Frauen, die ganz offensichtlich ihren Spaß finden an den fahrbaren Untersätzen plus (un)tragbaren Unterkleidern – auch Männer zuhauf. Alle schwul vielleicht? Die Begleitung vieler Herren durch ihre Freundinnen macht auch diese Hoffnung zunichte.

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– Auch Gender-Freaks können selbstironisch –

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Vielleicht ist es kein Zufall, dass jemand wie David J. Becher die Eröffnung moderiert. Von seinem Vollplaybacktheater ist ja schon gesagt worden, es sei ein Phänomen der Selbstironie, weil unter seinen Besuchern auch viele Freaks und Fans der dort verhohnepipelten „Drei Fragezeichen“ seien. Und anders kann man sich auch die allgemeine Harmonie rund um den Autowäschekalender schwer erklären: Auch Gender-Freaks können selbstironisch.

So ein Pech.

Wie wohl so manchmal hilft der liebe „Jott“  aus der Not; diesmal David J. Becher, der sich zuweilen so nennt. Er erzählt nämlich, dass bei Erscheinen des ersten Kalenders ernste Mahnungen geäußert wurden. Ein Internet-User hatte Magdalena Schaarwächters Partner  ins Gewissen geredet, seiner Freundin derlei Unfug doch bitte zu verbieten.

NAME? ADRESSE?

Es gibt sie noch, die echten Männer, wollte man jubeln ob dieser Nachricht. Die wissen, wie das läuft oder laufen sollte zwischen Männern und Frauen! Wer hinter Kameras gehört und wer eben eher auf Motorhauben. Diese rar gewordenen Gralshüter vielleicht sollte man einrahmen und neben die Kalenderblätter hängen. Denn: So richtig schön wird Parodie, gar Satire nun mal immer erst – durch Widerspruch.

Das reichte.

Der Pflicht zum subversiven Blick enthoben: So recht gelöst konnte der kritisch-komplizierte Betrachter sich erst jetzt den Bildern widmen. Um dann endlich festzustellen: Der Milchbursch vom Februar ist wirklich ganz entzückend.

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Über martinhagemeyer

"artikuliert": Ideen, geäußert und / oder zu Artikeln gemacht. Das habe ich jedenfalls vor.
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