Kunst im Fluss: „Charisma Camping“ bei GRÖLLE pass:projects

Dass angeblich alles fließt, hat ja schon einer der schlauen alten Griechen behauptet. Viel im Fluss ist jedenfalls auch bei der Berliner Künstlerin Friederike Ruff und ihrer Arbeitsweise – und so manches blieb es auch für den Betrachter, als jetzt in Wuppertal ihre Ausstellung „Charisma Camping“ eröffnete. Nicht direkt im Fluss, aber knapp daneben war übrigens der Ort dafür: die Galerie GRÖLLE pass:projects am Wupperufer.

Bevor Friederike Ruffs aktuelle Werkpräsentation in den Räumen der Friedrich-Ebert-Straße 143e startete, womit ja zwangsläufig immer auch einiges an Fixierung einhergeht, begann sie ihr Wirken im Tal in ungewöhnlich bewegter Form: In Jürgen Grölles Galerie, wo sie schon bei der ersten Ausstellung kurz nach Eröffnung im September 2010 dabei war, hatte die bildende Künstlerin nun einen „Arbeitscube“ bezogen. Heißt: Drei weiße Wände, rechtwinklig aufgestellt – die vierte war das Fenster zur Wupper –, bildeten ihr quadratisches Atelier auf Zeit (zu besuchen übrigens weiterhin – bis zum 2. September). Doch nicht nur das Temporäre dieser „Camping“-Situation sorgte in dieser Phase für Bewegung; wer wollte, konnte Ruff hier nämlich seit Mitte Juli auch selbst besuchen und Zeuge des kreativen Prozesses werden.

„Die Leute waren sehr interessiert“, erzählt die junge Frau, während sie bequem in ihrer Wupper-Werkstatt sitzt, umgeben von zahllosen Zeugnissen ihres „work in progress“: Ansichtskarten, Zeitungsausschnitte, eigene Fotos und Selbstportraits bedecken die Wand … wenn der respektvolle Gast dorthin denn vordringt durch das kreative Chaos, wie es sich auch auf dem Boden ungehindert fortsetzt. Sichtlich angetan von den Wuppertalern ergänzt sie: „Viele haben auch etwas mitgebracht.“

Blick zum Wasser: Friederike Ruff in ihrem „Arbeits-Cube“

Denn einfach nur kreatives Chaos zum Anschauen zu sein, bietet zwar ein schönes Erlebnis für den interessierten Nichtkünstler, ist aber selbstredend nicht Friederike Ruffs Haupttätigkeit auch in dieser Zeit: „Gold“ und „Wasser“ waren Themen, die sich für die Künstlerin herauskristallisiert hatten, seit sie sich an der Wupper einrichtete und auch die Stadt allmählich kennen und mögen lernte. Und da kam manches Mitbringsel gerade recht, ob „goldig“ oder „wässrig“ – ergänzt durch Recherchen und neu kombiniert geben sich in dem Atelier-Würfel inzwischen (siehe das Blog zum Projekt http://charismacamping.wordpress.com/) Fische oder historische Goldgräber-Aufnahmen ein Stelldichein mit komischen Verschrobenheiten wie dem rotierenden Plastik-Saurier auf dem Plattenspieler – auch das Urviech ist so ständig in Bewegung.

All das passt wohl zum Vorgehen der einstigen Stipendiatin der Stuttgarter Kunstakademie, das man getrost „assoziativ“ nennen kann. Auch die Werke der Ausstellung im Hauptraum von GRÖLLE pass:projects (schöne Fotos: http://www.groelle.de/current/friederike-ruff/images/ ) verleugnen nämlich – bei aller Gestaltung und Verfestigung – ihre Wurzeln als Collage keineswegs, im Gegenteil: Da sind zum rabiaten Titel „Schuld und Scheiße“ rund um die Darstellung eines menschlichen Herzens gezeichnete Haushaltsgegenstände wie Eimer und Staubsauger gruppiert. Und wiederholt sind bei „Charisma Camping“ strenge Strukturen aus Naturwissenschaft und Mathematik im Kontrast mit poppigen Elementen zu sehen – wie der fröhlichen Minnie Mouse bei „Enlightment“.

Denn trotz all der Bewegung: Bevorzugte Themen durchziehen Ruffs Werke. Dazu gehören Analogien zwischen Konsum und Werbung auf der einen Seite, Religion auf der anderen – siehe, wie erwähnt, „Schuld“ und „Erleuchtung“. Bei einem Format wie einer Ausstellung darf man als Besucher einen Schwerpunkt vielleicht auch erwarten, um das Gesehene irgendwo „festmachen“ zu können. Bei einzelnen Stücken wie den präparierten Wildtieren, die kurz hinterm Eingang ein wenig wie abgestellt den Besucher empfangen, fällt’s allerdings doch schwer mit dem Andocken.

Im Fluss bleibt jedenfalls offenbar das Treibgut, um noch mal im Bild zu bleiben, das die Wuppertaler Besucher Friederike Ruff im Lauf der ersten vier Wochen vorbei gebracht haben. Bis manche dieser Anregungen Eingang gefunden hat in ein neues Kunstwerk, wird sicher noch einige Zeit die Wupper ‘runtergehen. Ähnliches gilt übrigens auch für ein skurriles Produkt der letzten Tage vor der Vernissage, für das der Spruch vom „im Fluss“ ganz wörtlich gilt: Gehüllt in ein goldfarbiges Tuch hat Friederike Ruff sich fotografieren lassen, wie sie sich in Tuffi-Manier kurzerhand in die Wupper stellte . Was das soll? Wer weiß … Zu erfahren ist es irgendwann vielleicht– dann aber wahrscheinlich wieder an der Spree.

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Friederike Ruff: Charisma Camping. Artist in residence ab 21.07.2012 bei GRÖLLE pass:projects, Friedrich-Ebert-Straße 143e (Nähe ex-ELBA-Hallen), Wuppertal.
Die Ausstellung ist, inklusive des weiter geöffneten „White Cube“, bis zum 02.09.2012 zu sehen. Eintritt: frei.

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Über martinhagemeyer

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