Feuilleton statt Vatikan: Der Fall des „Kämmerlings“

Es gibt Milieus, die sind notorisch dafür, dass ungewöhnliche Vorfälle dort zu Fällen werden. Der Vatikan gehört dazu. Wenn aus dem engsten Umfeld des Papstes Nachrichten dringen wie derzeit über den spionierenden Kämmerling Paolo Gabriele: Dann stehen sie Schlange, die Verschwörungstheoretiker. Und es gibt ja in der Tat gute Gründe, Argwohn zu hegen gegenüber solch einer ebenso verschwiegenen wie einflussreichen Institution. Ähnlich ist das beim Metier „Leitmedien“, und hier ganz besonders beim Feuilleton.

Richard Kämmerlings, Feulletonchef der Tageszeitung „Die Welt“, ist jetzt auf eine Rangelei unter zweien seiner Kollegen gestoßen und hat dazu geschrieben. Mehr, nein, viel mehr: Er hat sie zu einem Fall gemacht, zu seinem Fall. „Aufgedeckt“ habe seine Zeitung erst kürzlich schon einen anderen Fall verschleierter Autorschaft; und nun also bringt Kämmerlings die verschärfte Version: „publizistischer Racheakt“ feuert er und lädt nach: „Hassorgie“ – brachial und doch gezielt. Scharfe Geschütze, keine Frage.

Was war geschehen? Feuilletonchef Kämmerlings („Welt“) hat herausgefunden (www.welt.de/kultur/literarischewelt/article108599900/Vergeltung-Der-grausige-Tod-eines-Grossjournalisten.html), dass in einem aktuellen Krimi (Titel: „Der Sturm“) nicht nur Feuilletonchef Schirrmacher („FAZ“) kaum verschlüsselt zum fiktiven Mordopfer wird, sondern unter Pseudonym wohl außerdem Feuilletonchef Steinfeld („Süddeutsche Zeitung“) einen ganz realen Rufmord an seinem „Blattmacher-Rivalen“ begangen hat. Alles klar?
Schlaue Streithähne unter sich, oder: Drei Männer und ihr Colt – es raucht im Blätterwald.

Warum, so fragt sich bei alldem der aufgeschlossene Beobachter, schaltet sich ein geachteter Redakteur ohne Not in die Kindereien zweier entzweiter Zeitungsleute ein, indem er selbst eine weitere Kinderei hinzufügt? Wie der „Welt“-Mann über den möglichen „Täter“ von der „Süddeutschen“ schwadroniert – Zitat: „Hier ist, wie bewusst auch immer, der Wunsch am Werk, erkannt, vielleicht sogar bestraft zu werden“ (Himmel!): Möchte man ähnlich küchenpsychologisch auch an den „Täter“ Kämmerlings herangehen, wird man sagen können: Da will jemand zeigen, dass er dazugehört.

Denn worin genau soll das Skandalon bestehen, auf dem der unverhohlen anklagende Ton des Kämmerlings’schen Pamphlets aufbaut? Der Ankläger jedenfalls scheint es selbst nicht zu wissen. Einerseits läuft seine Tatbeschreibung hinaus auf die abschließende Pointe, der mutmaßliche Autor und Rufmörder lege die Fährten so offensichtlich, dass er identifiziert werden wolle – erst dadurch könne er die persönliche Demütigung seines Opfers wie gewünscht erreichen. Problem nur: Andererseits ergeht der Literaturinspektor von der „Welt“ sich über weite Strecken des Textes im Ausbreiten seiner Indizienkette, geht merklich auf in seiner Rolle als Chefermittler und setzt für seinen Tatvorwurf gerade voraus, Steinfeld wolle seine Identifizierung verhindern: „Nur in der sicheren Deckung einer Autorenmaske lassen sich solche Bosheiten verbreiten und alte Rechnungen begleichen.“
Erkannt-Werden planen, Nicht-Erkannt-Werden planen: Ein Täter, aber mit zwei Motiven, die einander ausschließen – vielleicht hätte Richard Kämmerlings das Ersinnen von Kriminalfällen doch dem Verfasser des „Sturm“-Krimis allein überlassen sollen. Den hat immerhin schon Orhan Pamuk gelobt.

Auf dem Olymp der deutschen Intelligenzblätter hat die „Welt“ es schwer: Als Produkt der Springer-Presse mit deren Boulevard-Anteilen kann sie es an Ansehen nicht aufnehmen mit der FAZ, die für Ewigkeiten von sich sagte, dass hinter ihr „immer ein kluger Kopf steckt“ und das bis heute auch in jeder Ausgabe in Formvollendung zelebriert. Und ebenso wenig mit der SZ, die das zwar so nicht formuliert, aber diesen Anspruch selbstverständlich für sich und ihre Leserschaft ebenso erhebt.
Wer so beliebige Motivforschung betreibt wie hier der „Welt“-Ermittler, der will aller Wahrscheinlichkeit nach eigentlich etwas anderes, zum Beispiel: sich profilieren als Insider, als Ermittler auf Augenhöhe. Mag sein, er ist das nicht, mag ebenso sein, er ist es – darüber soll hier überhaupt nichts gesagt sein. Sei’s drum: Es ist doch interessant zu sehen, dass auch das kultivierteste Ressort von Tageszeitungen nicht gefeit ist vor einem sattsam bekannten Phänomen: dem Sommerloch. Und in solchen Fällen auch hier die einfache Wahrheit unter den Tisch fällt, die da lautet: Ein Loch bleibt ein Loch, auch wenn viel hineinfällt. Oder (aber ein Fall bleibt es): sich reinwirft.

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Über martinhagemeyer

"artikuliert": Ideen, geäußert und / oder zu Artikeln gemacht. Das habe ich jedenfalls vor.
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