Liebe Fundamentalisten: Wenn schon weltfremd – bitte richtig!

Ein Glück, dass ich keine Frau bin. Noch im Grübeln über eine Facebook-Kampagne, auf die ich gestern gestoßen war, kam ich am Morgen an einem Laden vorbei, vor dem ein Mann mit nacktem Oberkörper auf einer Leiter arbeitete. Nun bin ich zwar keine Frau und auch nicht schwul, musste jedoch nur wenig Mühe für die Mutmaßung aufbringen, dass ein gutaussehendes Exemplar Mann wie dieses hier bei entsprechend Orientierten so manche Grübelei spontan ins Schleudern bringen könnte. Glück gehabt, Grübelei.

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Den halbnackten Typ bitte nach Gusto selbst dazudenken – wir sind ja eine seriöse Seite.

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Auf Facebook hatte eine ägyptische Bekannte dazu aufgerufen, ein dort kursierendes Foto als „Hate Speech“ an die Administratoren zu melden. Auf diese Weise konnte man dazu beitragen, die Weiterverbreitung des Bildes zu stoppen, das zwei muslimische Mädchen zeigte – geschminkt und in engen Jeans – und untertitelt war: „If you don’t want girls to look like this during Ramadan: like!“ Da es auf Facebook nach wie vor nur einen „Like“-, aber keinen „Dislike“-Button gibt, erschien da wohl der massierte Lösch-Antrag als Mittel der Wahl, um gegen den Post vorzugehen. Das fand ich gut und machte mit.

Dem Aufruf meiner Bekannten, die für eine soziale Organisation in Kairo arbeitet, folgten zahlreiche Kommentare. Die meisten von ihnen auf Arabisch, so dass ich auf die skurrilen Online-Übersetzungen angewiesen war: „Frauen spärlich bekleidet als ihre Führer nicht eingeben Ainmh Weissagung schrägen und finden nicht ihr Wind Paradies.“ Schräg war das, ohne Zweifel; zum Verstehen reichte es aber.

– „Paradiesischer“ Konsens: Stop sex! –

Beim eigentlichen Thema hingegen bin auch ich weit entfernt davon, amüsiert den Kopf zu schütteln und über den angeblichen säkularen Nachholbedarf des Islam zu schmunzeln, wie man es als aufklärerisch Sozialisierter ja eigentlich gerne tut. Ich glaube, es gibt ein Bedürfnis danach, dem Menschlichen Grenzen zu setzen – das ich zwar nicht teile, aber nachvollziehen kann –, und das bedienen die Religionen. Und da finde ich es nicht ganz unwichtig, ob Frauenfeindlichkeit die Ursache einer Haltung wie bei diesem Jeansophoben ist – oder aber die Folge.

Will sagen: Nicht die Sorge um den Seelenfrieden ist für mich sexistisch – selbst wenn diese wie hier zu Versuchen führt, Frauen zu einem bestimmten Erscheinungsbild zu zwingen. Vorbehalte gegen sexuelle Verlockungen gibt es natürlich ständig in den Religionen. Auf dem heiligen Berg Athos in Griechenland ist Frauen der Zugang grundsätzlich untersagt; dort begründet man das so: „Aus diesem Paradiese ist das Weib verstoßen, damit der Mann nicht jenes Paradieses verlustig gehe“ und würde mit dieser Formulierung die Glaubensbrüder vom anderen Ufer (dem muslimischen) wahrscheinlich in Verzückung versetzen.

Ich finde das in Ordnung. Wer ein Problem mit bestimmten Reizen hat, der darf sich davor schützen – mit sozial verträglichen Mitteln.

– Die Einfach-Prophylaxe –

Aber: Athos ist ein Ort; und das Einzige, was er Frauen zumutet, ist, ihm fernzubleiben. (Ähnlich wie es etwa die Kaaba in Mekka Nichtmuslimen zumutet, ohne dass dies allgemein als Diskriminierung wahrgenommen würde.) Ramadan hingegen ist kein Ort, sondern eine Zeit. Wer den Anspruch erhebt, er dürfe während dieser Zeit prophylaktisch alles Weibliche reglementieren, wünscht sich letzten Endes die Frauen zu bitten, für die Zeit des Fastenmonats nicht zu existieren.

Weltfremdheit ist verschroben, aber auch wesentlich für wohl jede Religion. Und: für sich genommen nicht sexistisch. Frauenfeindlich ist für mich an solchen religiös motivierten Vorstößen vielmehr die Meinung, dass ein Mann Forderungen an Frauen stellen dürfe, weil speziell männliche Erfordernisse oder Empfindlichkeiten maßgeblich seien – für den Rest der Welt.

Ein Diskutant auf Facebook ließ die dort vertretene Ansicht nicht gelten, dass niemandem Vorschriften zu seiner Lebensführung gemacht werden dürften, solange er andere nicht angreife. Ich wiederum finde: Das Leben ausklammern darf nur der, wer es ohne Ansehen der Person tut, und also auch ohne Ansehen des Geschlechts. Der müsste dann allerdings auch den Typ vor meinem Laden fotografieren und auf Facebook schreiben: „Women, it’s Ramadan! If you don’t want half-naked lads on ladders now: like!!“

Sei weltfremd, wem dran liegt – aber dann bitte konsequent.

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Über martinhagemeyer

"artikuliert": Ideen, geäußert und / oder zu Artikeln gemacht. Das habe ich jedenfalls vor.
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