Vom „Traumschiff“ und dem Kult des Instinkts

Die „MS Deutschland“ bleibt deutsch – und der Dünkel gegen Massenkultur notwendig. Leider.

Habe ich da wieder etwas nicht mitbekommen? „TRAUMSCHIFF BLEIBT DEUTSCH.“ –  das war eine Schlagzeile vom 31.7.2012 und kein nationaler Schlachtenbericht aus Seekriegszeiten. Oder jedenfalls: nur ein bisschen.

Von zufriedenen Crewmitgliedern ist da zu lesen, die Sätze sagen wie: „Jetzt soll das Traumschiff für immer deutsch bleiben! [sic!]“ Vom „Eingreifen“ des Bundespräsidenten, welches das drohende „Ausflaggen“ der „MS Deutschland“ möglicherweise mit abgewendet habe – womit der Marineunkundige auch endlich von der Existenz dieses Wortes erfährt und außerdem von der Tatsache, dass der Bund offenbar seit Jahr und Tag nicht unerhebliche Geldsummen für ein schwimmendes Hotel mit Kitschfaktor 100 plus bezahlt.

Vermutlich taten a) mein Kopf, b) meine Augenbrauen und c) meine Nackenhaare da dasselbe wie bei denen so manch weiteren Beobachters im Lande: sich a) schütteln, sich b) runzeln bzw. sich c) sträuben nämlich. Postimperialistische TV-Spießerbespaßung plus unverhohlen völkische Töne, und das alles ohne jede erkennbare Ironie – geht’s noch?

Sträuben will sich, da ich dies schreibe, aber auch mein Zeigefinger – davor nämlich, diese soeben formulierte bildungsbürgerliche Arroganz in die Tastatur zu tippen. Muss er selten. Passen sie denn wirklich, solche Reflexe aus der Mottenkiste der Salonlinken – bei Phänomenen der Populärkultur wie diesem, das sich außer durch eindrucksvolle Bilder und viel Dramatik nicht ganz zuletzt schließlich auch durch Weltoffenheit auszeichnet und eben nicht in Kleinpumplingen stattfindet, sondern in Kenia und am Kilimandscharo?

Und ist es tatsächlich so viel lächerlicher, wenn Millionen Fernsehzuschauer sich für die Zukunft eines Flaggschiffs der deutschen Fernsehunterhaltung interessieren, als wenn der naserümpfende Café-Nachbar lieber in der „Süddeutschen“ etwa von den neuesten Kapriolen um die Bayreuther Festspiele liest? Ein Schrank mit Briefen von Siegfried und Winifred Wagner, den eine Urenkelin von der anderen Urenkelin fordert, wobei die eine dem Wieland-, die andere hinwiederum dem „Verena-Stamm“ [Doppel-sic!] angehört …

Trash as trash can, hie wie dort – oder?

Mag sein.

In linksliberalen Kreisen gehört demonstrativ vorgetragene Geringschätzung gegenüber dem Boulevard, aber auch gegenüber den Menschen, die diesem zusprechen, natürlich zum guten Ton. Elitarismus und stolze Volksferne findet sich unter den Freunden der SZ oder, noch deutlicher, der taz nicht wie bei der dafür ja ewig notorischen FAZ – genauer aber stimmt wohl nur: Es findet sich anders als dort, und keinesfalls weniger.

Ist aber gut so.

Ich glaube: Es ist gut und wichtig, wenn es starke Gegenbewegungen zum Kult des Instinkts gibt, wie der Boulevard ihn betreibt und bedient. Selbst wenn das einschließt, dass dieser Gegenkult sich selbstgefällig über diese Erhaben-, ja Erhobenheit über die Masse definiert – und über das, was er dafür hält.

Etwas ist schlecht, WEIL viele es mögen? Das ist eigentlich ja zutiefst undemokratisch gedacht. Kultiviertheit schützt nicht vor totalitärem Denken – und übrigens auch ganz entschieden nicht vor Idiotie. Und doch ist diese Überheblichkeit wohl der notwendige Preis dafür, dass es Alternativen gibt zum gesunden Volksempfinden. Die wiederum sind unverzichtbar für eine Demokratie.

Genug getippt, Zeigefinger. Frisch erhoben!

… Puh.

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Über martinhagemeyer

"artikuliert": Ideen, geäußert und / oder zu Artikeln gemacht. Das habe ich jedenfalls vor.
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