Altmaier, Hotzenplotz und Relevanz

Aktuelle Meldung 1: Die einstige Ski-Olympiasiegerin Anja Paerson hat sich als lesbisch geoutet. Nach Abschluss ihrer Karriere und ausserdem verbunden mit der Weigerung, sich zu Repraesaentationszwecken fuer die Sache der Homosexuellen zur Verfuegung zu stellen. Meldung 2: Der deutsche Umweltminister Peter Altmaier hat sich nicht geoutet. Das hat fuer ihn die TAZ uebernommen, ohne seine Zustimmung freilich.

TAZ-Chefin Ines Pohl hat das kurz darauf bedauert und sich fuer das Zwangs-Outing entschuldigt. Aehnlich ist aber beide Male die Grundhaltung, die aus Kommentaren im Fall Altmaier ebenso sprach wie im Fall Paerson: „Die sexuelle Orientierung des CDU-Ministers“ ist „politisch relevant“, dekretierte par ordre de Mufti der Blogger Stefan Niggemeier. „Ich kritisiere die Niggemeiers dieser Welt“, konstatierte darauf die Publizistin Alice Schwarzer. „Defizit an Solidaritaet“, verlautbarten Homo-Verbaende gegen Anja Paersons Weigerung, sich politisch relevant zu verhalten.

Meldung 3: Der Raeuber Hotzenplotz wird 50. Kinderbuchautor Otfried Preussler hat den Raeuberhauptmann, der bevorzugt Kasperls Grossmutter die musizierende Kaffeemuehle klaute, am 1.8.1962 veroeffentlicht, und Meinungsfuehrer der Achtundsechziger ziehen den Autor bald der unpolitischen „Kindertuemelei“.

Wer hat Recht bei alledem? Das ist nicht die Frage – jedenfalls nicht meine. Vielleicht waere es eher an der Zeit, ganz allgemein einmal etwas anderes kundzutun als letztgueltige Urteile. Naemlich die tolldreiste Feststellung: Es gibt eigentlich ueberhaupt ziemlich selten letztgueltige Urteile.

In Internetzeiten weiss man es ja zumindest theoretisch, dass in den unendlichen Weiten des Netzes nicht jeder, der sich oeffentlich aeussern kann, mit einem entsprechend unendlichen Horizont ausgestattet ist. Und das ist ja ganz recht, natuerlich und gut so. Die hier nahe liegende gesunde Skepsis gegenueber harschen Meinungen war aber vielleicht im Grunde immer schon anzuraten.

MEHR GELASSENHEIT! waere einmal eine Lektion aus dem Internetzeitalter, die mir gefallen wuerde.

Auch solange naemlich nur mehr oder weniger berufene Stimmen Gelegenheit hatten, dieselbe vor groesserem Publikum zu erheben, steckten doch in der Regel mutmasslich relativ normale Menschen dahinter. Banal? Genau, und daher so leicht uebersehen. Bloggermeinung x, Expertenurteil y, Kritikerverriss z – relevant? Och neee, lass‘ ma.

Denn haette der Raueber Hotzenplotz erst in unseren Tagen das Licht des Raeuberwaldes erblickt, haette sich bestimmt bald ein Blogger oder sonstige Online-Schlauberger gefunden, der Otfried Preussler mangelnde Solidaritaet mit Freunden selbstgemahlenen Kaffees vorgeworfen haette. Und das soll man ja auch sehr gerne tun. Leute meinen schon mal was.

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Über martinhagemeyer

"artikuliert": Ideen, geäußert und / oder zu Artikeln gemacht. Das habe ich jedenfalls vor.
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