Endlich geklärt: Der Autor dieses Textes ist Autor

Wörter sind herrschsüchtig. Am Ausgang meines Supermarkts sah ich heute drei Männer: Der mittlere musste rechts und links von seinen Begleitern gehalten werden. Ich fragte, ob man helfen könne. Der Herr links, in Dienstkleidung des Supermarkts, zögerte zunächst mit der Antwort, so als hätte ich eine komplizierte Frage gestellt, und erklärte dann: „Nein, den haben wir beim Klauen erwischt und warten jetzt auf die Polizei.“ Nicht vom Fallen also wollten sie den Dritten abhalten, sondern vom Fliehen. Einer klaut, zwei halten, drei warten; eigentlich ja eine klare Aufgabenteilung. Weiß man, wo man dran ist.

Ich entschuldigte mich; beim Mittleren, natürlich.

Immerhin hatten sie darauf verzichtet zu sagen: „Das ist ein Ladendieb.“ Dabei lieben Menschen eigentlich Wörter. Herrschsüchtige Kategorisierungen, die danach klingen, dass sie etwas Wesentliches aussagen. Wer zum Beispiel einen Unfall beobachtet hat, ist ein Zeuge. Obwohl der Satz „Ein Zeuge beobachtete den Unfall.“ genauso eine Null-Aussage ist wie der Satz „Er heiratete seine Ehefrau.“ Denn Zeuge ist ein Mensch, der einen Unfall beobachtet, ja ausschließlich in dem Moment, und in der Hinsicht, dass er diesen Unfall beobachtet.

Menschen macht das nichts, denn sie lieben Wörter.

Auch ich liebe Wörter und verwende sie gern als Autor und Journalist. Daher vielleicht weiß ich aber auch um die Macht von Wörtern, und gegenüber Macht sollte man gelegentlich vorsichtig sein.

Dass ich zum Beispiel „Journalist“ bin, erfuhr ich bei einem Pressetermin.

Die Vertreterin des Hauses stellte mich dabei als erstmaligen Teilnehmer der Runde vor als „Martin Hagemeyer, freier Journalist“. Seither fühle ich mich befugt, dieses Label für mich zu verwenden, und finde dies auch praktisch. Aber: Muss einem ja gesagt werden.

Als ich zu einer Premiere im Theater war, was ich gern tue, teilte mir ein Bekannter auf Anfrage mit, ich sei kulturinteressiert.

Zwar finde ich diesen Begriff weder sehr spannend noch sehr aussagekräftig, und auch für mich nur begrenzt passend. Mein Wissen zum Beispiel zum Thema Jazzmusik beschränkt sich darauf, dass das ist, wenn man denkt, die haben sich jetzt aber verspielt und dann aber doch nicht. Aber die Welt liebt es nun einmal, wenn man ihr Begriffe vor den Latz knallt – und wenn sie dann Ruhe gibt, dann ist das ja auch fein so.

Zweifellos ist „Freier Journalist“ ein praktischerer Begriff als „Irgendjemand, der ab und zu für dieses oder jenes Medium etwas schreibt, das das dann veröffentlicht.“ Praktischer, schmeichelhafter und, vor allem: kürzer. Einer solchen Herrschaft unterwirft man sich gerne.

Vielleicht ist es aber auch die Wortart, das Substantiv nämlich, die aus der bloßen Tätigkeitsbeschreibung den Anspruch modelt, etwas Wesentliches zu sagen, etwas Substanzielles eben. Und um skeptisch zu sein gegenüber einer Bezeichnung, die suggeriert, man sei durch sie in seiner wichtigsten Eigenschaft charakterisiert, muss man kein „Zeuge“ oder „Ladendieb“ sein. „Mutter“, zum Beispiel, kann schon genügen.

Nun ist es sicherlich jedem Kind zu wünschen, dass seine Eltern sich mit ihm identifizieren, und auch mit ihrer Rolle, die sie dadurch einnehmen. Dennoch wird das Pferd mit so einer Bezeichnung ein wenig von hinten aufgezäumt: „Viele junge Mütter gehen heute einem Beruf nach und pflegen in ihrer Freizeit außerdem diverse Hobbies oder gehen auf Partys.“ ist ein harmlos klingender Satz, der aber als ganz selbstverständlich die Überzeugung transportiert, jede Aussage über die besprochene Personengruppe bezeichne aktuelle Erscheinungsformen oder Unterabteilungen des Phänomens „Mutter“.

Im Gegensatz zu einer Formulierung wie „Auf Partys trifft man oft Menschen. Einige davon haben Hobbies, Kinder oder Berufe. Manche von diesen wiederum sind weiblich.“

Dies aber liest man nur selten.

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Über martinhagemeyer

"artikuliert": Ideen, geäußert und / oder zu Artikeln gemacht. Das habe ich jedenfalls vor.
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